Buch "Im Bauch der Königin" im Blumenbeet

Rezension „Im Bauch der Königin“ von Karosh Taha

Amal beginnt: „Und immer fragten sie mich, wie ich es angestellt hatte, den neuen Jungen, der wesentlich größer und stärker war, zu verprügeln, und ich erzählte, weil mir jeder zuhörte und mich glauben ließ, etwas Bedeutendes vollbracht zu haben, und ich erzählte, weil die Männer sich freuten und die Frauen sich ärgerten, weil mein Vater mich auf den Schoß nahm und mich aufforderte, die Geschichte seinen Männerfreunden zu erzählen, als wäre sie eine seiner Anekdoten, als wäre ich seine Handpuppe.“ (S.7)

Auf der anderen Seite sagt Raffiq schlicht: „Keiner möchte gegen Younes kämpfen.“ (S.7)

Zwei Anfänge, zwei Sichtweisen, zwei Geschichten. Das ist das neue Buch von Karosh Taha (erschienen im April 2020 bei DuMont). Im Bauch der Königin habe ich bei so einigen schnell auf den „to read“-Listen gesehen und auch auf meiner landete es prompt, nachdem ich die Kurzbeschreibung gelesen hatte. Auch das Missy Magazine titelte „Karosh Taha: Ehrt die Schlampe“ und hatte einen Artikel über das Buch, der sehr neugierig machte. Eine Frau, die emanzipiert sich den ungeschriebenen Regeln ihrer kurdischen Gemeinschaft in einer deutschen Stadt widersetzt und damit Faszination und Abscheu bei den Freund*innen ihres Sohnes weckt plus Einflüsse aus Tausendundeiner Nacht? Das klang spannend und war die Erwartungshaltung, mit der ich an das Buch ging. Und um es direkt vorwegzunehmen: Meine Erwartungen wurden leider nicht ganz erfüllt. Aber der Reihe nach.

Worum geht’s?

Tja, da sind wir sogar schon bei einem der größten Probleme, die ich mit diesem Buch hatte. Meiner Ansicht nach geht es nämlich in dem Buch um etwas ganz anderes als das, wie es beworben wurde. Hier ist der Text, der bei Goodreads steht und den ich auch an vielen anderen Stellen gelesen habe: „Shahira bricht die Regeln der kurdischen Community mehrfach: Sie ist alleinerziehend, schert sich nicht um die Blicke der Leute, die sie mit ihrer Freizügigkeit auf sich zieht, lebt nicht monogam. Für Amal und Raffiq, die Freunde ihres Sohnes Younes, ist sie Faszination und Provokation zugleich. Sie bewundern Shahira für ihre Kompromisslosigkeit und ihren Umgang mit Sexualität, missbilligen aber auch, wie sie ihre Bedürfnisse scheinbar über die ihres Sohnes stellt. Shahiras Andersartigkeit konfrontiert alle drei mit ihren eigenen Sehnsüchten, ihren Vorurteilen wie auch den Entscheidungen, die sie treffen müssen. Und ändert auf diese Weise ihr Leben für immer.“

Das klingt nach einem faszinierenden Buch. Leider war es für mich nicht das Buch, was ich bekommen habe.

Worum geht’s eigentlich?

Amal, Raffiq und Younes wachsen in einem von Kurd*innen bewohnten Viertel irgendwo in einer Stadt im Westen Deutschlands auf. Der Großteil spielt zu ihrer Abizeit und sie müssen sich überlegen, wo sie eigentlich im Leben stehen und wo sie hinwollen. Im Fokus befinden sich ihre Familien, Freund*innen und die Suche nach Identität.

Shahira, die „Schlampe“?

