Negative Nachrichten: Hurra, die Welt geht unter

Na, heute auch schon wieder eine Unmenge an Nachrichten konsumiert? Was glaubst du, wie viel Prozent dieser Nachrichten, war negativ? Wie viele Schreckensmeldungen, Katastrophenberichte und Schicksalsschläge musste dein Gehirn heute schon wieder verarbeiten?

Vor einiger Zeit habe ich mal einen Beitrag darüber geschrieben, wo sich im Nachrichtenuniversum auch ein paar Lichtblicke und positive Nachrichten finden lassen, wenn man mal ein Gegengewicht braucht. Aus gegebenem Anlass möchte ich heute aber genauer darauf eingehen, was der übermäßige Konsum von insbesondere negativen Nachrichten mit uns macht und warum es wichtig ist, sich Auszeiten zu gönnen. Um hier transparent zu sein, kurz die Info, dass das Thema Teil meiner Masterarbeit war, die ich über positive Nachrichten und Safe Spaces geschrieben haben, aber in dem Zuge eben auch über Negativismus in den Nachrichten und seine Auswirkungen. Und ich glaube, dass es gerade mal wieder sehr relevant ist, sich diese Aspekte vor Augen zu führen. Was ich hier jetzt erzähle, ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt.

Negativität ist Nachrichtenwert

Als erstes sollte wohl gesagt werden: Nein, es liegt nicht an dir. Der Großteil der Nachrichten, die uns so alltäglich erreicht, ist negativ. Das hat verschiedene Gründe, aber einer ist dafür im Journalismus sehr entscheidend: Negativität ist ein sogenannter Nachrichtenfaktor. Die Nachrichtenwerttheorie schaut darauf, welche Merkmale eine Nachricht haben muss, um als interessant und publikationswürdig empfunden zu werden. Negativität ist etwas, das eine Nachricht relevanter macht, Positivität hingegen meist nicht. Dies hängt damit zusammen, dass Nachrichtenthemen häufig berichtenswerte Abweichungen von der Norm sind. Funktionierende Abläufe sind nicht spannend, Störungen davon schon. Über Konflikt wird häufiger berichtet als über Konsens. Die tausend Flugzeuge, die nach Plan starten und sicher landen, sind keine Meldung wert. Das eine Flugzeug, das es nicht schafft, hingegen schon. So und ähnlich wird die auch als Negativ- oder Negativitätsbias betitelte Grundhaltung im Journalismus oft gerechtfertigt. Dies hängt auch damit zusammen, dass Drama und Konflikt zu den Charakteristika des journalistischen Storytellings gehören und dem Journalismus eine Überwachungs- und Watchdog-Funktion zukommt. Letzteres bedeutet, dass Nachrichtenschaffende sich im demokratischen System in der Rolle sehen, Korruption und andere Missstände von Politik und Wirtschaft aufzudecken.

Jede Minute ein Säbelzahntigerangriff

Ferner ist der Negativbias in den Nachrichten allerdings auch durch die Rezeption bedingt. In der Psychologie geht man davon aus, dass Menschen affektiv und kognitiv oft stärker auf negative Stimuli als auf positive reagieren. So fand etwa eine Studie von 2019 mit über 1000 Teilnehmer:innen aus 17 verschiedenen Ländern von sechs Kontinenten heraus, dass Menschen kulturübergreifend durch negative Nachrichten stärker aktiviert werden als durch positive. Hier knüpft eine evolutionsbiologische Argumentation an. Bei dieser wird angenommen, dass das menschliche Gehirn darauf ausgerichtet ist, nach möglichen Gefahren und Bedrohungen im Umfeld zu schauen. Das reicht noch in die Steinzeit zurück, in der Gefahrenmeldungen, beispielsweise Säbelzahntigerangriffe, überlebenswichtig waren. Allerdings passierten Säbelzahntigerangriffe selten jeden Tag und somit hatte das Gehirn immer wieder Entspannungsphasen von den Gefahren. Seit die Welt nun viel vernetzter geworden ist und Informationen quasi in Echtzeit rund um den Globus verteilt werden, bekommt unser Gehirn keine Pause mehr von den Gefahrenmeldungen. Das ist aus neurowissenschaftlicher Sicht problematisch, denn unser Gehirn befindet sich somit in einem dauerhaften Alarmzustand und das führt zu Dauerstress im Körper.

