Känuguru und Marc-Uwe mit Pfannkuchen

Schluss mit Kleinkunst! – Die Känguru-Chroniken im großen Kinosaal

Kennt ihr das auch? Ihr wollt eigentlich nur einen entspannten Tag auf der Couch verbringen und dann klingelt es und euer neuer Nachbar fragt, ob er zufällig ein paar Eier borgen kann. Und Milch und Mehl. Und Öl und eine Pfanne. Und eigentlich hat er auch keinen Herd und plötzlich steht man selbst in der Küche und backt Pfannkuchen. Ein paar Tage später hat man einen neuen Mitbewohner.

Zugegeben, das dürfte den wenigsten als eigene Erfahrung bekannt sein, aber als Geschichte dürften es so einige wiedererkannt haben. Ich spreche natürlich von den absolut großartigen Känguru-Episoden von Marc-Uwe Kling. Frisch, frech und völlig absurd erzählt er auf der Bühne, im Radio und in inzwischen vier Büchern von den Abenteuern einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft.

Die Känguru-Chroniken-Manifest-Offenbarungs-Apokryphen

Wer jetzt nur verständnislos mit den Schultern zuckt, dem/der sei gesagt, dass er/sie etwas verpasst hat. Das sei hiermit schon mal klar gestellt: Ich bin definitiv Känguru-Ultra (wie ich letztens so schön als Titel für die getreuen Fans las). Immer wenn ich nicht schlafen kann, höre ich mir die Hörbücher an… und kann sie daher inzwischen auch im Schlaf mitsprechen. Überhaupt die Hörbücher: Marc-Uwe Kling liest seine eigenen Geschichten mit so viel Witz und Charme, dass mir tatsächlich noch niemand untergekommen ist, dem sie nicht gefallen haben.

Für die Schulterzuck-Fraktion hier eine kurze Zusammenfassung, worum es eigentlich geht: Marc-Uwe Kling ist mehr oder weniger erfolgreicher Kleinkünstler, in dessen Kreuzberger Wohnung ein Känguru einzieht. Das Känguru hat eine große Klappe, auch zu allem eine laute Meinung (meist eine andere als der Rest), ist Kommunist, aber packt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, in seinen Beutel, und hängt am liebsten in seiner Hängematte und zitiert Philosophen oder Nirvana. Es säuft, raucht Joints und ist generell als Vorbild nicht empfehlenswert. Mit anderen Worten, es ist absoluter Kult. Seit vielen Jahren erzählt Marc-Uwe Kling nun schon von den Eskapaden des sprechenden Beuteltiers in Begleitung seines Alter Egos und bringt erfolgreich Menschen zum Lachen und zum Nachdenken.

Kapitalismus, Schweinesystem, Vietcong

Neben den Geschichten gibt es inzwischen auch ein Theaterstück, Kalender und Spiele. Und trotz aller Witze und Kapitalismuskritik im Material war es wohl absehbar, dass eine Verfilmung irgendwann kommen würde. Dafür sind die (Hör)Bücher dann doch zu erfolgreich und der Lebensunterhalt von (Klein)Künstlern zu wenig garantiert.

Seit dem 5. März laufen nun also die Känguru-Chroniken auf großer Leinwand. Taugt das was?

Aus Marketinggründen ist Marc-Uwe Kling gerade auf Lesereise im Zusammenhang mit der Verfilmung. So kam er unter anderem am letzten Wochenende in ein großes Kino hier in Köln – die Karten waren innerhalb von etwa einer Stunde restlos ausverkauft. Wir saßen also in einem vollen großen Kinosaal und fragten uns, was jetzt wohl kommen würde. Denn die Erwartungen waren natürlich hoch.

Es kam zunächst Marc-Uwe Kling, bewaffnet mit Buch und ein paar Zetteln. Wer schon mal ein Video von einem seiner Liveauftritte gesehen hat, weiß, viel anderes als Lesen macht der Mann tatsächlich nicht. Keine abschweifenden Anekdoten zwischendurch oder Interaktion mit dem Publikum. Aber gut, zum Lesen war er ja auch da. Und so trug er auch an diesem Samstag vor der riesigen Leinwand einige Episoden über seinen bekannten Mitbewohner vor, ein paar Geschichten aus dem letzten Buch, die Känguru-Apokryphen, – die ich natürlich auch schon alle ungefähr auswendig kannte – aber auch ein paar neue Erzählungen. Zum Abschluss las er ein Grußwort des Kängurus, „falls es zu spät sein sollte“, vor. Applaus, Licht aus, Film ab. Erstaunlicherweise startete der Film sofort ohne vorherige Werbung.

Ich habe ein wenig gerätselt, was außer Promotion dieser Auftritt von Kling nun in Verbindung mit der Filmvorführung sollte. Aber ich denke, dass diese Einstimmung tatsächlich ganz schlau ist. Es ist sicher nicht zu unterschätzen, dass die richtige Atmosphäre auch eine Auswirkung auf die Rezeption des Kinofilms hat. Durch Lachen während der Lesung bereits in eine heitere Stimmung versetzt und auf die Art des Humors eingestellt, war das Publikum sicher empfänglich für den Film. Daher ist es auch schlau, die aufgebaute Spannung nicht wieder mit Werbung zu durchbrechen, sondern die Leute direkt abzuholen. Und wer schon mal in einem vollen Saal mit lauter Leuten saß, die das gleich wie man selbst toll findet, weiß, dass das Flair natürlich sowieso ein ganz anderes ist.

