BTS-Comeback: „Map of the Soul : 7“

Nach unserem Einführungsvideo zum Thema K-Pop melden wir – Alike und Jenni – uns mit einem neuen Artikel zurück. Diesmal soll es um das Comeback unser gemeinsamen Lieblings-K-Pop-Gruppe BTS gehen. Zusammen wollen wir das Comeback nochmal Revue passieren lassen und dabei reflektieren, was uns daran gefallen hat und was nicht. Dabei nehmen wir beide ein wenig verschiedene Sichtweisen ein: Für Jenni ist es bereits das dritte BTS-Comeback, das sie miterlebt, sie ist also schon eine erfahrene ARMY (ARMY = Adorable Representative M.C. for Youth; offizieller Fandom-Name für BTS). Alike ist noch ein Baby-ARMY. Für sie ist es ihr erstes BTS-Comeback. Doch warum rezensieren wir hier ein „Comeback“ und nicht einfach nur das neue Album von BTS, Map of the Soul: 7? Im K-Pop wird selten nur auf die Musik geschaut. Das gesamte Auftreten einer Gruppe muss hier als Gesamtkunstwerk angesehen werden und für BTS gilt das mehr als für jede andere Band.

Comeback? Was soll das überhaupt heißen?

Die unter euch, die weniger mit K-Pop vertraut sind, kennen den Begriff Comeback wahrscheinlich aus der westlichen Musik. Dort wird er meist verwendet, wenn z.B. eine Band, die sich getrennt hatte, sich nach jahrelanger Pause wieder zusammenschließt und ein neues Album herausbringt (wie z.B. die Jonas Brothers im Jahr 2019). Im Gegensatz dazu wird der Begriff im K-Pop immer dann verwendet, wenn eine Gruppe ein neues Album herausbringt. Der erste Auftritt einer Gruppe mit der neuen Single wird dann „Comeback Stage“ genannt.

BTS: Content, Content, Content!

In den meisten Fällen besteht ein K-Pop-Comeback aus einer Single mit einem Musikvideo in Verbindung mit einem neuen Album. Bei älteren BTS-Comebacks gab es zusätzlich dazu meist noch Konzeptfotos und einen Comeback-Trailer, bei dem es sich um ein Solo-Video von einem der Mitglieder handelt.

Schon die Tatsache, dass BigHit Entertainment, das Label bei dem BTS unter Vertrag sind, vor Beginn des Comebacks eine „Comeback-Map“ veröffentlicht hat, zeigt, dass es dieses Mal ein bisschen anders lief:

Im Zentrum des Comebacks steht zwar die Veröffentlichung des Albums Map of the Soul: 7 (kurz: MOTS: 7), das neben den sieben Songs, die auch schon auf der EP Map of the Soul: Persona (kurz: MOTS: Persona) zu hören waren, aus 15 neuen, also insgesamt aus 22 Songs besteht. Zusätzlich dazu gab es bei diesem Comeback aber eine wahrhafte Flut an Inhalten: In weniger als zwei Monaten haben BTS zwei Musikvideos, zwei Comeback-Trailer, einen Artfilm, ein Kinetic Manifesto, sowie vier unterschiedliche Variationen von Konzeptfotos veröffentlicht. Außerdem haben BTS und BigHit unter dem Titel Connect, BTS Kunstausstellungen in fünf Städten weltweit ins Leben gerufen.

Alike: Wenn man als engagierter Fan eine so inhaltsreiche Comeback-Phase mitmachen will, kann man auf jeden Fall einige Zeit rein stecken. Als „Anfängerin“ hatte ich einfach mal Lust, das ganze Brimborium mit Album vorbestellen, Musikvideos streamen und Fotos liken zumindest ein bisschen mitzumachen. Weil aber so viele Inhalte in so kurzer Zeit kamen, bin ich gar nicht groß an einzelnen Dingen hängen geblieben. Einige Videos und Inhalte werde ich deshalb sicher auch noch lange nach dem eigentlichen Comeback noch mal anschauen. 

Ist das schon Hochkultur?

