Rezension: „Butter“ von Asako Yuzuki

Feminismus und Essen sind zwei meiner Lieblingsthemen, die auf den ersten Blick gar nicht viel miteinander zu tun haben. Der Roman Butter der japanischen Autorin Asako Yuzuki, übersetzt von Ursula Gräfe, verknüpft diese Themen auf interessante Art und Weise und hat mir nicht nur deshalb sehr gut gefallen.

Doch erstmal ein paar Worte zum Inhalt

Rika ist eine junge Journalistin und recherchiert zum Fall der mutmaßlichen Serienmöderin Manako Kajii, die Männer angeblich mit ihrer Kochkunst verführt und dann getötet hat. Rika möchte unbedingt ein Interview mit Manako führen. Diese erlaubt Rika, sie im Gefängnis zu besuchen, möchte allerdings nur über Essen und nicht über ihre mutmaßlichen Taten sprechen. Für Rika eröffnen die Gespräche mit Manako ein Tor in eine neue Welt voller Genuss.

Food & Feminism

Die Idee des Romans, Essen und Feminismus zu verbinden, hat mich sofort angesprochen. Der reine Akt der Nahrungsaufnahme hat noch nicht viel mit Feminismus zu tun. Doch es sind viele geschlechtsspezifische Erwartungen an die Themen Essen und Essenszubereitung geknüpft, die im Roman thematisiert werden.

Kochen ist nach wie vor eher weiblich konnotiert. Nach dem traditionellen Rollenbild kocht die Frau für den Mann, während der Mann arbeitet und die Familie bzw. die Frau finanziell versorgt. Manako geht in dieser traditionellen Frauenrolle vollkommen auf. Sie hat schon fast ein Geschäftsmodell daraus entwickelt, sich wohlhabende, meist ältere Männer zu suchen, die sie bekochen und umsorgen kann. Im Gegenzug lässt sie sich von ihnen aushalten. Feministinnen und andere Frauen generell verachtet Manako. Sie kann nicht verstehen, wieso so viele ihrer Geschlechtsgenossinnen versessen darauf sind, Karriere zu machen, wenn sie doch auch einen Mann umsorgen könnten.

Männer und Frauen müssen erkennen, dass sie ohne einander nicht glücklich sein können. Genauso wie beim Kochen nichts Gutes herauskommt, wenn man mit Butter geizt, entstehen aus fehlender Weiblichkeit und Dienstbarkeit nur minderwertige Beziehungen. Warum kapiert ihr Weiber das nicht?

Manako Kaji in „Butter„, S. 95

Manakos Verständnis von Weiblichkeit gegenüber steht Rika, eine ehrgeizige Journalistin, die sehr selbstbestimmt und unabhängig lebt. Das führt allerdings oft dazu, dass sie alles in ihrem Leben optimiert und kontrolliert und es kaum schafft, innezuhalten und etwas zu genießen.

Anstrengen, anstrengen, anstrengen – dieses Wort verfolgte Rika vierundzwanzig Stunden am Tag wie ein Fluch. Aber wie sollte sie noch mehr schaffen?

„Butter“, S. 96

Das Zusammenspiel dieser beiden Protagonistinnen bildet einen interessanten Kontrast und arbeitet verschiedene Frauenbilder und die verschiedenen Erwartungen der Gesellschaft an Frauen auf, ohne dabei wertend zu sein. Die Darstellung der verschiedenen Frauenfiguren und Frauenrollen ist in Butter wirklich sehr gut gelungen.

