K-Pop und Kapitalismus. Das Idol-Star-System und ungleiche Machtverhältnisse

Nachdem wir vor einer ganzen Weile hier auf dem Blog unser Video über K-Pop veröffentlicht haben, kommt hier nun eine zweiteilige Mini-Reihe zum Thema K-Pop und Kapitalismus. Dieser Artikel soll erstmal einen Überblick über das Produktionssystem des K-Pop und die damit verbundenen Machtstrukturen geben. 

Kapitalismus ist der Nukleus des K-Pop

K-Pop als Unterhaltungsform ist eine durch und durch kapitalistische Angelegenheit. Der Kapitalismus ist, wenn man so will, der Nukleus des K-Pop. Das übergeordnete Ziel lautet: Umsatz generieren. Um dieses oberste Ziel zu erreichen, werden alle Einzelteile der Gesamtmaschine K-Pop auf ihre kapitalistische Tauglichkeit hin optimiert. K-Pop ist ganz bewusst als industrialisierter Prozess angelegt. Natürlich gibt es auch Ausnahmen von der Regel, in denen der künstlerische Ausdruck einer Gruppe oder die Verbundenheit zu den Fans über die langfristigen ökonomischen Ziele gestellt wird. Aber nimmt man die gesamte Industrie in den Blick, geraten diese Ausnahmen eher in den Hintergrund. Und selbst wer sich für die Songs und Darbietungen von K-Pop-Künstler*innen wenig interessiert, muss staunen über die fast unermüdliche Strebsamkeit, mit der die Agenturen und K-Pop-Gruppen auf Erfolg und Perfektion hinarbeiten.

Machtverhältnisse im Idol-Star-System

Was wir hier als Musik-Casting kennen, ist in Südkorea das Idol-Star-System (aidol sŭtar sisŭt’em, in Anlehnung an das englische Wort „Idol“). Inspiriert vom japanischen Vorbild, ist es eine Ausbildung zur/m vielseitigen Unterhalter*in. Die Idol-Ausbildung wird von Entertainment-Agenturen koordiniert, die junge Menschen als Trainees unter Vertrag nehmen und ihnen Sing-, Tanz-, Schauspiel-, Sprach- und Etikette-Unterricht geben. Die K-Pop-Branche ist dominiert von drei großen Agenturen; SM Entertainment, YG Entertainment und JYP Entertainment. 

Die „Big 3“ der Entertainment-Agenturen in Südkorea: YG Entertainment, JYP Entertainment und SM Entertainment (Grafik: Populärkollektiv)

Die Produktion der Songs, Musikvideos, Choreographien, Auftritte und sonstiger Medieninhalte findet in der Regel komplett unter einem Dach statt. Das heißt, K-Pop-Produktionen sind hoch arbeitsteilig, vergleichbar mit großen Hollywood-Filmen. Jede Entertainment-Agentur hat eigene Songwriter*innen, eigene Video- und Choreographer*innen und einen großen Mitarbeiterstab für die Organisation und das Managen der Idols1.

Strenge Verträge

Viele Trainees verpflichten sich mit ihren Verträgen über einen Zeitraum von mehreren Jahren. So schätzt beispielsweise einer der Exekutiven Leiter von SM Entertainment, dass ihre Trainees im Schnitt zwischen zwei und vier Jahren trainieren, um zu debütieren (Fuhr 2016, 76). Dabei nehmen die Trainees oft sehr einschränkende und harsche Vertrags- und Arbeits-Konditionen in Kauf, und das, obwohl ein Debüt oder (finanzieller) Erfolg nicht garantiert ist. Kompliziert wird das Ganze dadurch, dass den Trainees oft keine andere Wahl bleibt:

In Korea, it has become almost impossible for artists to gain mainstream success without being signed to any of the existing entertainment companies.

Fuhr 2016, 80

Die Unterordnung unter die Regeln der Agenturen ist demnach eine notwendige Voraussetzung für Erfolg. Die entstehenden Probleme wie finanzielle Ausbeutung, Überarbeitung, Missbrauch und Kinderarbeit werden zwar öffentlich diskutiert, aber trotz Mahnungen und Einschränkungen durch die staatliche Korean Fair Trade Commission (KFTC) hat sich das Machtgefälle zwischen den Agenturen und ihren Talenten nur geringfügig vermindert (Fuhr 2016, 77f). 

High Risk, High Reward

Zugleich sind die Idols das wertvollste Gut der Entertainment-Agenturen. In deren kostspielige Ausbildung wird jahrelang investiert und auch nach dem offiziellen Debüt kosten die Produktion der Idols, deren Image und die Songs viel Geld. Die Agenturen sind deshalb gezwungen, sich nach dem „high risk, high reward“ (Fuhr 2016, 77) Geschäftsmodell zu richten. Oft dauert es mehrere Jahre nach dem Debüt einer Gruppe, bis diese den break-even erreicht und darüber hinaus nennenswerten Umsatz produziert. Aber hat eine Gruppe dann mal genug Popularität erlangt, kann sie Umsätze in Milliardenhöhe realisieren. BTS, die international erfolgreiche Gruppe der Agentur Big Hit Entertainment, hatte im Jahr 2018 durch den Verkauf von CDs, Tour-Tickets, Merch und durch nach Südkorea gelockte Touristen einen Umsatz von 4.65 $ Milliarden gemacht. Das entspricht immerhin 0.3 % des Bruttoinlandproduktes.