Mit Connect, BTS betont die Gruppe ihre Verbundenheit zu anderen Kunstdisziplinen, die eher als „Hochkultur“ gelten. Die grundsätzliche Idee, Elemente aus philosophischen Gedanken, bildender Kunst und zeitgenössischem Tanz mit K-Pop zu mischen, ist nicht neu für BTS und nicht nur bei dieser Gruppe zu beobachten. Aber in diesem Comeback von BTS ist die Kombination besonders deutlich. Zum Beispiel tanzen im ersten Video des Comebacks Tänzer*innen der MN Dance Company zu einer „Klassik“-Version von ihrer ersten Single Black Swan. Oder Künstler*innen und Kurator*innen performen und installieren Kunstprojekte für BTS, Connect, die ähnlich wie BTS Fragen nach der Verbindung zwischen Menschen und ihrem Platz in der Gesellschaft stellen. Manchmal sind es auch ganz deutliche Anspielungen, wie die Referenz auf da Vincis „Abendmahl“ in den Konzeptfotos. So versuchen BTS, ganz im Sinne der Cultural Studies, die Trennung zwischen „Hochkultur“ und „Popkultur“ zu hinterfragen.

Alike: Manchmal bleiben die Anleihen aus anderen Disziplinen etwas formelhaft. „Das Abendmahl“ von da Vinci ist zum Beispiel ein Motiv, das schon sehr oft einen popkulturellen Auftritt hatte und deshalb etwas an emotionaler Kraft verloren hat. In manchen Momenten sind die Anspielungen aber subtiler eingesetzt und schaffen es, eine bestimmte Stimmung oder einen Inhalt zu transportieren. Besonders gut gelungen ist das meiner Meinung nach durch die Bezüge auf barocke Stilleben in derselben Konzeptfoto-Reihe.

BTS Concept Photo © BigHit Entertainment

Jenni: Mich hat vor allem der Artfilm zu Black Swan beeindruckt. Im Gegensatz zu ihren Musikvideos, tauchen die Mitglieder selbst in diesem Film gar nicht auf. Der Fokus liegt allein auf der MN Dance Company, die einen wundervollen, außergewöhnlichen Modern Dance präsentiert, der perfekt zur Musik und zum Songtext passt. Die Klassik-Version des Songs ist nicht auf dem Album zu finden, sondern wurde nur für diesen Film produziert. So etwas hat es in der Karriere von BTS meines Wissens nach vorher noch nicht gegeben.

BTS Going Full Circle

Eine weitere Besonderheit an diesem Comeback, die im K-Pop, sowie in westlicher Musik, ihresgleichen sucht: der hohe Grad an Selbstreferentialität. Der Name des Albums lautet Map of the Soul: 7, weil die Band sieben Mitglieder hat und weil seit ihrem Debut sieben Jahre vergangen sind. Mehr als in allen vorangegangenen Alben, sind die Lieder auf diesem Album sehr persönlich. Vor allem in den Solo-Songs singen und rappen die Mitglieder über ihr Leben und ihre Weiterentwicklung als Idole, als Künstler und als Menschen. Songs wie We Are Bulletproof: The Eternal thematisieren hingegen die Beziehung der Gruppe zu ihren Fans: „We were only seven, but we have you all now“.

Besonders beeindruckend: das neue Album ist ein Rückbezug auf die ersten drei Alben der Band, die sogenannte School-Trilogy, die 2013 und 2014 erschienen ist. Die drei Comeback-Trailer von MOTS sind Samples der Comeback-Trailer der School-Trilogy. So ist Intro: Persona von MOTS zum Beispiel ein Sample von dem 2014 erschienenen Skool Luv Affair.

BTS: Skool Luv Affair (2014)
BTS: Persona (2019)

Die beiden Title-Tracks der Map of the Soul Alben sind ebenfalls inspiriert von zwei Title-Tracks der School-Trilogy. Boy With Luv ist eine Weiterentwicklung der Single Boy in Luv von 2014. Während BTS 2014 über ihr Verständnis von Liebe als Teenager sangen, dreht sich Boy With Luv um Liebe, wie die Mitglieder sie heute, als junge Erwachsene, sehen. Der aktuelle Titel-Song ON bezieht sich auf die Single NO (2013). NO ist eine Kritik am koreanischen Bildungssystem ist und handelt davon, dass Jugendlichen ihr Lebensweg von Erwachsenen vorgeschrieben wird und ihnen so die Möglichkeit zum Träumen und zur individuellen Weiterentwicklung genommen wird. In ON (2020) besingen BTS, dass jeder Mensch selbst dafür verantwortlich ist, für das zu kämpfen und einzustehen, was ihm wichtig ist.

Jenni: Ich liebe solche Rückbezüge. Als ich das Video zu Persona zum ersten Mal gesehen habe, war ich begeistert davon, wie mühelos RM den Sound von Skool Luv Affair in Persona eingebaut hat und wie gut es zum neuen Sound von BTS passt, obwohl sie ihren Stil seit dem ersten Album stark verändert haben. Und auch in Shadow und Ego sind die Samples gelungen, sodass die drei Songs auf eine angenehme Art vertraut wirken und doch neu sind. Sie machen uns Fans nostalgisch, indem sie uns zu den Anfängen der Band zurückführen.

