Potterless statt Pottermore

Vorweg: Nein, Harry Potter ist immer noch nicht out! Der Junge, der überlebte, ist zwar dieses Jahr vierzig geworden (Harrys Geburtstag ist offiziell der 31.07.1980), aber für die meisten wird er wohl immer der Hogwartsschüler bleiben. Und wir Fans werden diejenigen bleiben, die sich mit in die Magische Welt träumen und ihre ganz eigene Welt drumherum erschaffen. Ich bin immer wieder begeistert, welche kreativen Medieninhalte immer noch rund um Harry Potter entstehen und Rezipient:innen zusammenbringen, weswegen ich auch gerne etwas davon hervorheben möchte. Leider hat jedoch die Magie von Harry und sein Fandom einen hässlichen Kratzer in letzter Zeit bekommen.

Spiel und Spaß im Potterverse

Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, warum das Phänomen Harry Potter immer noch so erfolgreich ist. Ich habe mal eine Hausarbeit darübergeschrieben (ja, im Medienstudium darf man das tatsächlich), dass das Fandom immer noch zu den größten und aktivsten weltweit gehört, weil die entsprechenden Identifikationsangebote immer weiterentwickelt werden und immer noch neuer Content generiert wird. Dies geschieht auf der einen Seite natürlich durch die Fans selbst, aber auf der anderen Seite eben durch jene, die die offizielle Lizenz besitzen ergo Warner Brothers und J.K. Rowling. So wurde jüngst das neuste Harry Potter Spiel angekündigt. Nach drei Apps fürs Smartphone – die mäßig erfolgreichen Hogwarts Mystery und Wizards Unite sowie das gerade international zugänglich gemachte Puzzles and Spells, und ja, ihr könnt davon ausgehen, ich hab sie alle ausprobiert – soll jetzt ein Role Play Game namens Hogwarts Legacy für Konsole (PlayStation, Xbox, PC) kommen.

Man kann alle berechtigte Kritik daran anbringen, dass immer noch mehr Geld gemacht wird mit dem sogenannten Potterverse und die Geschichte sich offenbar nicht zur Ruhe setzen darf. Allerdings muss man eben auch sehen, dass nicht viel Gewinn gemacht werden könnte, wenn es nicht den entsprechenden Markt dafür gäbe. Einfachstes Prinzip von Angebot und Nachfrage, so viel weiß sogar ich von Wirtschaftswissenschaft. Allerdings hat gerade die Ankündigung von Hogwarts Legacy das Harry Potter Fandom in eine weitere Zwickmühle gebracht. Denn viele möchten J.K. Rowling nicht mehr auch nur einen Cent noch geben. Und zwar nicht, weil sie finden, die Frau hätte eh zu viel Geld, sondern weil sie nicht einverstanden sind mit ihren Aussagen und ihrem Verhalten in den letzten Monaten.

Liebe besiegt wohl doch nicht alles

Um es deutlich zu sagen: Das Harry Potter Fandom steckt tatsächlich in einer Krise. Viele verdrehen jetzt vielleicht die Augen, denn wie schwerwiegende Auswirkungen für einen persönlich kann das schon haben? Aber lasst mich euch sagen, es ist für viele tatsächlich der Zusammenbruch einer kleinen Welt. Wie gesagt, ich habe mich mal ausführlich mit Identitätskonstruktion in diesem Fandom beschäftigt. In Kurzform lässt sich zusammenfassen, dass das Potterverse neben Spiel und Spaß für viele einfach auch einen sicheren Hafen geboten hat. Die Quintessenz von Harry Potter ist das allseits beliebte „love conquers all“. Antagonist Voldemort ist mit seinem Wahn des reinen Bluts, der Verfolgung aller, die anders sind, und seiner Machtbesessenheit auf Kosten aller anderen schon Bösewicht genug. Aber seine große Schwäche ist, dass er Liebe nicht versteht oder fühlt. Harry hingegen wird so sehr geliebt und kann so sehr lieben, dass er am Ende überlebt (Spoiler!).

