Rezension: „Der Mauersegler“ von Jasmin Schreiber

Triggerwarnung: Das Buch handelt von Tod, Trauer und Suizidgedanken

Freundschaften sind etwas Tolles. Sie geben einem Halt. Sie lassen alltägliche Dinge besonders werden. Mit Freund*innen teilt man Freud und Leid. Doch was passiert, wenn die beste Freundin oder der beste Freund stirbt? Und noch schlimmer: Was ist, wenn man selbst daran Schuld ist? Was würdet ihr machen? Prometheus, der Protagonist des Buchs „Der Mauersegler“, ergreift die Flucht. Er flüchtet vor sich selbst, vor der Trauer und davor, was er getan hat. Er will nicht mehr weitermachen.

Jasmin Schreiber nimmt uns in ihrem neuen Roman mit auf eine Reise zwischen Trauer, Selbstreflexion und Neubeginn. „Der Mauersegler“ ist eine emotionale Gradwanderung. Wir Leser*innen sitzen – wie bei dem Thema vielleicht angenommen wird – nicht nur weinend und traurig vor dem Buch, sondern erleben auch lustige Situationen voller Hoffnung.

„Der Mauersegler“ – um was geht es?

Erste Sätze sind für mich in Büchern immer ein wichtiger Anhaltspunkt, da sie – wie auch die ersten Szenen in Filmen – viele Informationen verdichtet wiedergeben. Jasmin Schreiber beginnt ihren Roman mit folgenden Worten:

Ab einer bestimmten Geschwindigkeit fühlt sich fahren an wie fallen, der Körper irgendwie schwer zu verorten, das Gehirn ein wenig überfordert, die Landschaft nicht mehr durch klar umrissene Objekte dargestellt, sondern in farbige Scheiben geschnitten: in Grün für das Gras und niedrige Böschung, vielleicht Grau, wenn sich Gebäude ins Sichtfeld schieben, Braun bildet die Baumstämme ab, wieder Grün, wenn die Baumkronen kommen.

„Der Mauersegler“ von Jasmin Schreiber

Mit einer rasanten Autofahrt steigen die Leser*innen in die Geschichte ein. Der Protagonist fährt mit seinem Auto in Richtung Dänemark zum Meer – getrieben von Schuld und Suizidgedanken. Durch mehrere Rückblicke erfahren die Leser*innen mehr über seine Beweggründe. Prometheus ist Arzt, ihm sind Erfolg und Statussymbole sehr wichtig. Als Kind wuchs er in einfachen Verhältnissen auf, nun träumt er von einem Büro im Krankenhaus mit Balkon und Kaffeevollautomat – keinen Filterkaffe und Fake-Leder-Möbel, wie er diese bisher hat.

Die Leser*innen lernen aber auch einen Prometheus kennen, der seit Kindheitstagen eine tiefe Freundschaft zu Jakob hat. Bei Jakob sind die Statussymbole unwichtig. Mit ihm erlebt er viele Dinge. Gemeinsam gehen sie durch dick und dünn, sind beste Freunde – sogar „superbeste“ Freunde.

„Freunde machen doch nicht Schluss miteinander!“
„Wer weiß. Vielleicht ja doch.“
„Ich werde niemals mit dir Schluss machen.“
„Was ist, wenn ich etwas Schlimmes mache?“, fragte Prometheus unsicher.

Gespräch zwischen Prometheus und Jakob in „Der Mauersegler“

Doch eines Tages vermischen sich diese zwei Welten. Jakob hat Blasenkrebs und bittet Prometheus als Arzt um Hilfe. Jakob verliert den Kampf gegen den Krebs. Mit dem Tod des Freundes, fällt Prometheus tief. Doch in seinem dunkelsten Moment wird er von zwei älteren dänischen Frauen aufgefangen. Helle und Aslaug nehmen ihn auf ihren Ponyhof auf, kümmern sich um ihn und geben ihm genügend Raum, um seine Trauer zu verarbeiten.

