„My name is Lizzie Bennet and this is my life“ – Wenn Romanfiguren zu Vloggen beginnen

“It is a truth universally acknowledged that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.”

Dies ist der Satzanfang eines sehr berühmten Buches. Na welches?

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Richtig, es ist Stolz und Vorurteil von Jane Austen – oder besser gesagt in diesem Fall ist es Pride and Prejudice im englischen Original, denn der deutsche Einstieg gefällt mir zumindest in der übersetzten Ausgabe, die ich von Austens Werken besitze, nur halb so gut. Außerdem ist es ebenjener englische Satz, der als T-Shirt-Spruch von einer gewissen Lizzie Bennet in die Kamera gehalten wird, um eine Vlog-Serie über ihr Leben zu starten. Und darüber möchte ich hier etwas erzählen: The Lizzie Bennet Diaries.

Quelle: Screenshot von YouTube/The Lizzie Bennet Diaries – Ep: 1

Ich will kurz ausholen, warum ich jetzt etwas über eine acht Jahre alte YouTube-Serie schreibe: Es begab sich zur aktuellen Zeit, dass ich das Internet durchstöberte nach etwas, das meine Stimmung ein bisschen erhellen und mich von den mal wieder sehr erschreckenden Nachrichten aus der Welt ablenken würde. Denn den eigenen nicht so guten Phasen des momentanen Weltzustands entgegenzuwirken, heißt für mich unter anderem, dass ich Medieninhalte konsumiere, die mich fröhlich machen oder mir guttun. Wie Comfort Food essen, nur dass man Bücher liest, Serien oder Filme schaut oder sich eben in YouTube-Videos verliert. So landete ich mal wieder auf letzterer Plattform und startete meinen vermutlich inzwischen fünften Marathon der Webserie The Lizzie Bennet Diaries und stellte fest, dass ich sie immer noch ein so gelungenes Werk finde, das auch jetzt noch Aufmerksamkeit verdient. Also lasst uns eintauchen!

Lost in Austen

Wer es noch nicht erraten hat, The Lizzie Bennet Diaries (oder kurz LBD) ist eine zeitgenössische Adaption von Jane Austens wohl bekanntestem Werk Stolz und Vorurteil. Ich bin hier sehr klischeemäßig und zähle dies – obwohl ich sonst wirklich kein so großer Fan von Klassikern bin, vor allem nicht der deutschen – zu meinen Lieblingsbüchern. Eben weil besagtes Buch so bekannt ist (laut einer großen Umfrage der BBC 2003 war nur Herr der Ringe im Vereinigten Königreich beliebter), sehe ich von einer Zusammenfassung ab. Wer eine Erinnerung braucht, dem empfehle ich wie immer für Klassiker Sommers Weltliteratur.

Stolz und Vorurteil ist bis heute viele Male und für viele verschiedene Medien adaptiert worden. Von Verfilmungen über Fortsetzungen und Erotika bis hin zur Reimagination mit Zombieapokalypse wurde sich des Stoffes angenommen. Die Idee, ihn als moderne YouTube-Adaption aufzubereiten, stammt von Hank Green, seines Zeichens angesehener Videoblogger, Veranstalter der YouTube-Konferenz VidCon und inzwischen auch erfolgreicher Buchautor. Gemeinsam mit dem zweiten Produzenten Bernie Su sowie einen Creative-Team nahm er 2012 die Romanheldin von Stolz und Vorurteil und setzte sie im Amerika des 21. Jahrhunderts vor eine Kamera. Und von da aus entspinnt sich die Geschichte in zeitgenössischer Form im Format eines Videoblogs.   

Der 2.5WPF Club

Nun spielt Stolz und Vorurteil im England des frühen 19. Jahrhunderts. Wieso sollte diese Geschichte 2012 (oder auch noch heute) in Amerika relevant sein?

Einerseits ist sich die Forschung hier ziemlich einig, dass die Szenarien in Austens Büchern sich auch auf moderne postfeministische Bedenken beziehen lassen. Andererseits ist hier natürlich das Stichwort „Modernisierung“ wichtig.