Das Harry Potter Fandom bot vielen Platz, die das Gefühl hatten, nirgendwo hinzugehören und anders zu sein als andere. Harry Potter stand lange für Toleranz und Verbundenheit. Natürlich ist das jetzt etwas überhöht, denn auch im Ausgangsstoff gibt es so einige Problematiken und sicher war auch im Fandom nicht alles ein Zuckerschlecken. Allerdings ist jetzt J.K. Rowling in großem Ausmaß mit transfeindlichen Aussagen in die Öffentlichkeit gegangen und hat eine wahre Lawine losgetreten und vielen Menschen das Gefühl gegeben, für sie sei im Harry Potter Fandom und überhaupt in der Welt kein Platz. Und ja, Rowlings Aussagen sind transfeindlich, so ungern man das wahrhaben will. Bei allem, was an der ganzen Sache zu diskutierten und auch verteidigen ist und wo auch ich nicht weiß, wie man damit umgehen soll, aber sie spricht leider genau in den Diskurs der sogenannten TERFs (trans exclusionary radical feminists). Das macht wütend und enttäuscht, aber eben für viele ist es ein Schlag in die Magengrube und das Infragestellen des eigenen Selbst.

Solidarität mit trans Personen

Die Gemeinschaft der Potterheads, wie Harry Potter Fans genannt werden, steht somit gerade an einer schweren Kreuzung. Ein Fandom, das so groß, so vielfältig ist, muss sich entscheiden, wen es noch als Teil des solchen sehen will und wen es ausschießt. Allein dass seine Schöpferin es in eine solche Bredouille bringt, ist schon traurig genug. Es ist auch traurig, dass ausgerechnet die Schöpferin jetzt von vielen ausgeklammert wird.

Es gäbe sehr viel mehr zu J.K. Rowling zu sagen. Aber das möchte ich an dieser Stelle eigentlich gar nicht. Es gibt sehr viel klügere und besser in der Thematik verständige Menschen als mich, die sehr gute Texte zur aktuellen Debatte geschrieben haben*, und ich verfasse diesen Beitrag nicht, um auch noch meinen Senf dazuzugeben. Ich maße mir auch nicht an, mich mit dem Thema gut auszukennen oder irgendwie nachvollziehen zu können, wie sich trans Menschen fühlen. Aber um es einmal deutlich zu sagen: Trans Frauen sind Frauen. Trans Männer sind Männer. Bei allem Verständnis auch für J.K. Rowling als Überlebende von Missbrauch und sexualisierter Gewalt, aber wenn Betroffene einem sagen, dass die eigenen Aussagen transfeindlich und verletzend sind, dann entschuldigt man sich und bauscht nicht den Diskurs noch weiter auf. Wenn es einem selbst doch um safe spaces geht, zerstört man nicht die von eh schon marginalisierten Gruppen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die aktuelle Spaltung in Rowlings Interesse liegt, aber here we are. Es kommt einem falsch vor, einen Text über das Harry Potter Fandom zu schreiben, ohne die deprimierenden Entwicklungen zu erwähnen und sich auch irgendwo zu positionieren. In diesem Sinne Schuldigkeit getan, kommen wir zu den schönen Sachen.

Bild: Potterless Press Kit

Wizard On

Denn meine ursprüngliche Intention hinter diesem Beitrag ist, dass ich eine kleine Lobeshymne auf einen meiner Lieblingspodcasts halten wollte. Podcasts sind ja in der Medienlandschaft das große Ding zurzeit. Alle, die etwas auf sich halten, haben heute einen Podcast. Ich höre meist so einige zu verschiedenen Themen, aber es gibt glaube ich tatsächlich nur sehr wenige, von denen ich wirklich alle Folgen angehört habe. Und von diesen hat nur einer über hundert Folgen.

