Rezension „Die Träume anderer Leute“ von Judith Holofernes

Vielleicht kennt ihr sie auch, die musikalischen Stimmen eurer Kindheit und Jugend. Damit meine ich die Einzelkünstler:innen oder Sänger:innen von Bands, deren Stimmen, wenn ihr sie heute irgendwo hört, eine gewisse Nostalgie auslösen. Weil eure Eltern/Großeltern/Geschwister sie gehört haben oder weil sie zu denen gehören, deren Musik ihr selbst bewusst als erstes gut fandet. Für mich (und wahrscheinlich sehr viele andere) ist eine dieser Stimmen Judith Holofernes. Den meisten dürfte sie als Frontfrau der Band Wir sind Helden bekannt sein, aber das ist inzwischen über zehn Jahre her. Was seitdem passiert ist, erzählt sie nun in ihrer Autobiographie Die Träume anderer Leute.

Guten Tag, ich will mein Leben zurück!

Das Buch handelt vom Verlieren und Finden, von Erfolg und Misserfolg, von Liebe und Schmerzen. Eigentlich möchte ich gar nicht so viel vom Inhaltlichen vorwegnehmen, denn letztendlich geht es ja genau um die Lebensgeschichte und die Wege und Umwege, die Judith Holofernes genommen hat, zu dem Punkt, an dem sie heute zur Veröffentlichung des Buches steht. Natürlich dreht sich viel um das Musikbusiness, um Musik und Business und den Versuch, Rockstar in Vollzeit oder Teilzeit bei paralleler Vollzeitelternschaft zu sein. Das Buch stellt die Frage, ob wir Kunstschaffen nicht anders denken können, und beschäftigt sich damit, wie und welche Träume man finden kann, wenn ein so großer bereits in Erfüllung gegangen ist, und was eben auch nur die Träume anderer Leute sind.

Das Buch handelt aber auch von Essstörungen, Tod und Trauer sowie verschiedenen physischen und psychischen Krankheiten. Daher möchte ich hiermit die Triggerwarnung dafür geben. Die ganzen Themen werden meiner Meinung nach sensibel behandelt, aber ich musste doch ein bisschen schlucken beim Lesen. Vielleicht gerade deswegen, weil sie nicht einfach so abgehandelt werden, sondern sich die Gefühle ihren Weg durch die Zeilen suchen. Wer also eine nette Erfolgsgeschichte über die Heldenzeit und einen freudigen anschließenden Selbstfindungstrip erwartet, die:der ist hier falsch. Das Buch ist teilweise lustig, teilweise ernst und vor allem sehr persönlich.

Ich wollte gern die Frau sein, die andere Frauen googeln würden auf der Suche nach Gegengiften. Aber ich war es nicht. Ich war müde und traurig und verbeult, und ich hatte die berechtigte Angst, eine neue Runde von Tiefschlägen nicht zu überstehen.

Die Träume anderer Leute S. 90

Ich liebe die Sprache des Buches sehr. Wahrscheinlich sollte es nicht verwundern, dass Judith Holofernes toll schreiben kann, immerhin stammt der Großteil der Wir sind Helden-Songs aus ihrer Feder. Wahrscheinlich hatte dies für mich als Text-Mensch sehr viel mit meinem Gefallen an der Band zu tun. Dennoch ist natürlich nicht selbstverständlich, dass jemand, die:der gute Songs schreibt, auch den ansprechenden Schreibstil für ein ganzes Buch findet. Zum Glück also hat dieses Buch nicht nur ein schönes Cover, sondern auch eine schöne Sprache. Wäre ich ein Mensch, der mit Textmarker an Bücher geht, ich hätte wahrscheinlich sehr viele Sätze eingefärbt. Ich sehe hier davon ab, mit in meinem Fall dann durch mit Zettelchen markierten Zitaten um mich zu schmeißen, aber eine Stelle, bei der ich herzhaft lachen musste, möchte ich euch nicht vorenthalten: Judith Holofernes ist das erste Mal als Solokünstlerin auf der damals als ach so wichtig geadelten Verleihung des Echo-Preises, die eigentlich nur die Bedeutungslosigkeit des Preises verdeutlicht. Sie schreibt: „Der Pop lag röchelnd am Boden, während der Schlager breitbeinig twerkend über ihm stand, im Spandexanzug, und mit Glitzerkonfetti und Scheinen um sich warf.“ (S. 191f.) Ich glaube, ihr könnt euch vorstellen, wer der Hauptact dieses Abends war.

Wenn du schon auf den Mund fall’n musst, warum dann nicht auf meinen?

Man sagt ja immer, man solle seine Helden (Wortspiel nicht beabsichtigt) nicht treffen, um die Illusion, die man von ihnen hat, nicht zu zerstören. Ich finde, autobiographische Geschichten können einen ähnlichen Effekt haben. Insofern schwankte ich auch bei diesem Buch zwischen einer freudigen Erregung für einen Blick hinter die Kulissen und der Sorge, dass gerade meine nostalgische Verklärtheit viele Risse bekommen könnte. Auch frage ich mich immer, wie Leute es schaffen, ihr eigenes Leben so scharf nachzuzeichnen. Selbst wenn man exzessiv Tagebuch schreibt, kann ich doch nicht die Einzige sein, die oft schon Schwierigkeiten hat, allein die Ereignisse des letzten Jahres einzuordnen. Von genauen Gedanken und Gefühlen zu bestimmten Zeitpunkten mal ganz abgesehen. Insofern frage ich mich bei Autobiographien häufig, wie viel vielleicht doch eher Fiktion oder bloßes Storytelling ist. Vielleicht ist das aber auch egal, wenn es einfach ein gutes Buch ist. Und das möchte ich Die Träume anderer Leute auf jeden Fall attestieren. Auch empfinde ich es als sehr wichtigen Punkt, dass Judith Holofernes im Buch reflektiert, in welch privilegierter Position sie sich befindet, die ganzen Wege und Umwege nach der Heldenzeit so suchen zu können. Insofern konnte ich zwar manchmal ein leichtes Stirnrunzeln nicht unterdrücken, alles in allem konnte ich mit der Judith Holofernes, die sich mir in dem Buch präsentiert, sehr viel sympathisieren und habe die Zeitreise mit ihr gerne unternommen.

Bei mir läuft, seit ich angefangen habe das Buch zu lesen, in Dauerschleife eine Playlist mit allen Alben von Judith Holofernes, also den vier Helden-Alben und ihren zwei Soloalben sowie Songs, die auf EPs oder durch Sing meinen Song dabei sind. Denn ich finde, bei dem Buch kann man gar nicht anders, als die ganzen Lieder, deren Geschichten miterzählt werden, nebenbei zu hören. Das Lesen der Autobiographie von Judith Holofernes ist gleichzeitig ein Abtauchen in eine mir völlig fremde Kunstwelt und ein Nachempfinden von Situationen, Gefühlen und Gedanken. Dieses sehr persönliche Buch war interessant und berührend und einfach schön erzählt. Neben also einer Stimme der Musik meiner Kindheit und Jugend hat sich Judith Holofernes auch als sehr aktuelle Stimme in der Literatur bewiesen. Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen und freue mich, wenn von ihr dann auch irgendwann der Science-Fiction-Roman, den sie seit Jahren schreiben will, kommt.

Das ist Liebe, das ist Liebe, jetzt erst recht

Die Träume anderer Leute von Judith Holofernes ist seit dem 8. September erhältlich. Danke an den Verlag Kiepenheuer & Witsch für das Vorabexemplar.

Beitragsbild: Populärkollektiv

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