Vielleicht werden jetzt einige sagen, die zwei Beschreibungen sind doch sehr deckungsgleich. Und ja, natürlich war es kein komplett anderes Buch als das, was angepriesen wurde. Allerdings bin ich von allem, was ich durch die Kurzbeschreibung und das Marketing um das Buch gelesen hatte, davon ausgegangen, dass im Zentrum des Romans Shahira steht. Aber als ich das Buch dann gelesen hatte, kam mir Shahira immer nur wie eine Nebenfigur vor. Zwar schon eine, die nicht unwichtig ist und die für die jeweilige Erzählperson als Projektionsfläche dient. Allerdings kam mir ihre Rolle nicht als entscheidend für die Geschichten vor. Die inneren Konflikte der Personen existieren auch ohne Shahira. Ihre familiären Probleme, ihre Suche nach Identität in der kurdischen Gemeinschaft in Deutschland und die Frage, wie ihre Zukunft aussieht: man kann in all das Shahira als Projektionsfläche hereinlesen, ich habe es allerdings nicht getan. Für mich war es eher, als ob ihr Name immer wieder eingestreut würde in das Buch, ohne wirklich eine Bedeutung zu haben. Ich habe mir einfach von meinen Vorerwartungen viel mehr Fokus auf Shahira und ihrer Behauptung als selbstbestimmte Frau in dieser kurdischen Gemeinschaft gewünscht. Ihre Figur kam mir einfach zu kurz. Das mögen andere natürlich anders sehen. Interessanterweise drehte sich aber auch unsere Diskussion in meinen Lesekreis, in dem wir das Buch letzten Monat besprochen haben, sehr wenig um Shahira. Für uns waren anscheinend andere Aspekte sehr viel wichtiger zu thematisieren.

Zwei Seiten der Medaille

Was das Buch auf jeden Fall besonders und daher auch interessant zu lesen macht, ist, dass man es von beiden Seiten lesen kann. Dabei ist es eigentlich egal, mit welchem Teil man beginnt, hat aber natürlich Auswirkungen auf die Rezeption. Auf der einen Seite erzählt Amal die Geschichte. Amal, die nicht die Rolle des typischen Mädchens erfüllen möchte und deren Vater die Familie vor Geburt ihres kleinen Bruders verlässt, um zurück in den Irak zu gehen. Auf der anderen Seite lesen wir aus Sicht von Raffiq. Der eigentlich keine Veränderungen will, sich aber dem stellen muss, dass er nach dem Abitur eine bisher offene Zukunft hat, während alle anderen Pläne für sich und ihn entwickeln.

Eine der großen Fragen des Romans ist: Lesen wir dieselbe Geschichte aus zwei Perspektiven, die sich uneinig sind und daher wohl als unzuverlässige Erzähler*innen gesehen werden können? Oder haben wir es mit zwei Paralleluniversen zu tun, die zeigen, wie die Geschichte sein könnte? Das schöne an Büchern ist ja, dass Leser*innen so etwas bei der Rezeption selbst für sich entscheiden können. Es gibt doch sehr selten nur eine richtige Lesart eines Buches – dazu haben wir im Studium nun wirklich genug Texte behandelt (looking at you, Umberto Eco). Karosh Taha selbst hat in einem Interview bei 1Live Stories gesagt, dass es sich um zwei alternative Geschichten handelt, nicht um dieselbe. Das wäre auch meine Interpretation. Ich will gar nicht tiefer einsteigen darin, wie sich die Versionen unterscheiden, denn das ist ja nun Teil des Buches und ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen für die, die es noch lesen wollen. Was ich nur noch lustig fand an der Möglichkeit, das Buch von jeder Seite lesen zu können, ist, dass wir wohl alle doch Gewohnheitstiere sind. Das Buch hat nämlich ein Lesebändchen und Karosh Taha sagte im Interview, dass deswegen wohl die meisten Leute mit Amals Teil begännen, weil sie davon ausgingen, dass das Buch so herum gehörte. Das hätten sie wohl vor Veröffentlichung nicht bedacht. Auch ich habe mit Amals Teil begonnen, aber eher, weil ich die Prämisse zunächst spannender fand.

„In Kurdistan werde ich das, was du hier bist“

Was mich in unserer Diskussion im Buchclub sehr fasziniert hat, war, dass jede*r von uns etwas Anderes aus dem Buch gezogen hat und für sich einprägend fand. Wie gesagt, anscheinend war es für niemanden Shahira und ihre Rolle. Ich fand die eigentlichen Konflikte, denen die Hauptfiguren ausgesetzt sind, sehr spannend. Die Suche nach Identität und die Frage nach einem Platz in der Welt sind nicht neu, aber sie werden hier interessant verhandelt. Ich habe bisher wenige Bücher über Emigrant*innen aus der kurdischen Region des Iraks gelesen, auch wenn ich mich arbeitsbedingt viel mit diesem Teil der Welt beschäftige. Man merkt, dass Karosh Taha weiß, wovon sie schreibt und ich vermute, dass sich viele in ihren Figuren und Fragen wiedererkennen. Die Autorin ist selbst in Zaxo geboren, bevor sie schließlich nach Deutschland kam. Im Buch ist dies auch die Stadt, in die die Väter der jeweiligen Hauptperson zurückkehren wollen, weil sie mit ihrem Leben in Deutschland so hadern. Lieber wieder Architekt sein in Kurdistan als Lagerarbeiter in Deutschland. Für eine aus meinem Buchclub etwa war diese Vaterbeziehung sehr zentral in der jeweiligen Perspektive. Die Protagonist*innen ringen beide mit ihrem kurdischen Erbe und was das für sie in Deutschland bedeutet. Den ganzen Einblick in diese Community fand ich sehr eindrücklich und ein Satz, der hier nachklingt, ist der, den Raffiq in der Diskussion, ob die Familie zurück in den Irak geht, zu seinem Vater sagt. „In Kurdistan werde ich das, was du hier bist“ (S. 93).

