Rezension: „Auf Basidis Dach“ von Mona Ameziane

Vorweg eine Fernweh-Warnung. In ihrem Debüt Auf Basidis Dach schreibt Mona Ameziane vor allem über ihre Spurensuche in Marokko. Von daher könnte es euch mit dem Buch wie mir gehen und euer Verlangen von Kapitel zu Kapitel stärker werden, einen ordentlichen Pfefferminztee auf einem der Dächer von Fès zu trinken – am liebsten mit der Autorin zusammen. Leider muss ich es wohl gerade dabei belassen, an einem Schreibtisch in Köln einen Beutel in eine Tasse zu hängen und meine Gedanken zum Buch niederzuschreiben.

Wer viele Bücher liest, kann auch schreiben?

Man kennt Mona Ameziane bisher wahrscheinlich vor allem als Moderatorin des WDR-1Live Formats Stories. Den gleichnamigen Instagram-Kanal gibt es leider nicht mehr, aber ihr persönliches Profil erfreut ebenfalls mit Empfehlungen und Gedanken rund um Bücher.

Ich muss zugeben, ich bin immer ein wenig skeptisch, wenn Menschen, die in der Öffentlichkeit für ihre Buchbesprechungen bekannt sind, selbst Bücher schreiben. Wahrscheinlich bin ich hier von einigen Booktuber:innen (also YouTuber:innen, die hauptsächlich Videos über Bücher machen) geprägt, die Bestseller schreiben konnten, weil das Marketing stimmte, nicht aber unbedingt die Qualität der Bücher. Mona Amezianes Erstlingswerk enttäuscht aber zum Glück nicht. So klug und interessant, wie sie in der Öffentlichkeit – ob Radio, Veranstaltungen oder Social Media – über Bücher spricht, so hat sie auch ihr eigenes Buch geschrieben.

Wenn ihr Lust habt, mit Mona gemeinsam ihr Buch zu lesen, dann schau auf ihrem Instgramprofil vorbei

Worum geht’s denn nun genau in dem Buch?

Da alles, was ich versucht habe, hier selbst zu formulieren, wie ein Abklatsch wirkte, im Folgenden der offizielle Klappentext: „Zuhause ist für Mona Ameziane der Norden des Ruhrgebiets, aber auch der Norden Marokkos. In ihrem ersten Buch erzählt sie vom Aufwachsen zwischen zwei Kulturen, die mehr zu trennen scheint als drei Stunden Flugzeit, von abenteuerlichen Taxifahrten durchs Atlasgebirge und von einer leeren Dachterrasse voller Erinnerungen.“

Das Buch ist eine Mischung aus Autobiographie, Sachbuch, Familiensaga, Märchen und Reisebericht. Monas Mutter ist Deutsche, Monas Vater Marokkaner. Mona selbst ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, fliegt aber von klein auf regelmäßig zur Familie nach Marokko. Im Buch versucht sie zu ergründen, was denn für sie heißt, sowohl Deutsche als auch Marokkanerin zu sein, und stellt dafür viele Fragen an ihren Vater und das Land, aus dem er kommt.

Persönlich und erzählerisch

Mir ist am eindrücklichsten aufgefallen, wie persönlich das Buch ist. Das sollte nicht erstaunen, da es schließlich den Untertitel trägt Über Herkunft, Marokko und meine halbe Familie. Aber mich hat trotzdem die Art, wie Mona Ameziane sich, ihre Familie und das Land in dem Buch entdeckt und reflektiert, sehr berührt. Daher ertappe ich mich auch gerade dabei, während ich diese Blogrezension schreibe, dass ich viel mehr Persönliches von mir preisgeben will, als ich es eigentlich tun würde. Das liegt vielleicht daran, dass die Autorin und ich im selben Jahr geboren sind, in derselben Stadt wohnen und beide einen Nachnamen haben, von dem niemand auf Anhieb weiß, wie man ihn ausspricht. Aber Gemeinsamkeiten mal beiseite, Mona Ameziane schafft einfach durch den Einblick in ihr Leben und ihre Gedankenwelt eine gewisse Nähe zu den Leser:innen. Es braucht auch eine Portion Mut, so viel von sich preiszugeben. Besonders schön fand ich vor allem die Vater-Tochter-Beziehung, die viel Raum im Buch bekommt. Man merkt die Liebe durch die Seiten.