Elizabeth „Lizzie“ Bennet hält uns zu Beginn der Serie ebenjenes pinkfarbene T-Shirt mit oben benanntem Spruch in die Kamera, das ihre Mutter ihr und ihren Schwestern Jane und Lydia zu Weihnachten geschenkt hat. Lizzie hält den Gedanken natürlich für ziemlichen Unsinn und die Ansicht, dass eine Frau einen möglichst reichen Ehemann braucht, ebenso. Nun ist die Suche nach einer passenden Verheiratung für die sonst nach dem Tod des Vaters mittellos zurückbleibenden Töchter aber eben der zentrale Konflikt in Stolz und Vorurteil. Die Problematik ist zum Glück in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr so gegeben. Es lebe die Unabhängigkeit der Frau! Daher scheint Mrs. Bennets Lebensaufgabe, ihre Töchter möglichst gut zu verheiraten, antiquiert. Und doch setzt genau hier der Konflikt von LBD an und legt einen großen Fokus auf das Thema Verständigung zwischen Generationen oder unterschiedlichen Lebensentwürfen.

Lizzie nennt die Vorstellung ihrer Mutter den „2.5.WPF Club“ (2,5 Kinder und ein Haus mit weißem Zaun) und spricht sich vehement gegen dies als einzigen Plan für ihr Leben aus. Zwar hat auch die moderne Familie Bennet finanzielle Sorgen, so etwa die in Amerika leider übliche Verschuldung der Schwestern, um auf’s College zu gehen. Die Lösung hierfür wollen diese aber selbst finden und die besteht eben nicht aus einem reichen Mann, sondern viel eher der eigenen Karriere. Auch die männlichen Gegenparts, Bing Lee und William Darcy, haben nicht als einziges Lebensziel, eine gute Ehefrau zu finden, sondern müssen sich in der Business-Welt herumschlagen. Die Probleme der Figuren wirken authentisch und Zuschauer:innen können sich mit ihnen identifizieren. Das zu schaffen und trotzdem noch die wichtigen Handlungselemente der ursprünglichen literarischen Vorlage beizubehalten, ist schon eine Kunst.

Quelle: Giphy

Multiplattforme Authentizität

Apropos Authentizität. Tatsächlich war die Adaption als Vlog-Serie so gut, dass ihre Fiktionalität, wie sich aus Kommentaren sehen lässt, für einige Zuschauer:innen lange gar nicht erkennbar war. Die Praxis des Vloggings – ein Mensch oder mehrere Menschen sprechen in eine Kamera und haben mehr oder weniger genug interessante Dinge zu erzählen, dass es sich andere Menschen anschauen – war und ist auf YouTube sehr populär. Und The Lizzie Bennet Diaries sind im Kern genau das: Videotagebücher von Lizzie Bennet, in der innerfiktiven Wirklichkeit als ein Uniprojekt begonnen und dann ausgeartet.

Dieser Vlog steht im Zentrum der Serie und die Geschichte lässt sich hier über 100 Episoden problemlos verfolgen. Allerdings gibt es noch so viele weitere Ebenen, auf denen man in die Story eintauchen kann und die alle einen Bonus zur Haupthandlung bieten. Auf der einen Seite meint dies weitere Videos von anderen Figuren oder Formaten. Auf der anderen Seite – und damit eben auch authentisch an realen Vlogger:innen orientiert – erstreckt sich die Adaption über weitere Plattformen sowie soziale Netzwerke. Zahlreiche Charaktere betrieben parallel zur Serie Twitter-, Tumblr- und Pinterest-Accounts (ja, die Serie ist von 2012). Mr. Collins war bei LinkedIn, George Wickham auf einer Dating-Website. Und diese Accounts interagierten zur Zeit der Veröffentlichung dann auch mit den Fans. Die zeitliche Spannungskomponente ist jetzt natürlich leider so nicht mehr gegeben, aber genau weil die Serie trotzdem noch funktioniert, schreibe ich diesen Beitrag. Es wurde ein ganzes Universum gebaut, in dessen Mittelpunkt der Vlog von Lizzie Bennet steht. Und um den Schein einer Wirklichkeit aufzubauen, ist es außerdem entscheidend, wann Figuren selbst über die jeweiligen Videos Bescheid wissen. Der Videoblog ist gleichermaßen Medium der Erzählung als auch Teil derselben.