ON: Der Höhepunkt der BTS-Story

Die Musikvideos von BTS waren schon immer sehr Story-lastig und voll von doppeldeutigen Motiven, die Fans dazu motiviert haben, Theorien aufzustellen und deren Bedeutung zu interpretieren. Das Musikvideo zur Single ON hat eine verworrene Geschichte, ist voll von biblischen Bildern, universellen Motiven wie weißen Tauben und sozialkritischen Anspielungen wie einer unüberwindbaren Mauer. ON wirkt so wie eine Zuspitzung aller vorangegangenen BTS-Musikvideo, als wollten BTS beweisen, dass sie in innerhalb von 5 Minuten eine vielschichtige Geschichte erzählen können, die alles übertrifft, was sie vorher produziert haben.

Alike: Ich persönlich hatte Spaß daran, mir zu überlegen, auf was man die vielen Anspielungen auslegen könnte. Aber ich versuche meistens nicht, eine schlüssige Gesamtinterpretation zu formulieren. Das ist einfach eine persönliche Präferenz. Manche Fans finden genau darin eine besondere Befriedigung. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass das Musikvideo in diesem Sinn auch „Fan Service“ für diese Art von Fans war. Fans wie ich freuen sich dann eher über die cinematischen Landschafts-Shots und schmunzeln über das (zugegebenermaßen teilweise absurde) mittelalterlich-biblische Setting.

Allen, die gerne mal einen Einblick hätten, wie es aussehen kann, wenn Fans die Motive und Anspielungen von BTS auseinander nehmen und bis ins kleinste Detail analysieren, empfehlen wir an dieser Stelle den Podcast Seoulified. Die vier Frauen vom Grmy Collective erzählen hier unter anderem gerne, wie sie die BTS Videos und Konzepte interpretiert haben. Von Schwanensee-Anspielungen über psychologische Persönlichkeitstheorien bis hin zu griechischen Göttern ist hier alles dabei.

BTS Going International

Auch wenn K-Pop schon immer auch für ein Publikum außerhalb Südkoreas konzipiert war, hat der amerikanische Musikmarkt K-Pop lange nur als Randphänomen zugelassen. BTS sind bekannt dafür, nach und nach einige Sichtbarkeits-Hürden des amerikanischen Musikmarktes (wie die Billboard Top Social Charts oder einen Auftritt bei den Grammys) genommen zu haben. Auch hier hat das Comeback zu MOTS:7 neue Maßstäbe gesetzt: Die Live-Premieren beider Singles fanden nicht im koreanischen, sondern im amerikanischen Fernsehen statt. Diese Priorisierung des amerikanischen und internationalen Publikums gab es nach unseren Recherchen so noch nicht im K-Pop. Die Live-Premiere von ON fand in der Grand Central Station statt und wurde zur teuersten Produktion in der Geschichte der Tonight Show. Außerdem wurden BTS von James Corden zum beliebten Format Carpool Karaoke eingeladen, was ihnen auch außerhalb ihrer Fanbase zu mehr Bekanntheit verhilft.

Jenni: BTS Auftritt bei Carpool-Karaoke ist eines meiner Highlights in diesem Comeback gewesen! Der Humor von James Corden harmoniert perfekt mit der natürlichen, etwas weirden Art der BTS-Mitglieder und durch Schnitt und Untertitel wurde die Sprachbarriere, die im amerikanischen Fernsehen oft aufkommt, weil nur der Leader der Band fließend englisch spricht, gut umgangen. Vor allem im Vergleich zu vielen anderen amerikanischen Interviews, in denen Moderatoren oft nicht damit umzugehen wissen und die meisten Mitglieder blass wirken, ist hier ein witziges, natürliches und unterhaltsames Video entstanden.

Und das Album selbst?