„Ich schreibe ein Buch“, sage ich direkt, als er abnimmt.

„Ach du Scheiße“, kommt es vom anderen Ende der Leitung.

„Wieso ach du Scheiße?“

„Ein Buch?“ Seine Stimme klingt mindestens zwei Oktaven höher als in ihrem Ruhezustand.

„Ja, über Marokko und über mich und sehr wahrscheinlich auch über dich.“

Auf Basidis Dach, S. 8

Ein Gedanke, der mir außerdem beim Lesen zwischendrin kam, war, dass dies auch ein Roman sein könnte. Damit möchte ich Mona Ameziane nicht etwa unterstellen, dass Teile ihrer Erzählung fiktiv wären, auch wenn man das bei (Auto-)Biografien nie so genau weiß. Ich glaube, es war viel mehr die Art der Erzählung, die mich denken ließ, dass genauso gut ein:e Autor:in sich die Figur der Mona und ihre Entdeckungsreise ausgedacht haben könnte, um daran verschiedene gesellschaftsrelevante Reflektionen anzustellen. Man könnte es vielleicht so zusammenfassen: Mona Ameziane schreibt nicht nur, sie erzählt.

Marokko, oh Marokko

Die Widmung des Buches lautet: Für alle, die mal dort waren. Und ich glaube, dass das tatsächlich einen sehr entscheidenden Anteil daran hat, wie man das Buch liest und wie man es findet. Natürlich ist die Widmung vielfach auslegbar, aber ich gehe jetzt mal nach dem Naheliegendsten, also dass sie alle diejenigen meint, die bereits in Marokko waren. Ich kann mich zu diesem Personenkreis zählen. Zwar habe ich keine Familie dort, aber auch für meine Familie hat das Land eine besondere Bedeutung. So war es auch das erste Land außerhalb Europas, in dem ich jemals war. Und damit kommen wir zum Fernweh. Denn schon nach den ersten Kapiteln musste ich das Buch kurz zur Seite legen, um stattdessen meinen PC und die externe Festplatte anzuschmeißen, um mir Bilder einer Reise, die inzwischen mehr als zehn Jahre zurückliegt, anzuschauen. Denn während Mona Ameziane von Marokko erzählt, entstehen vor meinem inneren Auge Bilder von Straßen, Plätzen (Djemaa el Fna vergisst man wohl nie) und Gebäuden. Aber hier geht es ja nicht um meine Marokko-Erinnerungen, sondern die von Mona Ameziane. Und die bringt sie in unterhaltsamer und gleichzeitig informativer Weise zu Papier. Ich kann auch nur unterstreichen, den Empfehlungen und Quellen im Buch nachzugehen.

Fazit

Mona Ameziane ist ein erzählerisch starkes Debüt gelungen, das Themen wie Herkunft, Identität, Rassismus, Feminismus, Religion und Kultur aufgreift. Zwar musste ich mich in den Kapiteln manchmal ein bisschen zeitlich und räumlich orientieren, in manche Themen hätte man tiefer eintauchen können und sicher gäbe es auch den ein oder anderen weiteren Kritikpunkt, aber ehrlich gesagt, habe ich keine Lust, stärker auf diese einzugehen. Ich habe das Buch einfach sehr gern gelesen und würde es daher an dieser Stelle absolut weiterempfehlen. Gerade für regnerische Herbsttage ist es sicher auch schön, sich mit in den Norden Afrikas nehmen zu lassen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was Leser:innen zu dem Buch sagen, die vielleicht mit Marokko gar keine Berührungspunkte haben. Oder was diejenigen sagen, die in einer ähnlichen Situation wie Mona Ameziane sind. Ich finde, es ist ein Buch, das zum darüber und miteinander sprechen einlädt. Was, wenn man Mona Amezianes Job bedenkt, wahrscheinlich gar nicht so verwunderlich ist. Also Mona, falls du das hier liest, für den Pfefferminztee wäre ich immer noch zu haben, ich begnüge mich auch mit einer Dachterrasse in Köln statt Fès.

Happy Book Birthday! Auf Basidis Dach von Mona Ameziane erscheint am 07. Oktober 2021 bei Kiepenheuer & Witsch. Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Beitragsbild: Populärkollektiv

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