Die ganze Welt ist furchtbar, oder?

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass es valide Gründe für eine Negativdominanz in den Nachrichten gibt, wie gerade angerissen. Allerdings ist es genauso wichtig, sich bewusst zu sein, dass die Rezeption derselben weitreichende Folgen haben kann. Dies kann einfach nur schlechte Laune sein, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Wissenschaftler:innen sind sich weitestgehend einig, dass Nachrichtenkonsument:innen ein verzerrtes Weltbild haben. So kommt etwa ein Großteil des Weltgeschehens erst in unsere hiesigen Nachrichten, wenn dortige Gewalt und Not Aufmerksamkeit erregen. Dies führt oft zu einem verzerrten Bild der Realität, da uns nur die negativen Ausnahmezustände präsentiert werden. Insgesamt sehen Menschen die Welt häufig schlechter als sie ist. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht viel Schlechtes auf der Welt gibt. Aber eben eigentlich auch viel Gutes, nur sehen und merken wir das nicht so. Macht doch beispielsweise mal den Gapminder Test.

Traum und Trauma

Neben einem zu negativ gefärbten Weltbild kann der übermäßige Konsum von negativen Nachrichten und vor allem auch der zugehörigen Bilder jedoch drastischere Folgen haben. Insbesondere Nachrichten über Kriege oder Gewalttaten können bei Rezipient:innen Trigger auslösen und so zu negativen psychischen und körperlichen Reaktionen führen. Zu diesen Stressreaktionen gehören beispielsweise Wut, Müdigkeit oder Ohnmachtsgefühle. Vor allem der wiederholte Konsum von gewaltvollen Meldungen kann zu Schlafstörungen führen und auch ohne, dass Artikel explizite Bilder zeigen, können vor dem inneren Auge oder in Träumen die entsprechenden Bilder (re-)produziert werden. Schließlich kann die ständige Konfrontation mit dem Leid der Welt auch zu einer Retraumatisierung oder sekundären Traumatisierung führen. Berichte in den Medien können nämlich Auslösefaktoren, sogenannte traumaassoziierende Stimuli, sein. Eine Reaktivierung oder Retraumatisierung bedeutet, dass eine Person, die Traumatisches, beispielsweise Gewalt oder einen Krieg, miterlebt hat, durch Bilder oder Beschreibungen in den Nachrichten getriggert werden kann, Reaktionen wie zur Zeit des erlebten Traumas zu zeigen. Eine sekundäre Traumatisierung liegt dann vor, wenn der:die Rezipient:in selbst nicht von einem traumatischen Erlebnis direkt betroffen war, durch den übermäßigen Konsum von Nachrichten oder Geschichten dieser Art aber ähnliche Symptome zeigt. Das sind jetzt nur sehr schwammige Definitionen, denn ich bin wahrlich keine Psychologin und selbst Expert:innen sind sich über die Traumabegriffe uneins. Eine Studie der Bradford University konnte jedoch nachweisen, dass Menschen auf Gewaltberichte sehr unterschiedlich reagieren und bei einem Fünftel der Teilnehmer:innen Stressreaktionen auftraten, die denen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ähneln. Ferner gibt es die sogenannte „compassion fatigue“, bei der es sich um einen Schutzmechanismus der Psyche handelt. Menschen haben nur eine begrenzte Kapazität, um empathisch mit negativen Emotionen, etwa aus Meldungen über Elend, und emotionalem Involvement mit anderen leidenden Menschen, umzugehen. So erregen zwar negative Bilder und Geschichten Aufmerksamkeit, werden aber aus Selbstschutz der eigenen Psyche schnell wieder ignoriert. In extremeren Fällen stumpft man dabei ab, sodass die eigenen empathischen Fähigkeiten geringer werden, da sonst die übermäßige Negativität mental nicht zu verkraften wäre.