Die schöne Sprache

Zum Schluss möchte ich noch auf die Sprache eingehen, und zwar im doppelten Sinne.

Zunächst ein paar Worte zum Schreibstil: Ehrlicherweise muss ich sagen, ich hatte so meine Probleme damit. Karosh Taha kann schreiben, das ist nicht die Frage. Aber sie baut unglaublich lange Schachtelsätze, die ich teilweise sehr anstrengend zu lesen fand. Das Buch erfordert eine gewisse Konzentration beim Lesen, was grundsätzlich natürlich nichts Schlimmes ist, aber für mein Gefühl zum Teil unnötig war. Die beiden Erzählpersonen berichten aus der Ich-Perspektive und haben durchaus verschiedene Erzählstimmen. Allerdings sind es gerade diese langen Sätze gewesen, die mich immer ein bisschen herausgerissen haben, weil sie so offensichtlich die Art zu schreiben der Autorin waren und nicht die Art der Erzählpersonen. Der zweite etwas schwierige Aspekt waren die vielen Wiederholungen, derer man sich als Leser*in ausgesetzt sieht und die außer eines Stilmittels oft keine Funktion erfüllen. Amals Erzählung driftet oft fast in eine Art Stream of Conciousness und da in diesem Teil direkte Rede nicht durch Anführungsstriche gekennzeichnet ist, was ich generell beim Lesen anstrengend finde, kommt immer mal Verwirrung auf, was wirklich gesagt wurde und passiert ist und was nur in ihrem Kopf stattfand. Raffiq dagegen ist sehr viel mehr geradeaus und sehr viel weniger reflektiert. Letztendlich geht es in dem Buch eben auch um verschiedene Sichtweisen und wie Geschichten erzählt werden können.

Wie oben beschrieben, behandelte das Buch für mich sehr viel die Suche nach Identität zwischen Kurdistan und Deutschland. Auch dies wird sehr schön durch die Sprache unterstrichen. Grundsätzlich ist das Buch in deutscher Sprache und auch alle Figuren sprechen Deutsch miteinander. Allerdings lässt sich vom Kontext sehen, dass sie manchmal Kurdisch miteinander reden müssen und die Gespräche für die deutschsprachigen Leser*innen übersetzt wurden. Hin und wieder sind auch einzelne kurdische Wörter eingestreut und es wird aufgezeigt, dass eine Übersetzung manchmal einfach nicht möglich ist. An was ich mich deutlich erinnere, ist auch die Szene, in der Amal sich wünscht, eine gemeinsame Sprache mit ihrer Mutter zu finden im „Kurdeutschen“. Immer die Sprache und die Wörter benutzen, die sich gerade am passendsten anfühlen und eine Verbindung herbeiführen. Gerade für Amal ist es auch der Wunsch danach, eine Identität für sich zu finden, die vielleicht „kurdeutsch“ ist.

Fazit

Beim ersten Lesen hat mich Im Bauch der Königin leider nicht so in seinen Bann gezogen wie erhofft. Ich glaube, ich werde das Buch irgendwann in Zukunft nochmal lesen. Denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass wenn ich mit einer anderen Erwartungshaltung an das Buch gehe, es mir viel besser gefällt. Trotzdem schmälert dies nicht meinen ersten Eindruck, der eindeutig etwas enttäuscht ist und bei dem ich so meine Probleme hatte, in die Geschichten hereinzufinden. Aber ich bin sehr gespannt, was andere noch dazu zu sagen haben. Meinungen?

Beitragsbild, Bilder: Populärkollektiv

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