Film Festival Cologne

Wir waren beim Film Festival Cologne und haben uns so einige Filme angeschaut: Shame von Steve McQueen, Retour à Reims (Fragments) von Jean-Gabriel Périot, Lamb von Valdimar Johannsson und Zuhurs Töchter von Laurentia Genske und Robin Humboldt. Außerdem waren wir bei der Vernissage des GIF-Parcours rund um die Maastrichter Straße im Belgischen Viertel dabei. Ein großer Spaß, das können wir euch sagen! Welche Filme ihr euch unbedingt ansehen solltet und welche sich nicht für ein erstes Date eignen, könnt ihr hier nachlesen.

© The Party Film Sales

Retour à Reims (Fragments) – Jean-Gabriel Périot (2021)

In dieser nachdenklichen Collage aus Archiv-Aufnahmen und Versatzstücken von Didier Eribons Roman „Retour à Reims“ spürt der Filmemacher Jean-Gabriel Périot der Arbeiterklasse Frankreichs im 20. Jahrhundert nach. Dabei legt er einen besonderen Fokus auf die Rolle der Frau, indem er Hausfrauen in Wohnbaracken, Putzfrauen in Büros und Fließbandarbeiterinnen zeigt und teilweise auch archivierte Interviews mit einspielt. Sprecherin Adèle Haenel trägt ruhig und bestimmt Passagen aus Eribons Autobiografie dazu vor. Dabei spielen Ausschnitte über Eribons Mutter eine wichtige Rolle. Auch die Fremdenfeindlichkeit und der Rassismus gegenüber den Gastarbeiter:innen in den Siebziger und Achtziger Jahren wird aufgegriffen. Damit greift Périot die These von Eribon auf, dass die rechte Partei „Front National“ die kommunistische Arbeiterpartei verdrängen und in dem Milieu große Erfolge verzeichnen konnte, weil sie den Gastarbeitern die Schuld an der steigenden Arbeitslosigkeit gab. Im Gegensatz zur Buch-Vorlage spielt Eribons Person selbst und die Auseinandersetzung mit seinem Lebensweg als schwuler Akademiker keine Rolle. Für Leser:innen des Buches ist das überraschend, da dies in der Autobiografie einer der zentralen Aspekte ist. Aber es passt: Der Film kann so auch für sich stehen und überzeugt durch athmosphärische Dichte und gekonnte Re-Kombination von alten und neueren Archiv-Bildern.


© New Europe Film Sales

Lamb – Valdimar Johannsson (2021)

Auf einem abgelegenen isländischen Schaf-Bauernhof kommt ein besonderes Lamm zu Welt. Was es genau mit dem Kleintier auf sich hat, erklärt der Film lange Zeit nicht und möchte ich hier nicht näher erläutern, falls ihr ihn noch schauen wollt. Denn je weniger man vor dem Schauen weiß, desto mehr wird man von dem Film umgehauen. Nur so viel dazu: Das Bauernpaar kann ihr Glück kaum fassen und zieht es auf wie ein kleines Kind. In den ersten Minuten zeigt der Film beeindruckende Tieraufnahmen, in denen man als Zuschauer:in das Gefühl bekommt, ein Teil der Herde zu sein. Die Kälte und der laute Wind der wunderschönen Wildnis Islands sind selbst vor dem Screen zu spüren. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier beziehungsweise zwischen Mutter/Vater und Kind wird während des Films immer intensiver und emotionaler. Fazit: Der Film überzeugt durch sehr ergreifende und eindrückliche Aufnahmen sowohl von Tieren, als auch Menschen. Mit überraschenden Wendungen schafft er zudem, dass man sich mit ethischen Fragen auseinandersetzt.


© Prokino

Shame – Steve McQueen (2011)

Der Film Shame ist ein Spielfilm über den Sexsüchtigen New-Yorker Brandon (Michael Fassbender). Ähnlich wie die Stadt New York ist der Geschäftsmann unruhig und verliert sich in der Masse an (sexuellen) Angeboten und Anonymität. Vor seinen Arbeitskolleg:innen und Bekannten verheimlicht Brandon seine Sucht, trifft sich heimlich mit Sexarbeiterinnen und masturbiert auf der Bürotoilette. Eine lange Liebesbeziehung hatte Brandon bisher nicht und er lässt keine Intimität zu. Der Film arbeitet mit der Hauptfigur einen starken Kontrast zwischen körperlicher Nähe und emotionale Distanz auf. Dies ändert sich jedoch, als seine psychisch labile Schwester Sissy (Carey Mulligan) ihn besucht. Der Film lässt erahnen, dass die beiden eine schwierige Vergangenheit haben, lässt aber offen, was sie erlebt haben. Für Geschwister haben sie eine verwirrende Beziehung zueinander. Sie können sich ohne Probleme nackt gegenüberstehen, aber nicht ehrlich und aufrichtig miteinander reden. Anders als Brandon, zeigt Sissy jedoch ihre Gefühle und versucht die Distanz zu überwinden. Dadurch werden Brandon die eigenen Probleme widergespiegelt und er kämpft mit seiner Angst zu einer Frau Nähe aufzubauen und seiner Sexsucht. Von der ersten Filmminute an ist seine Anspannung zu spüren und als Zuschauer:in fragt man sich, wie Brandon zu diesem kühlen und – in Gegenwart seiner Schwester – gereizten Mann werden konnte. Viele Fragen bleiben bis zum Schluss offen, was auch daran liegt, dass der Film nicht moralisiert. Eine Zuordnung in gut oder böse, richtig oder falsch fällt schwer und ist vom Regisseur nicht gewollt. Immer wieder überrascht der Film sowohl mit sinnlichen, als auch unangenehmen und tragischen Szenen. Fazit: Nichts für schwache Nerven, kein Film für ein erstes Date oder einen entspannten Sonntagabend auf der Couch. Wer sich jedoch auf die Story einlässt, wird mit sehr guten Schauspieler:innen-Leistungen belohnt.


© Corso Film

Zuhurs Töchter – Laurentia Genske, Robin Humboldt (2021)

Der Dokumentarfilm Zuhurs Töchter begleitet die trans Schwestern Lohan und Samar in einer der wohl prägendsten Zeiten ihres Lebens: Auf dem Weg ihrer Transition und der Suche nach sich selbst. Die Geschichte ist keine gewöhnliche Coming-of-Age-Story, denn als Töchter von religiösen Eltern aus Syrien stehen sie zwischen ihrem Wunsch, endlich anzukommen und ihren Eltern, die Schwierigkeiten haben, zu verstehen, was in den beiden vorgeht. Die Aufnahmen stellen dabei sowohl persönliche Perspektiven der Frauen, als auch der Familie dar. So schafft der Film Sympathien für alle Beteiligten, obwohl sie so unterschiedlich denken. Dem Wunsch, endlich von der Gesellschaft als Frau wahrgenommen zu werden, stehen die Ängste, dass die Familie von dem religiösen Umfeld ausgestoßen wird, gegenüber. In einigen Szenen sind die Musik, die Kleidung und die Dialoge so passend, manchmal schon plakativ aufeinander abgestimmt, dass man fast denken könnte, es sei ein Spielfilm. Fazit: Der Film überzeugt durch seine Nähe zu den Figuren und zeigt dabei, wie vielen Hindernissen trans Frauen begegnen.


Titelbild: Film „Shame“ © Prokino

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