Gesinnungs- und Geschmacksverirrungen. Über die Kleidung der Corona-Zweifler*innen

Am vergangenen Samstag haben sich bei der Berliner Corona-Demo Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Orientierungen versammelt. Das Meiste davon ist bestenfalls schwurblerisch und schlimmstenfalls demokratie- und menschenfeindlich. Gesehen hat man die Demonstrierenden dabei in allem möglichen Fummel. Es war ein bunter Strauß an textilgewordenen Lebensphilosophien. Über den problematischen Schulterschluss zwischen Fleece-Jacke und Reichsbürger-Flagge.

Fehlende Abgrenzung nach rechts

Vor allem die Besetzer*innen der Reichstag-Treppe haben am Wochenende Schlagzeilen gemacht. Das Stürmen der Treppe vor den Glastüren des Reichstags ist schmerzhaft nah an Bildern vom Reichstagsbrand 1933. Viele (mich eingeschlossen) kennen das zum Glück nur noch aus Geschichtsbüchern. Die nachträgliche Distanzierung von diesen vorwiegend rechten Demonstrant*innen durch den Demo-Veranstalter Michael Ballweg wirkt wie ein Witz. Dass Rechte und Reichsbürger*innen auf den „Querdenken“-Demos unterwegs sind und Stimmung gegen die Demokratie machen, ist schon lange bekannt. Der Verfassungsschutz warnt bereits seit einer Weile davor. Die Demo bietet ein Sammelbecken für Menschen, die sich von der Faktenwelt in selbstkonstruierte Realitäten verabschiedet haben. Mich macht es unruhig, dass die Organisator*innen und Mitdemonstrant*innen dieses Gemengelage an kruden und demokratiefeindlichen Ansichten nicht besonders zu stören scheint. Aber es überrascht mich auch nicht.

Demonstrierende der „Querdenken“-Demo auf der Treppe vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Bildquelle: Mitteldeutsche Zeitung

Kleider machen Corona-Zweifler*innen

Menschen aus der bürgerlichen Mitte, Alt-Hippies, Impfgegner*innen, Verschwörungstheoretiker*innen und Reichsbürger*innen vereinen sich unter einem Gefühl von Wut und Ungerechtigkeit. Einige gehen konkret gegen Einschränkungen auf die Straße, die sie zum Beispiel ihren Job gekostet haben. Andere tragen vage Argumente oder völlig zusammenfantasierte Überzeugungen vor. Diese Demonstrierenden und deren Kleidung interessiert mich besonders. Was sie tragen, kommuniziert ein Selbstbild und die eigene Verortung in der Welt. Mode ist letztlich immer auch politisch. Dafür muss nicht mal ein Reichsadler auf dem T-Shirt aufgedruckt sein. Selbst vermeintlich „unpolitische“ Outfits sind einen genauen Blick wert. Ich mach jetzt mal einen kleinen „Haul“ (so nennt man das im Internet, wenn man neue Kleidung erstanden hat und die mal vorführen möchte).

Ein kleiner Überblick über die Argumente und Überzeugungen der Demonstrierenden auf der „Querdenken“-Demo in Berlin. Videoquelle: Spiegel TV

Die Outdoor-Funktionsjacke

Eine Allwetter-Jacke ist sowas wie die Uniform der Deutschen. Sie wird fast durch alle gesellschaftlichen Schichten und sozialen Gruppierungen hindurch getragen. Insofern ist es nicht überraschend, dass sie auch auf Corona-Demos auftaucht. Besonders politisch wirkt die Kleidung auf den ersten Blick nicht.

Ein Demonstrierenden-Grüppchen bei der „Querdenken“-Demo vor dem Brandenburger Tor mit Outdoor-Klamotten. Unterwanderung der Demokratie geht heute auch mit 1500 mm Wassersäule. Bildquelle: dpa/tagesschau.de

Aber die Outdoor-Jacke offenbart, dass das problematische Gedankengut der Corona-Zweifler*innen auch in der Mitte der Gesellschaft vorhanden ist. Eine Identifizierung ist tückisch. Wie bei den Anfängen der AfD-Etablierung muss man sich jetzt fragen: Mein Nebensitzer im Bus mit der Jack-Wolfskin-Jacke, sagt der vielleicht nachher zu seinem Kumpel: „Also das mit der Maskenpflicht greift einfach zu sehr in die Grundrechte ein“? Oder die Frau mit Softshell-Jacke vor mir in der Bäckerschlange, startet die gleich eine Diskussion über die Impf-Gefahren? Die verschwörungstheoretischen Schwurbeleien der „Querdenkenden“ haben sich inzwischen auch in deutsche Durchschnittshaushalte eingeschlichen. Und weil die Deutschen modisch nun mal pragmatisch veranlagt sind, wird dann zu einer Demo die wärmende Fleece-Jacke angezogen und der kleine Wanderrucksack mit Thermos-Flasche mitgenommen. Kleiner Mode-Tipp: Zu silbernen Reißverschlüssen passt übrigens farblich hervorragend ein Aluhut. Bei goldenen Reißverschlüssen rate ich eher zum schwarz-rot-goldenen Fahnenumhang. Damit ist dann praktischerweise gleich das Identifizierungsproblem gelöst.