Ein weiterer Aspekt, der im Zusammenhang mit Essen und (weiblichem) Genuss häufig aufkommt, ist das Thema Körperformen. Als Frau hast du auf deinen Körper zu achten. Es ist ok, wenn du viel isst, aber nur, solange du dabei dünn bleibst, versteht sich. Das wird auch in Butter aufgegriffen. Rika ist zu Beginn des Romans sehr selbstbeherrscht und zu fokussiert auf ihre Karriere, um sich viel aus Essen zu machen. Durch ihre Gespräche mit Manako beginnt sie jedoch, immer mehr Gerichte und Nahrungsmittel zu probieren. Sie lernt, was es heißt zu genießen. Allerdings legt sie auch deutlich an Gewicht zu. Rika selbst macht das gar nicht so viel aus, ihr Umfeld reagiert allerdings schockiert. Auch Manako Kaji ist übergewichtig und die Berichterstattung zu ihrer Person ist häufig frauenfeindlich. Selbst die Männer, mit denen Manako zusammen ist, können gegenüber anderen Menschen kaum zugeben, dass sie Manako gern haben, denn sie schämen sich, mit einer dicken Frau zusammen zu sein.

Es wurde mehr über ihr Äußeres gespottet, als sie sich vorgestellt hatte. Es ging mehr um ihre Figur und ihr Gesicht als um ihre Artikel. Der Schock war groß, obwohl sie weder fettleibig war noch sich besonders hässlich fand.

„Butter“, S 399

Genuss & Lebenslust

Ich habe mich bei der Lektüre von Butter häufig dabei erwischt, wie mir beim Lesen das Wasser im Mund zusammengelaufen ist. Selbst die einfachsten Gerichte wurden auf so intensive, detaillierte Weise beschrieben, dass es sich um die Beschreibung eines Sternegericht hätte handeln können. Ich lese Beschreibungen von Nahrungszubereitung und dem Verzehr von Essen sehr gern, weil ich selbst gern koche und esse. In Butter werden viele einfache Gerichte wie Pasta mit Fischrogen oder Reis mit Sojasoße und Butter beschrieben. Im Kontrast dazu stehen aber auch raffinierte Gerichte, wie ein fünf-Gänge-Menü in einem französischen Restaurant oder ein Truthahn zu Thanksgiving. Durch solche Beschreibungen fühle ich mich sofort inspiriert. Deshalb habe den Reis mit Butter und Sojasoße auch direkt nachgekocht. Das ist zwar kein kompliziertes Gericht, schmeckt aber wirklich gut, dafür, dass es nur aus drei Zutaten besteht. Ich fand es sehr spannend, wie das Thema Genuss und auch Lebenslust hier aufgearbeitet werden. Butter zeigt, dass Essen viel mehr sein kann als reine Nahrungsaufnahme und dass sich Genuss positiv auf das Lebensgefühl auswirken kann.

Als Erstes berührte die kühle Butter ihren Gaumen. Der Kontrast zu dem frischen heißen Reis bestand in ihrer Struktur und der Temperatur. Rika biss auf die kalte Butter. Sie war weich, und sie spürte die Kühle bis in die Zahnwurzeln. Doch schon bald umhüllte, wie von Kajii vorausgesagt, geschmolzene Butter jedes Reiskorn und erzeugte ein Aroma, das nicht anders als golden zu beschreiben war.

„Butter“, S. 38

Fazit

Trotz all der positiven Aspekte an dem Buch hätte ich mir auf der Handlungsebene noch etwas mehr Tiefe gewünscht. Einige Handlungsstränge waren nicht gut genug auserzählt und an manchen Stellen zog sich der Roman doch etwas in die Länge. Trotzdem ist Butter ein außergewöhnliches Lesevergnügen, das zwei spannende Themen – Genuss und Feminismus – auf interessante Art und Weise thematisiert und miteinander verbindet. Die Charaktere sind interessant und vor allem Rika macht eine wahnsinnig spannende Charakterentwicklung durch. Nicht nur für Fans von japanischer Literatur eine absolute Leseempfehlung!

Butter erschien im Februar im Blumenbar Verlag. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Falls euch das Thema Übersetzung interessiert, schaut unbedingt in das spannende Interview mit Übersetzerin Ursula Gräfe auf der Verlagswebsite rein!

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