Potterless ist „the journey of an adult man reading the Harry Potter series for the first time”. Klingt jetzt erstmal wenig spektakulär, aber lasst mich euch mit Mike Schubert bekannt machen. Mike – oder Schubes – hat sich als Kind geweigert, die Harry Potter Bücher zu lesen, da seine Schwester die gut fand und er daher davon ausging, dass sie nicht seinen Geschmack treffen würden (hiermit Grüße an meinen eigenen Bruder). Nun ist aber seine Freundin Kelly selbst großer Fan und so startet Mike mit 23 Jahren das Experiment, die Bücher doch zu lesen, um sich auch mit ihr darüber unterhalten zu können. Den Fortschritt möchte er in einem Podcast dokumentieren, in dem er mit immer wechselnden Gästen chronologisch die Geschichte diskutiert. Mike geht weder davon aus, dass der Podcast erfolgreich sein wird, noch, dass ihm die Bücher gefallen werden. Mike liegt sehr falsch.

Das Fandom im Fandom

Potterless ist inzwischen der erfolgreichste Harry Potter Podcast und Mike selbst kommt nicht umhin, sich als Fan zu bezeichnen. Die Bücher hat er längst ausgelesen, alle Filme geschaut und jetzt konsumiert er sämtlichen Content, der drumherum entstanden ist. Außerdem ist um den Podcast selbst inzwischen ein ziemlich aktives und immer größer werdendes Fandom entstanden. Inklusive Facebookgruppe und Sub-Reddit neben den offiziellen Social Media Accounts von Potterless. Es gibt eigenes Merchandise, bedruckt mit den Insidern. Außerdem gab es selbstverständlich regen Anteil an der Verlobung Mike und Kellys und ihrer Hochzeit Anfang des Jahres.

Potterless ist natürlich nicht der erste Podcast, in dem die Hosts die Bücher lesen, die Filme sehen und besprechen. Davon gibt es einige und ich habe auch in ein paar andere reingehört, aber Potterless gefällt mir (und offenbar vielen anderen) einfach am besten. Mike hat das Rad nicht neu erfunden, aber ihm seinen eigenen Spin gegeben. Er ist in den meisten Fällen eine sehr fesselnde und angenehme Podcast-Persona. Ich sage Persona, weil er natürlich eine Rolle spielt, auch wenn er ein sehr authentisches Gegenüber für die Rezipient:innen bietet. Er selbst hat in einer Folge herausgestellt, dass es überzogen ist, wie er sich in Tiraden hereinsteigert oder an kleinsten Details aufhängt. Aber Mike hat den Dreh ganz gut raus, wie er hier eine Balance findet, sodass man eben mit ihm lachen kann und nicht nur die Augen verdreht.

Außerdem sind es natürlich die Gäste, die den Podcast so sehr bereichern. Von Beginn an sucht sich Mike immer Gesprächspartner:innen, die sich besser im Potterverse auskennen als er, und oft sind diese selbst in schöpferischen Tätigkeiten dort aktiv. Trotzdem möchte man auch sie als eingefleischter Potterfan manchmal schütteln für ihre Unkenntnis der Wizarding World. Der Erfolg machte es Mike beispielsweise außerdem möglich, im Rahmen der Convention LeakyCon eine Folge mit Chris Rankin, Darsteller des Percy Weasley, aufzunehmen. Ein Highlight waren etwa auch die Episoden vor ein paar Wochen, in denen A Very Potter Senior Year, der dritte Teil der fanmade Harry Potter Musicals, besprochen wurde (falls ihr diese nicht kennt, habt ihr etwas verpasst). Zu Gast war hier Melissa Anelli, eine der Größen im US-amerikanischen Fandom, die als Mitorganisatorin der LeakyCon, bei der das Musical einmalig aufgeführt wurde, viel Einblick hinter die Kulissen geben konnte. Außerdem wurde in diesen Folgen auch ausführlich über die ganze aktuelle Rowling-Debatte gesprochen, denn Melissa hatte mal einen ganz guten Draht zu J.K. Rowling, weswegen sie sehr mit der aktuellen Situation zu kämpfen hat. Mike hat sich sehr explizit gegen die Autorin gestellt und sehnt den Augenblick herbei, an dem er mit dem „offiziellen“ Potter-Content durch ist und nur noch Sachen besprechen kann, die Fans kreiert haben bzw. bei denen J.K. Rowling nicht weiter ihre Finger im Spiel hatte. Wie gesagt, man kann der Kontroverse und ihren Auswirkungen auch in den Unter-Fandoms nicht aus dem Weg gehen.

