Rezension: „Anatomie eines Skandals“ von Sarah Vaughan

Es ist etwas schwierig, Anatomie eines Skandals von der britischen Autorin Sarah Vaughan einem Genre zuzuordnen. Da es um ein Verbrechen geht, hat es natürlich etwas von einem Krimi oder Thriller. Viel mehr als um die Auflösung dieses Verbrechens handelt der Roman allerdings von den Beziehungen zwischen den Charakteren untereinander. Die Charaktere stehen mehr als die Handlung selbst im Fokus der Geschichte und machen diese aus, auch wenn der Roman durchaus einige überraschende und interessante Wendungen hat. Da ein großer Teil der Handlung vor Gericht stattfindet, würde ich den Roman als eine Mischung aus Thriller und Gerichtsdrama bezeichnen. Beides sind Genre, die ich nicht regelmäßig lese. Die Mischung konnte mich in diesem Buch trotzdem vollkommen überzeugen.

Zusammenfassung

James Whitehouse ist ein erfolgreicher und beliebter Parlamentspolitiker und glücklich mit seiner Frau Sophie verheiratet. Doch dann verklagt seine Assistentin Olivia James wegen Vergewaltigung und das Vertrauen seiner Frau beginnt zu bröckeln. Die Staatsanwältin Kate Woodcraft vertritt die Anklage vor Gericht. Aus Gründen, die in ihre eigene Studienzeit zurückreichen, möchte sie unter allen Umständen die Wahrheit ans Licht bringen.

Meine Meinung

Anatomie eines Skandals handelt nicht per se von Feminismus, behandelt aber durchaus feministische Themen wie häusliche Gewalt, Machtgefälle zwischen den Geschlechtern und Unterdrückung. Der Dreh- und Angelpunkt des Romans ist die Vergewaltigung, derer James angeklagt wird. Das vermeintliche Opfer Olivia kommt zwar vor, ist jedoch kein Hauptcharakter und es gibt keine Kapitel aus ihrer Sicht. Im Zentrum der Geschichte stehen Anwältin Kate und James Ehefrau Sophie, zwei interessante und starke Frauen, die sehr vielschichtig sind. Die Gefühle und Motive der beiden konnte ich meistens gut nachvollziehen und beide haben ihre Fehler, was sie in meinen Augen nur glaubwürdiger gemacht hat.

Die Leser*innen bekommen einen guten Einblick in Sophies Innenleben: Sie liebt ihren Mann, der ein guter Vater für ihre zwei Kinder ist und auch ihr immer ein liebevoller Ehemann war. Dann findet sie nicht nur heraus, dass James ihr untreu war, sondern muss mit ansehen, wie ihr Mann wegen Vergewaltigung vor Gericht steht. Natürlich ist sie sicher, dass ihr Mann etwas so Abscheuliches nie fertigbringen könnte und hält zu ihm. Doch je länger der Gerichtsprozess voranschreitet, desto mehr Zweifel kommen ihr: Ist ihr Mann wirklich der, für den sie ihn hält? Sophie macht eine interessante Charakterentwicklung durch. Vaughan beleuchtet durch sie auch die andere Seite der Geschichte und gibt dieser so mehr Tiefe, denn Sophie ist zwar nicht das Opfer im eigentlichen Sinne, und doch befindet sie sich mehr in einer Opferrolle als zu Beginn angenommen.

Kate kämpft für das Gute. Sie vertritt bei Anklagen gegen häusliche Gewalt und Vergewaltigung nur die Anklage, weil sie möchte, dass die Täter ihre gerechte Strafe bekommen. Natürlich hat sie ihre ganz eigenen Gründe dafür und mir hat es gefallen, im Laufe des Buchs immer mehr über sie herauszufinden und ihre Motive langsam, aber sicher zu durchschauen.

Der Vergewaltigungsfall ist verzwickt und wirkte auf mich sehr realistisch: James Whitehouse ist privilegiert, kommt aus einem guten Elternhaus. Ihm liegt die Welt zu Füßen, er hat eine gute Ausbildung genossen und kann gut mit Menschen umgehen. Er ist beliebt, freundlich und ein erfolgreicher Politiker und natürlich zweifeln viele Charaktere im Buch allein schon deshalb an seiner Schuld: Könnte so ein Mann eine Vergewaltigung begehen? Sollte man ihm durch einen Schuldspruch Leben und Karriere versauen? Hat die Anklägerin dem Sex nicht vielleicht doch zugestimmt? Wie viele Vergewaltigungsanschuldigungen werden wohl auch in der Realität mit diesen Argumenten diskutiert?

Fazit

Anatomie eines Skandals glänzt vor allem durch vielschichtige Protagonistinnen und überraschende Wendungen. Der Wechsel von verschiedenen Erzählperspektiven und Schauplätzen macht die Geschichte abwechslungsreich und beleuchtet die ernste Thematik von verschiedenen Seiten. Wie die meisten Romane, die sich mit feministischen Themen und der Unterdrückung von Frauen beschäftigen, hat mich dieses Buch stellenweise sehr wütend gemacht. Obwohl der Roman die meiste Zeit spannend war, hatte er allerdings seine Längen und wirkte stellenweise etwas konstruiert. Trotzdem würde ich den Roman jeder Person weiterempfehlen, die Lust hat auf ernste Thematiken, umgesetzt in einer fesselnden Geschichte mit vielschichtigen Protagonisten.

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