Beitragsbild Alleinsamkeit

Alleinsamkeit im digitalen Zeitalter

Vor einigen Wochen war ich allein auf großer Reise. Das erste Mal so wirklich ganz und vollständig allein. Niemand ist mit mir geflogen oder hat mich vor Ort getroffen. Alle Menschen, die ich in dieser Zeit kennengelernt habe, waren vorher Fremde. Das hier soll aber nicht der Reisebericht dazu werden. Stattdessen möchte ich den Fokus auf ein bestimmtes Wort legen: allein. Ein Wort, über das ich mir während dieser Reise einige Gedanken gemacht habe.

Allein.

Welche Assoziationen weckt dieses Wort?

Eigentlich handelt es sich um einen relativ neutralen Begriff und doch ist das Alleinsein meist eher negativ behaftet. Alleinsein suggeriert eine gewisse Abwesenheit, ein Fehlen von etwas. Aber warum eigentlich? Und ist man heutzutage überhaupt jemals wirklich allein?

Lieber allein als gar keine Freunde

Abgesehen von dem Offensichtlichen der Situation geschuldeten, wurden meine inneren Diskurse zu dem Thema von meiner Lektüre während dieser Zeit befeuert. Während ich mit mir vorher fremden Menschen durch ein mir fremdes Land streifte, las ich nämlich genau ein einziges Buch: Lieber allein als gar keine Freunde von Anja Rützel. Es hatte durch den Titel meine Aufmerksamkeit erweckt und ich fand es außerdem thematisch eben passend. Auch der Name Anja Rützel war mir bereits untergekommen. Zugegeben, vermutlich durch die medial beachtete Auseinandersetzung mit Enissa Amani im April 2019, auch wenn ich mir seitdem ihre Kolumnen zu Reality-TV amüsiert zu Gemüte führe.

Anja Rützel, Journalistin und eben Autorin, hält in dem Buch ein Plädoyer für das Alleinsein. Wir sollten das Wort und den Zustand viel positiver aufnehmen und annehmen. Mit anderen Worten: Alleinsein hat ein Imageproblem. Anja Rützel ist gerne allein und – wie sie in ihrem Buch ausführlich beschreibt – ist sie dies vermutlich in sehr viel extremerem Maße als die meisten. Aber eben gewollt. Wir setzen allein immer schnell synonym mit einsam. Und das ist nochmal negativer behaftet. Wer ist schon gerne einsam? Rützel schlägt daher eine Wortneuschöpfung vor: alleinsam (die, wie eine Google-Suche meinerseits ergab, keine Wortneuschöpfung von ihr ist und auch von meinem Rechtschreibprogramm als offizielles Wort erkannt wird). Alleine sein, aber (meistens) gewollt. Und es ist auch okay, wenn man dabei manchmal einsam ist. Einsamkeit muss nichts Schlechtes sein. Aber alleinsam sein heißt nicht direkt, dass einem etwas fehlt. Wobei an dieser Stelle gesagt sei, dass das Wort „alleinsam“ genau auch das Gegenteil ausdrücken kann, von dem, was Rützel meint: alleine sein und dabei einsam sein, also genau die negative Emotionsverkettung, die vermutlich niemand gerne bei sich hat.

Digital Detox

Kommen wir zur zweiten Frage: was heißt denn heute schon allein? Während meiner Reise hatte ich nämlich doch einen ständigen Begleiter, der auch Zuhause nie fern ist: mein Smartphone. Breitbandinternetausbau und Strom sind nun keine auf Deutschland begrenzten Kapazitäten. Tatsächlich ist vor allem ersteres bekanntlich in vielen Ländern sehr viel besser als in Deutschland. Ich war also trotz Distanz dauerverbunden mit allen, mit denen ich auch sonst über das so geliebtgehasste Gerät verbunden bin. Das Thema der Dauererreichbarkeit belasse ich an dieser Stelle nur der Erwähnung. Worum es mir aber geht ist folgendes: Inwiefern bin ich denn in dieser heutigen vernetzten Welt wirklich allein? Nur dann, wenn ich den imaginären Stecker ziehe, die Verbindungen kappe und Smartphone (und Tablet und Laptop) in einer Schublade wegschließe? Tatsächlich ist es ja sogar möglich, sich trotz Dauerverbundenheit über diese Geräte nur noch einsamer zu fühlen.

Es gibt da natürlich diese immer häufiger erwähnte Erscheinung namens Digital Detox. Zu Deutsch wäre das etwa zu übersetzen mit „digitale Entgiftung“, aber die Deutschen lieben ja Anglizismen. Digital Detox meint also für eine bestimmte Zeit – und für die ganze Wagemutigen für unbestimmte Zeit – der digitalen Verbindung zur Welt zu entsagen. Byebye Social Media, tschüss immer erreichbar sein, bis dann ständige Informationsflut! Einfach mal wieder wirklich alleine sein. Oder eben ungestört mit jemand anderem sein.

Ich für meinen Teil habe diese Möglichkeit ungenutzt gelassen, mir tat es doch besser, eben nicht ganz allein irgendwo weit weg zu sein. Ich habe meistens kein Problem mit dem Alleinsein, gerade auf Reisen bietet das ganz andere Möglichkeiten. Aber es ist doch auch schön zu wissen, dass ich Gesellschaft haben kann, wenn ich sie brauche, und dass jemand da wäre, wenn ich reden wollte. Das Ganze in virtuell würde mir sicher auf die Dauer nicht reichen, aber ich habe ja auch nicht vor, als Einsiedlerin in eine Höhle zu ziehen. Und auch für die Reise war es nicht mein Ziel, die Flucht vor allem und jedem anzutreten. Es gibt so viele Ebenen zum Alleinsein und der Alleinsamkeit und es war sicher nicht verkehrt für mich, auch mal wieder einen Schritt zurückzutreten und darüber zu reflektieren. Abschließend kann ich sagen: ich bin wahrlich nicht gerne einsam, aber ich bin ganz gerne mal allein.

Beitragsbild: Populärkollektiv

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