Titanic – Die Tür: Eine Verteidigung

Achtung: In diesem Text wird das Ende von Titanic (1997) gespoilert. Außerdem wird über einen Suizidversuch gesprochen. Wen das triggert, der sollte diesen Text besser nicht lesen.

In der Filmgeschichte wurden viele Szenen heftig diskutiert. Was ist die tiefere Bedeutung von der Szene mit dem Badezimmer in The Shining? Warum sind manche Hackerszenen so unrealistisch gezeigt, wenn Code wild über den Bildschirm flickert? Aber die vermutlich meist belächelte und als unglaubwürdig abgetane Szene ist die Szene mit der Tür im Wasser bei Titanic.

Quelle: Marcy Paige

Zum Recap: 1997 kommt der Mega-Blockbuster Titanic von James Cameron in die Kinos. Darin machen sich Wissenschaftler*innen auf die Suche nach den Schätzen der Titanic und entdecken dabei die vielleicht größte Liebesgeschichte seit Romeo und Julia. Rose ist eine junge, depressive Dame der gehobenen Gesellschaft auf dem Weg nach Amerika und verliebt sich entgegen ihrer Verlobung und aller Einwände ihrer Mutter in den mittellosen Jack, der das Ticket für die Titanic nur gewonnen hat. Am Ende sinkt das Schiff (Major Spoiler) und Jack und Rose können sich zu einer schwimmenden Tür, ein Überbleibsel des Schiffes retten. Doch während Rose es auf die Tür schafft, klammert sich Jack nur daran fest, erfriert im kalten Arktiswasser und sinkt in die Tiefe. Nur Rose überlebt von den beiden das Unglück und erzählt schließlich die Geschichte.

Tja und diese Szene wird von vielen als unglaubwürdig gesehen. Die Tür sei groß genug gewesen, dass Jack auch noch drauf gepasst hätte. Er hätte nicht sterben müssen.  Und ob es jetzt aus falscher Kavelierie oder Dramatisierung durch die Regie passiert ist, es sei unnötig und unglaubwürdig.

Jetzt, mehr als zwanzig Jahre und ohne nennenswerten Grund will ich einen Zacken abbrechen für diese Szene. Es gibt mehrere Gründe, warum Jack gestorben ist und (narrativisch) sterben musste.

Gif (Szene von „Titanic“ 1997, Copyright: 20th Century Fox)

Zunächst: die Kritiker*innen dieser Szene lassen immer einen wichtigen Aspekt aus. Jack versucht zunächst, auf die Tür zu kommen. Er hilft erst Rose drauf und dann versucht er, sich selbst hinaufziehen. Doch die Tür schwankt gefährlich und droht Rose wieder hinunter zu werfen, deswegen gibt er es auf. Vermutlich aus mehreren Gründen: Er steht durch die gesamte Situation unter extremen Stress und kann nicht mehr logisch denken. Er ist bereits sehr unterkühlt und kann daher nicht mehr logisch denken. Oder er denkt, dass die Beziehung zwischen ihm und Rose eh nicht klappen kann und kann deswegen nicht mehr logisch denken (das glaube ich, ehrlich gesagt, nicht). Auf jeden Fall ist nicht unbedingt in der Verfassung, in der man logische Entscheidungen fällt.

Außerdem könnte man die Szene auch so interpretieren, dass es zwischen Rose und Jack „eh nie geklappt hätte“. Sie kommen beide aus sehr unterschiedlichen Milieus und haben schon auf dem räumlich begrenzten Schiff nur per Zufall zueinander gefunden. Wer weiß, ob Rose für Jack ihr High Society Leben ablegen hätte können oder Jack sich in der feinen Gesellschaft einfinden hätte können. Wer weiß, ob sie sich nicht außerhalb des Bootes nicht innerhalb kürzester Zeit getrennt hätten. Mit Jacks Tod bleibt ihre Liebe illusorisch perfekt. 

Gleichzeitig ist Jacks Arbeit in Roses Leben in dem Moment auch getan. Er hat ihr geholfen, aus ihrem unglücklichen und fremdbestimmten Leben zu entfliehen und den Rest meistert sie ohne ihn. Anstatt dass sie als einzigen Ausweg den Selbstmord sieht, weiß sie nun, wie sie Kontrolle über ihr Leben ergreift und auf dem Schiff, das sie rettet, versteckt sie sich bewusst vor ihrer Familie und ihrem Verlobten.

Man könnte mit seiner Interpretation der Szene auch soweit gehen, dass Rose Jack in dem Moment ihres versuchten Selbstmords sich nur ausgedacht hat. Vielleicht bedeutet er für sie einen Weg, mit der Kontrolllosigkeit in ihrem Leben umzugehen, ohne sich umzubringen. Sie schleicht sich vielleicht selbstständig auf die Partys der dritten Klasse und stellt sich nur vor, wie ihre Familie und ihr Verlobter auf ihn reagieren würde. Natürlich ist das eine sehr großzügige Auslegung, es würde aber auch erklären, warum er dort im Wasser stirbt. Rose hat ihren Willen zu leben wieder bekommen und braucht ihren imaginierten Freund nicht mehr.

Oder es ist einfach so, wie James Cameron es sagte: Jack ist nicht auf die Tür gestiegen, um Roses Chancen zu überleben zu verbessern…

Was auch immer die Lösung ist und wieso auch immer Jack am Ende nicht auf die Tür gestiegen ist. Ich hoffe, ich konnte euch etwas davon überzeugen, dass es schon die eine oder andere logische Erklärung gibt, warum Jack nicht auf die Tür gestiegen ist. Wenn ihr also das nächste Mal Titanic anschaut oder einen Witz über die Tür macht – denkt an meine Worte 😉

Titelbild von 20th Century Fox

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