Das macht „Der Mauersegler“ besonders

Die Autorin, Jasmin Schreiber, ist studierte Biologin – mit Fokus auf Zoologie (Tierkunde). Sie ist eine absolute Tierliebhaberin und das merken die Leser*innen auch im Buch „Der Mauersegler“. Immer wieder fragt sich Prometheus, was die Tiere wohl über ihn denken. Bäume, Pilze, Eichhörnchen und Ponys werden personifiziert. Sie blicken auf den Protagonisten. Mir persönlich gefällt die Ebene sehr – vor allem, da sie immer wieder humoristische und ironische Momente in der traurigen Geschichte erzeugen. Die verschiedenen Perspektiven von Menschen und Tieren machen das Buch aus meiner Sicht sehr besonders.

Auch die beiden Freunde, Jakob und Prometheus, sind sehr naturverbunden. In ihren Gesprächen, geht es oft um den titelgebenden Vogel – der Mauersegler. Die Jungs sind im Kindheitsalter sehr fasziniert davon, dass die Mauersegler immer in der Luft sind. Kontakt zum Boden ist für die Vögel eher ungewöhnlich. Aber nicht nur die Protagonisten schauen auf die Tierwelt, sondern auch anders herum: Die Tiere schauen auf die Menschen. Prometheus weint sich beispielsweise des Öfteren bei den Ponys von Aslaug und Helle aus und fragt sich, was wohl das Pony über ihn denkt. Die Leser*innen bekommen hier die Antwort: „Wenn er nicht die ganze Zeit heult, ist er eigentlich ganz ok. Das erzähle ich gleich mal den Eichhörnchen, die haben ja so eine unglaublich schlechte Meinung von ihm.“

Jasmin Schreiber kurz vor der Veröffentlichung von „Der Mauersegler“

Kleiner Fun Fact am Rande: Jasmin Schreiber beginnt ihre Bücher vom Titel her – „Der Mauersegler“ stand also schon bevor es Prometheus und seine Geschichte gab.

Mein Fazit zu „Der Mauersegler“

Die Themen Tod und Trauer sind immer schwierig. Oftmals scheue ich mich, Bücher mit diesen belastenden Themen zu lesen. Jasmin Schreiber hat allerdings eine wunderbare Art mit Trauer umzugehen und darüber zu schreiben. Nach ihrem ersten Roman „Mariannengraben“, in dem sie den Tod aus einer humoristischen Seite betrachtet, geht sie die Trauer in „Der Mauersegler“ von einer ernsteren Seite an. Trotzdem schafft sie es, die schweren Momente immer wieder mit komischen und humorvollen Stellen aufzulockern.

Jasmin Schreiber befasst sich auch außerhalb ihrer Autorentätigkeit mit Tod und Trauer. Ehrenamtlich begleitet sie Sterbende und Trauernde und fotografiert Sternenkinder (Babys, die vor oder kurz nach der Geburt gestorben sind). In einem Interview zum Thema Trauer, sagt Jasmin Schreiber Folgendes: „Trauer ist genauso individuell wie die Liebe, die einen mit der verstorbenen Person verbunden hat.“ Das Buch macht diese tiefe Verbundenheit der beiden Protagonisten in den zahlreichen Rückblenden zu ihren Kindheitserinnerungen. So können sich die Leser*innen gut in die Protagonisten reinfühlen und die jeweiligen Entscheidungen besser verstehen.

Der Roman macht aus meiner Sicht vor allem eins: Mut! Er ermutigt, auch in schwierigsten Zeiten wieder aufzustehen.

Trotzdem sei an dieser Stelle auch kritisch angemerkt, dass Ethikkomissionen, die bei medizinischen Studien hinzugezogen werden, eine solche Kombination (Arzt behandelt besten Freund) wohl kaum zugelassen hätten. Hier hätte ich mir differenziertere Einblicke in die Auswahl von Studienteilnehmer*innen gewünscht.

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