Was manchmal ein bisschen stört, ist, dass der Podcast doch sehr klar in den USA verankert ist. Mike ist Amerikaner und so verhält es sich auch mit den meisten Gästen, sodass Perspektiven und Besprechungen doch auch immer sehr amerikazentriert sind. Zwar ist die Rubrik „British Quanderies“, in der Britin Dottie James Begriffe erklärt, ein netter Einfall, aber ich würde mir doch manchmal einen etwas weiteren Blick über den Tellerrand wünschen. Ein Blick in die Facebookgruppe genügt, um zu sehen, wie vielfältig das Publikum auch dieses Podcasts ist.

Erwähnenswert finde ich allerdings noch, dass jeden Monat für einen guten Zwecke gespendet wird. Der Podcast finanziert sich über Patreon (eine Plattform, die viele Künstler:innen und Medienschaffende nutzen) und über Sponsoring. So viele Unterstützer:innen es auf Patreon gibt, so viele Dollar werden monatlich an wechselnde Organisationen gespendet, und Mike hat in letzter Zeit einen Teil seiner Werbeeinahmen explizit an Angebote, die trans Personen unterstützen, gegeben. Bei aller aktuellen Problematik gibt es doch auch einfach weiterhin viel Solidarität im Harry Potter Fandom.

After all this time…always

Um diesen Beitrag abzuschließen, möchte ich nochmal darauf zurückkommen, warum Harry Potter immer noch im Leben von so vielen eine Rolle spielt. Ja, einerseits gibt es immer wieder Erweiterungen durch J.K. Rowling und von ihr lizenzierten Personen und Unternehmen. Dazu kann man stehen, wie man will. Aber auf der anderen Seite ist das Potterverse so viel größer als seine Schöpferin geworden. Es hat Ausmaße erreicht, von denen sie wahrscheinlich nicht mal zu träumen wagte, aber daher unterliegt es auch längst nicht mehr komplett ihrer Kontrolle. Die Fans haben sich Harry Potter angeeignet und sie sind es, die ihm insbesondere immer neues Leben geben und sich untereinander immer wieder mit Begeisterung anstecken. Und dass ein Kinderbuch als Ausgangsstoff auch nach so vielen Jahren noch immer so viele Menschen verbinden kann, ist doch eigentlich etwas sehr Schönes.

In diesem Sinne: As they say in the Wizarding World before they put love first: Wizard on!

Übrigens, wer diesen und ähnliche Podcasts gut findet, dem empfehle ich Mikes anderen Podcast Meddling Adults, in dem seine Gäste in einer Art Game Show Rätsel aus Kinderdetektivbüchern lösen müssen, um Geld für Wohltätigkeitsorganisationen zu erspielen. Außerdem hat mich gerade die aktuelle Staffel von Hot and Bothered – Twilight in Qurantine in ihren Bann gezogen, in der Vanessa Zoltan und Julia Argy die Twilight-Bücher Kapitel für Kapitel lesen und unter anderem den Charakteren gut gemeinte und natürlich total ernsthafte Ratschläge geben.

* Ich sehe davon ab, hier bestimmte Artikel zu verlinken. Die Debatte ist sehr weitreichend und es gibt meiner Meinung nach nicht den einen Beitrag dazu, der sie in der Gänze abdecken könnte. Ich möchte nicht eine Einzelstimme priorisiert als Sprachrohr nehmen und andere – auch etwa Gegenmeinungen – ignorieren. Weder ich noch irgendwer anders haben hier die Wahrheit gepachtet. Hinzukommt, dass diejenigen, die ich hier als am stärksten betroffen sehe, trans Fans, nicht diejenigen sind, die Artikel mit großer Reichweite schreiben, sondern sie sind eher in den sozialen Netzwerken in fortwährendem Austausch anzutreffen. Allen, die sich also für eine detaillierte Betrachtung der Debatte interessieren, empfehle ich, sich selbst ein Bild und eine Meinung zu machen.

Beitragsbild: Potterless Press Kit

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