Hoffentlich geht es euch gut und wenn nicht, ist auch okay

Das sind jetzt natürlich Extrembeispiele mit paternalistischer Komponente. Es ist selbstverständlich nicht meine Intention hier für Betroffene zu sprechen und ihnen Gefühlzuschreibungen anzuhängen und Entscheidungsgewalt abzusprechen. Was ich verdeutlichen möchte ist, dass der Konsum der ganzen Negativität erhebliche Folgen haben kann. Dies gilt für die herkömmlichen Nachrichten, aber genauso oder sogar insbesondere für Social Media. Das heißt nicht, dass ihr, wenn ihr eine Zeit lang schlecht schlaft, traumatisiert seid. Aber es kann nicht schaden, auf die Signale des Köpers zu hören und vielleicht den Nachrichtenkonsum etwas zurückzuschrauben, wenn es einem gerade nicht gut geht. Und auf der anderen Seite auch auf andere zu achten. Vielleicht sollte man manche Menschen mit gewissen Themen besser in Ruhe lassen oder Verständnis für ihre Reaktionen haben. Außerdem ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass es auch vollkommen okay ist, wenn ihr viele negative Nachrichten lest und es euch trotzdem sehr gut geht und ihr lauter schöne Dinge tut.

Dieses sehr bekannte Meme von KC Green ist auch hier wohl sehr passend

Was soll die Lösung für den Dauerbeschuss der negativen Nachrichten sein? Ich kann euch hier nicht das Allheilmittel verschreiben. Denn trotz allem schauen, lesen und hören wir Nachrichten mit einem Grund – gerade in Krisenphasen. Verschiedene Ansätze im Journalismus, den Fokus weg von der Negativität zu wenden, sind gut gemeint, aber keine schnelle Lösung. Daher kann ich euch gerade nur das mitgeben: Hört auf euren Körper! Man muss nicht 24/7 informiert sein. Gerade Social-Media-Pausen sind ein Segen. Der erste Griff morgens muss nicht zum Handy gehen und das Display muss auch nicht das Letzte sein, was ihr seht, bevor ihr schlafen geht. Wenn ihr merkt, der Zustand der Welt lässt euch verzweifeln, sprecht mit Leuten darüber. Wenn ihr merkt, ihr seid körperlich oder mental erschöpft, macht Dinge, die euch guttun. Macht Pausen. Seid nett zu euch. Und ja, schaut auch bei Angeboten von explizit positiven Nachrichten vorbei. Sie helfen doch manchmal dabei sich zu erinnern, dass es nicht nur Idiot:innen und Schlechtes auf der Welt gibt.

Zum Schluss ein paar Literaturtipps, auf die sich dieser Beitrag zum Teil stützt, wenn ihr euch noch ein bisschen genauer mit den Themen beschäftigen wollt:

  • Hans Rosling, Ola Rosling und Anna Rosling Rönnlund – Factfulness: Ten Reasons We’re Wrong About the World – and Why Things Are Better Than You Think. (2019)
  • Maren Urner – Schluss mit dem täglichen Weltuntergang: Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren. (2019)
  • Cathrine Gyldensted – From Mirrors to Movers: Five Elements of Positive Psychology in Constructive Journalism. (2015)
  • Ronja von Wurmb-Seidel – Wie wir die Welt sehen: Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien. (2022, Neuerscheinung! Rezensionsexemplar trudelt demnächst bei uns ein)

Letzte Zwischenüberschrift inspiriert vom Podcast Drinnies von Giulia Becker und Chris Sommer

Beitragsbild: Unsplash/Jeremy Bishop

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