Darcy Day und Kostümtheater

Interessanterweise kommt durch die Erzählform die zweite Hauptfigur des Romans, der ach so stolze Mr. Darcy, den Großteil der Serie gar nicht selbst vor. Sicher, es wird sehr viel über ihn geredet, aber er in persona tritt erst nach vielen Episoden auf. Ich werde, um denjenigen, die es vielleicht noch für sich selbst erleben wollen, nicht den Spaß zu verderben, nicht sagen, bis zu welcher Episode genau man sich gedulden muss, aber es sind sehr viele Episoden. So viele, dass der Tag, an dem endlich Darcy zu sehen war, im Fandom als „Darcy Day“ einging.

Lizzie und Charlotte als Mrs. und Mr. Bennet. Quelle: Screenshot von YouTube/ The Lizzie Bennet Diaries – Ep: 1

Bevor Darcy oder auch viele andere Charaktere vor die Kamera treten, werden sie von Lizzie, Jane, Lydia oder ihrer Freundin Charlotte im Kostümtheater dargestellt. Da es sich bei den Videos eben um Lizzies Tagebücher handelt, passiert ein Großteil der Handlung off-screen. Um einen Standpunkt zu verdeutlichen oder auch selbst über Gesagtes zu reflektieren, wird eine Szene daher vor der Kamera nachgestellt. Dies geschieht stilecht mit charakteristischen Kostümen und oft geschriebenen Drehbüchern, von „Shakespeare“ wie Lizzie behauptet. Weiterhin erklärt sie Darcy ihre Anwendung des Kostümtheaters gegen Ende der Serie wie folgend: “There’s this theory about levels of mediation in media that says it’s possible for artificiality to both remind the audience that what they are seeing is a construction while at the same time adding to their level of immersion.” Das beschreibt auch die gesamte Webserie ganz gut: The Lizzie Bennet Diaries ist eine fiktionale Adaption und doch lässt sie einen das manchmal vergessen, weil sie so gut für das zeitgenössische Medium angepasst wurde und eine Balance findet, Handlung vor der Kamera stattfinden zu lassen oder kreativ nachzuerzählen.

Empfohlen von Emma Woodhouse

Für mich ist auch nach den ganzen Jahren die Immersion in The Lizzie Bennet Diaries wieder mal geglückt. Dass nicht nur ich sehr begeistert von der Serie war und bin, lässt sich an den immer noch aktiven Kommentarspalten bei YouTube sehen. Hiermit übrigens ein Shoutout: Ich finde es oft sehr furchtbar, Kommentare unter YouTube-Videos zu lesen, weil einem die schlechtgelaunten und beleidigenden Idiot:innen und Trolls so die Stimmung vermiesen. Aber hier tragen die Kommentator:innen mit ihrer Begeisterung zum Wohlfühlgefühl bei. Das interaktive Storytelling mag längst vorbei sein, aber die Fans sind immer noch da oder kommen wie ich immer mal wieder vorbei. Tatsächlich war LBD so erfolgreich, dass es 2013 als erste digitale Serie einen Emmy bekam für „Outstanding Creative Achievement in Interactive Media – Original Interactive Program“.

Die Serie bleibt im Genre der literarisch-inspirierten Webserien die erfolgreichste, aber es finden sich noch so einige andere. Etwa Emma Approved, von denselben Produzent:innen im selben Universum und basierend auf Jane Austens Emma. Oder Nothing Much To Do von einem jungen neuseeländischen Team, die sich Shakespeares Much Ado About Nothing angenommen haben. Es ist doch erstaunlich zu sehen, dass es Gründe gibt, warum Werke von Austen und Shakespeare auch heute noch gelesen und immer wieder neu adaptiert werden. Was ich durch diesen Beitrag sagen und mitgeben will, sind eigentlich zwei Sachen:

1. The Lizzie Bennet Diaries ist immer noch eine besondere Serie, die man sehr gut ansehen kann. Also wenn ihr sie nicht kennt, aber was ich hier erzählt habe, interessant klingt, dann schaut rein!

2. Wenn ihr euch aktuell in einer niedergeschlagenen Phase befindet, dann sucht euch bekannte Geschichten oder Medieninhalte, die euch begeistert haben, und taucht wieder mal in sie ein. Ein bisschen tröstliche Nostalgie kann sehr wohltuend sein!

(c) Pemberley Digital

Links:

The Lizzie Bennet Diaries – Lizzies Vlogs__The Complete Playlist__Multiplattform Story

Emma Approved

Nothing Much To Do

Auflistung von “literary-inspired web-series”, die jemand mal netterweise zusammengestellt hat

Beitragbild: Pemberley Digital, DFTBA

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