Kapitalismus und Konsum im K-Pop-Fandom

Auch für die Fankultur um K-Pop hat der hochprozentige Kapitalismus große Bedeutung: Viele Fankultur-Elemente wie zum Beispiel Fanmeetings oder aufwändigen Merchandise kennen wir zwar hier aus dem Musikgeschäft. Im K-Pop hat dies allerdings eine ganz neue Dimension. Die Youtuberin B.Chili beschreibt das in ihrem zweiteiligen Videoessay anschaulich.

Physische Tonträger werden aufwändig verpackt und mit einer Vielzahl an Collectables bestückt. Besonders beliebt sind dabei sogenannte Photocards, auf denen in der Regel nur jeweils eins der Mitglieder abgebildet ist. Um die Photocards aller Mitglieder zu erhalten, müssen Fans deshalb mehrere Alben kaufen. Auch die Fanmeetings sind eine sehr kostspielige und fast schon unerreichbare Angelegenheit, da die Tickets in randomisierten CD-Hüllen landen und man als engagierter Fan so lange Geld für Alben ausgibt, bis man ein Ticket hat. 

Also alles scheiße?

Als K-Pop-Fan fällt es mir selbst nicht leicht, diese teilweise sehr extremen Manifestationen des Kapitalismus immer wieder neu mit meiner eigenen Teilhabe an dem Phänomen in Einklang zu bringen. Es fühlt sich nicht gut an, durch den Konsum von K-Pop-Medieninhalten ein so ausbeuterisches und profitorientiertes System zu unterstützen.

Loyalty means investing

Interessanterweise lesen manche Fans ihren eigenen Konsum auch deutlich vielschichtiger, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Alles, was eine Gruppe an Alben, Merchandise oder sonstigen Produkten auf dem Markt veröffentlicht, wird von engagierten Fans gekauft. Dabei geht es den Meisten nicht nur um das „Haben Wollen“. Es kommt an dieser Stelle zu einem Konglomerat aus engagiertem Investment, Loyalität und Ablehnung der finanziellen Motive der Agenturen. Ein Fan fasst das so zusammen:

[L]oyalty means investing in your idols whatever you can. But then again, this is SM [Entertainment], of course, this would be their main goal, to drain us of money.

(Abd-Rahim 2019, 74)

Die Loyalität und Zuneigung zu dem Fan geht also nicht unbedingt mit einer Loyalität oder Zuneigung zu den Entertainment Agenturen einher. Viele Fans finden sich in einem Art selbstgewählten Konsumkäfig wieder, mit vollem Bewusstsein für die unausgeglichenen Machtverhältnisse zwischen Idols und Agenturen.

Verlagerung der Machtverhältnisse

In solchen Momenten ist es gut, sich vor Augen zu führen, dass Fans zunehmend in die Machtgefüge zwischen Arbeitskraft und Arbeitgeber eingreifen können. Crowdfunding-Plattformen ermöglichen es angehenden Stars, eigene Projekte unabhängig von den großen Agenturen zu entwickeln. Dadurch können die Idols nicht nur ihre Arbeitsbedingungen selbst bestimmen, sondern auch ihre Inhalte und Ausdrucksweisen freier gestalten. Ein Beispiel dafür ist das Idol Holland, der seine eigene Homosexualität in seinen Songs thematisiert und auch in den Musikvideos zeigt.

HOLLAND(홀랜드) – ‚Neverland (네버랜드)‘ M/V. Das Video wurde vom südkoreanischen Fernsehen mit einer 19+-Einstufung versehen und wird dort deshalb nicht gezeigt.

Da Homosexualität in der südkoreanischen Gesellschaft noch deutlich stärker tabuisiert ist als bei uns, wurde sein Debut-Video direkt aus dem koreanischen Fernsehen verbannt. Durch ein Crowdfunding-Projekt konnte er jedoch sein erstes Mini-Album und zugehörigen Merchandise produzieren und hat auch international (in Südkorea selbst leider eher wenig) Erfolg. Projekte wie diese deuten an, dass die Machtverhältnisse des K-Pop-Kapitalismus zumindest nicht in Stein gemeißelt sind.


Anmerkungen

1
Im Deutschen hat sich die Verwendung des englischen Begriffs „Idol“ [ˈī-dᵊl], sowie die englische Mehrzahl „Idols“ in englischer Aussprache für die südkoreanischen Popkünstler durchgesetzt. Das grenzt den Begriff von der Verwendung des deutschen Begriffs „Idol“ ab, der eher theologisch und philosophisch genutzt wird.

Zitierte Literatur:

Abd-Rahim, Atiqah. „Online Fandom: Social Identity and Social Hierarchy of Hallyu Fans“, in: The Journal for Undergraduate Ethnography, 9/1 2019, 65-81
Fuhr, Michael. Globalization and popular music in South Korea: sounding out K-pop, New York 2016

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