Das Leinenshirt

Bei manchen Demonstrierenden sind klamottentechnisch große Hippie-Vibes zu spüren. Hier und da blitzen eine Blume des Lebens oder andere New-Age-Symbole auf. Erdfarbene Leinenklamotten mit Hornknöpfen signalisieren Naturverbundheit und Zwanglosigkeit. Zwanglosigkeit ist da schon das richtige Stichwort: Mit Masken in die Öffentlichkeit zu müssen ist ja wohl eindeutig schlimmer, als die Gesundheit anderer Mitmenschen riskieren. Schaut her, wie wir geknechtet sind von dem Stückchen Stoff vor unseren Gesichtern!

Bildquelle: Screenshot aus dem YouTube-Video „Was sagen Demonstranten? Corona Demo Berlin“ vom Kanal Vegains DE. Der YouTuber lässt die Äußerungen unkommentiert im Raum stehen und kriegt dafür in der Kommentarspalte Lob. Ansonsten widmet sich der Kanal nur Fragen der veganen Ernährung. Da ist zumindest Vorsicht angebracht.

Die Argumentation ist so absurd, da fällt es schwer, sich nicht darüber lustig zu machen. Die meisten, die aus dieser linken Hippie-Ecke kommen, pochen sehr gerne auf den Eingriff in die Grundrechte und die eigene Individualität. Genau da liegt der Haken. Eine globale Pandemie wird man eben nicht mit Individualismus los. Es sind Kompromisse und gemeinsames Arbeiten gegen die Ausbreitung notwendig. Für die europäische Mentalität eine schwierige Umstellung von der sonst sehr freien Lebensgestaltung. Die Hippie-Demonstrierenden bleiben meistens recht friedlich und tragen auch mal ein Ghandi-Konterfei mit sich. Das „Peace, Love and Masken weg“-Outfit wird ergänzt durch Strohhut, Holzschmuck und barfuß gehen. Für eine zusätzliche Prise kultureller Aneignung und postkolonialer Ignoranz kann weiße Hautfarbe mit Dreadlocks kombiniert werden.

Die Alpha-Männchen-Sonnenbrille

Vor allem im rechten Spektrum der Demonstranten (ja, es geht hier explizit um Männer) hat ein Accessoire Hochkonjunktur: die schwarze, stromlinienförmige Sportsonnenbrille. Ich nenne sie jetzt mal ganz wertfrei „Alpha-Männchen-Sonnenbrille“. Begleitet wird sie meistens von einem Stiernacken und aggressiven Drohgebärden. Genauso zurückhaltend werden auch die Überzeugungen und Ziele meistens vorgetragen. „Merkel muss weg!“ weil: „Die da oben haben’s versaut! Die da oben haben irgendeine Biowaffe ausprobiert und das ist schiefgegangen.“ Ich vertraue darauf, dass ihr selber wisst, was an dieser Behauptung fragwürdig ist.

Die schmale, schwarze Brille soll den Träger wohl zu gleichen Teilen sportlich, dominant und anonym wirken lassen. Als Bedeutungsträger ist sie flexibler als der eindeutig militante Munitionsgürtel oder die klar lesbaren Springerstiefel. Deshalb ist die Trägerschaft dieser Brille auch breiter aufgestellt, irgendwo zwischen dem 52-jährigen Facebook-Boomer und dem 25-jährigen Neonazi. Für den modisch perfekten Eindruck empfehle ich an dieser Stelle knielange Cargohosen. Die versprühen denselben Charme von Pseudo-Einsatzbereitschaft.

Ich habe heute leider kein Foto für dich

Tja, den Haul beende ich an dieser Stelle. Es gäbe noch eine ganze Menge heißer Teile zu besprechen. Aber für’s Erste sollte das Reichen. Leider fallen die besprochenen Outfits und zugehörigen Weltanschauungen bei mir alle durch. Für Germanys Next Topschwurbel muss man sich eben doch etwas mehr ins Zeug legen. Da bleibt jetzt die Frage: Was machen wir denn jetzt mit diesen Menschen? Kassenbon zum Umtauschen habe ich leider nicht mehr. Um das mal in aller Deutlichkeit zu sagen: Am besten veranstalten wir erst gar keine Demo, die wissenschaftliche Fakten in Frage stellt oder gar nicht anerkennt. Die Corona-Pandemie ist keine Meinung, sondern eine Realität. Über den politischen Umgang mit der Pandemie kann diskutiert werden. Aber nicht über die Existenz eines für viele Menschen lebensbedrohlichen Virus. Aus modischer Perspektive empfehle ich für alle Demonstrierenden übergreifend eine Dosis selbstkritischer Reflexion. Das ist sozusagen das Kleine Schwarze der Weltanschauungen: Steht jeder Person und passt zu jeder Lebenslage (und heilt hoffentlich die meisten Gesinnungs- und Geschmacksverirrungen).


Titelbild: Markus Spiske/Unsplash

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