Also voller Kinosaal, vom Autor bereits eingestimmt auf den Film. Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, aber ich glaube, den meisten hat er gefallen.

Natürlich kommt der Film nicht an die Bücher ran. Diesen Anspruch zu erfüllen, wäre wahrscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Aber es ist auch nicht die Bruchlandung, die durchaus denkbar gewesen wäre. Sicherlich gehen die Meinungen zum Film auseinander, wie ich es auch schon in einigen Kritiken gesehen habe. Ich für mich habe allerdings den Film genossen.

Es ist ein ewiger Kampf

Dabei stand ich ihm im Vorhinein wie so viele doch sehr skeptisch gegenüber. Einerseits natürlich wegen der bereits genannten Kapitalismuskritik. Zweitens, wenn man etwas so gut findet wie ich die Känguru-Geschichten, kann dem eigentlich nichts gerecht werden. Um die Bedenken meinerseits ein bisschen konkreter zu formulieren: auf auditiver Ebene hatte ich die Befürchtung, dass ich, da ich die Figuren so mit den ihnen von Kling gegebenen Stimmen verbinde, andere Stimmen zu irritierend fände. Auf visueller Ebene war ich durchaus skeptisch, wie denn ein animiertes Känguru funktionieren könnte. Denn von einem sprechenden, sehr menschlich anmutenden Känguru zu lesen oder hören ist das eine, es in einer Realverfilmung zu sehen etwas ganz anderes. Und schließlich war ich natürlich etwas besorgt, was wohl auf inhaltlicher Ebene passieren würde. Auch wenn es zwar gerade im dritten Teil der Buchreihe, der Känguru-Offenbarung, auch übergreifende Handlungsstränge und einen Rahmen gibt, so handelt es sich doch immer um episodenhafte Geschichten, die alle für sich stehen und funktionieren. Daraus eine ansprechende, kohärente Filmhandlung und nicht nur eine platte Story zu machen, ist sicher keine einfache Aufgabe.

Ich bin mir sicher, es gibt Leute, die nach Schauen des Films genau all diese Befürchtungen bestätigt sehen. Aber ich für mich war doch sehr beruhigt und zufriedengestellt.

Der Film ist sicher nicht das große Meisterwerk, das jede*r gesehen haben muss. Und wenn jemand fragt, würde ich immer eher die Hörbücher empfehlen und die Verfilmung sicher nicht als Ersatz. Tatsächlich funktioniert das audiovisuelle Abenteuer aber erstaunlich gut. Gags und Story wurden für das Kino angepasst und um filmische Mittel erweitert. Die ein oder andere Actionszene erinnert an Comicverfilmungen. Viele Filmzitate oder Anspielungen, die durch das neue Medium möglich sind, entdeckt man vermutlich auch erst nach mehrmaligem Schauen, wenn sie einem nicht ganz so entgegenspringen wie etwa die Referenz auf Fight Club. Und es ist sicher förderlich, dass Marc-Uwe Kling selbst das Drehbuch verfasst hat und seine Wortakrobatik zwar nicht so glänzen kann wie in den Büchern, aber doch immer wieder durchscheint. Für Kenner*innen des Originalmaterials gibt es natürlich einen hohen Wiedererkennungswert an Witzen und Themen. Wahrscheinlich kann man grundsätzlich sehr viel mehr mit dem Film anfangen, wenn man mit der Materie vertraut ist. Aber auch Neulingen dürfte der Film gute Unterhaltung bieten.

Das Känguru stört in der Animation erstaunlich wenig, sondern ist sympathischer Störenfried. Es hilft natürlich sehr, dass Marc-Uwe Kling ihm auch in der Verfilmung seine Stimme leiht. Sein Alter Ego hingegen spielt er nicht selbst, den Part übernimmt Dimitrij Schaad. Als leicht depressiver Kleinkünstler hätte er auch jeden anderen Rollennamen tragen können, aber gerade diese Charakterisierung als x-beliebiger Typ macht die Figur überzeugend. Als weitere Personen sind dabei Kneipenbesitzerin Herta, die türkischen Kioskinhaber Friedrich Wilhelm und Otto Von sowie Marc-Uwes Angebetete Maria und ihr Sohn Jesus. Gemeinsam ziehen sie in den Kampf gegen den rechtspopulistischen Immobilienmanager Jörg Dwigs und seine Freundin Jeanette, die einzige Figur, die in der Vorlage nicht existiert. Die Handlung tritt aber, wie wohl zu erwarten war, gegenüber den Gags in den Hintergrund. Man möchte trotzdem Teil des „asozialen Netzwerks“ sein.

Ferner ist der Film sehr selbstreflexiv, heißt, man wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich um einen Film handelt. Etwa wenn das Känguru und „Marc-Uwe“ direkt zu Beginn in einem Voice-Over darauf hinweisen, dass dies eine Verfilmung ihrer Geschichte ist. Das Medium ist sich seiner selbst und durchaus auch seiner Stärken und Schwächen bewusst.

Wie schon Henry Jenkins über Transmedia Storytelling, also das Erzählen von Geschichten über mehrere Medienformen hinweg, sagte: Jedes Medium macht das, was es am besten kann. Und die Känguru Chroniken als Film können einen auf jeden Fall unterhalten.

Mein Fazit ist also: Nichts geht über die Hörbücher. Aber schaut euch den Film an und habt einfach eine gute Zeit!

Beitragsbild, Bilder: X Filme, X Verleih

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