Alike: Insgesamt wirkt das Album auf mich sehr voll. Allein schon die Menge an Songs und die stilistische Vielfalt machen es für mich schwierig, das Album am Stück durchzuhören. Meine beiden Lieblingssongs sind eher Rap-orientiert: „Interlude : Shadow“ und „Ugh!“. „Interlude : Shadow“ erzeugt eine geisterhafte Atmosphäre durch rückwärts abgespielten Samples, geht dann über in einen schwermütigen E-Gitarren-Part und endet mit aggressivem Trap-Rap. Für mich ist es einer der vielschichtigsten und überzeugendsten Songs des Albums (Shoutout hier an Joey Natos Reaction-Video aus der Producing-Perspektive, sehr interessant!). „Ugh!“ hat von Sekunde eins an krasse Energie. Auf der Textebene liefern die drei Rapper von BTS eine philosophische Satire auf Hass-Kommentare und bösartig eingesetzte Wut. Positiv überrascht hat mich der Song „00:00 (Zero O’Clock)“. Durch die melancholische Melodie, den hüpfenden Beat und die hellen Gitarrenakkorde entsteht ein relativ luftiger, gleichzeitig nostalgischer und trotzdem zuversichtlicher Song: „And you’re gonna be okay“.

Genau diese Luftigkeit fehlt mir aber bei manchen anderen Songs wie „Inner Child“ und „Moon“. Besonders der stampfige Beat von „Moon“ wirkt auf mich unnötig schwerfällig und erdrückt den Song. Ein bisschen enttäuscht war ich auch von dem Sia-Feature bei „ON“. Vielleicht hat sich Sia eher im Hintegrund als Producerin beteiligt. Aber als Sängerin bringt sie in diesem Fall nicht wirklich einen neuen Aspekt in den Song ein.

BTS: Interlude: Shadow

Jenni: Insgesamt finde ich das Album sehr gelungen! Es ist musikalisch divers, wirkt aber als Ganzes trotzdem stimmig. Besonders bei den Solo-Songs sind einige Highlights dabei. Außerdem mag ich, dass die Mitglieder bei einigen Songs in ungewöhnlichen Kombinationen zusammen singen. Auch wenn Suga mein Lieblingsrapper aus BTS ist, schlägt mein Herz hier für RMs Intro: Persona. Der Beat gemischt mit den Gitarren-Sounds, die an 90s Hip-Hop erinnert, kriegt mich einfach jedes Mal, wenn ich den Song höre. RMs Stimme und sein schneller Rap passen zu diesem Sound einfach perfekt. Mein Lieblingssong ist ON, der nicht umsonst der Titel-Song ist: energiegeladen und catchy, aber nicht überdreht entwickelt das Lied sich gerade zu einem meiner liebsten BTS-Lieder überhaupt. Von den ruhigeren Songs zähle ich Louder Than Bombs zu meinen Favoriten. Mit seinem melancholischen Sound und den hohen Stimmen der Sänger jagt es mir regelmäßig eine Gänsehaut über den Rücken. Die tiefen Rap-Parts, vor allem der von Suga, bilden dazu einen interessanten Kontrast.

Im Gegensatz dazu finde ich die Ballade „00:00 (Zero O’Clock)“ etwas belanglos und langweilig. Auch „Inner Child“ von V, der eigentlich mein absoluter Bias ist, haut mich leider nicht so um wie erhofft, vor allem im Vergleich zu seinem letzten Solo Singularity, das ich grandios finde.

BTS: Louder Than Bombs

Fazit

Jenni: BTS haben sich meiner Meinung nach mit diesem Comeback selbst übertroffen! Die Comeback-Phase war eine unglaublich spannende Zeit, weil wir Fans nie genau wussten, was uns erwartet. Die Mischung der Videos, von Tanz-basiert zu Story-lastig war überraschend und gelungen. Im Vergleich zu den letzten beiden Comebacks, die ich mitverfolgt habe, ist eine unglaubliche Weiterentwicklung der BTS-Mitglieder zu erkennen, vor allem, was ihre Live-Performances angeht. Es wirkt, als wollen BTS das musikalische Universum, das sie über die Jahre aufgebaut haben, mit diesem Comeback abrunden, was ihnen meiner Meinung nach definitiv gelungen ist.

Alike: Für mich ist es das erste Mal, dass ich bewusst als Fan ein Comeback einer K-Pop-Gruppe mitverfolge. BTS hat es mir mit einem so umfangreichen Comeback nicht unbedingt leicht gemacht. Insgesamt war ich sehr beeindruckt, wie aufwändig und genau durchgetaktet dieses Comeback war. Für mich war insbesondere die Verschränkung von „hochkulturellen“ und popkulturellen Elementen spannend. BTS haben mit diesem Comeback auf jeden Fall die Grenzen von dem, was K-Pop sein kann, noch mal deutlich erweitert. And I’m here for it!

2 Gedanken zu “BTS-Comeback: „Map of the Soul : 7“

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