Rezension: „Komplett Gänsehaut“ von Sophie Passmann

Ich mag Sophie Passmann. Ich folge ihr auf Social Media, habe ihren Podcast Die Schaulustigen gern gehört und mochte auch ihre ersten Bücher Alte weiße Männer und Frank Ocean. Deshalb tut es mir leid, zu sagen, dass Komplett Gänsehaut nicht meins war. Nach den ersten 25 Seiten der print-Version habe ich das Buch entnervt zugeklappt und wollte es eigentlich bleiben lassen. Ich habe es dann im zweiten Anlauf mit dem Hörbuch versucht, das Passmann selbst liest, und bis zum Ende durchgehalten. Warum mir das Buch nicht wirklich gefallen hat, hat verschiedene Gründe.

Doch erstmal ein paar Worte zum Inhalt

Komplett Gänsehaut bewegt sich meinem Verständnis nach irgendwo zwischen Fiktion und Sachbuch. Passmann selbst hat während der Release-Party auf Instagram gesagt, die Protagonistin sei ihr zwar sehr ähnlich, aber nicht sie selbst. Das Buch hat demnach eindeutig autobiografische Züge. Im Zentrum steht eine 27-jährige Frau, die sich voller Selbstironie und Selbshass durch die Welt bewegt und alles um sich herum bis ins kleinste Detail seziert und analysiert: Ihren Umzug, die Einrichtung ihrer Wohnung, die Beziehung zu ihren Freund*innen, die Beziehung zur Stadt, in der sie aufgewachsen ist, etc. Dabei wirkt das Buch eher wie eine Aneinanderreihung von Anekdoten, ohne eine richtige Handlung zu haben.

Meine Meinung

Mir gefällt die Grundidee von dem Buch durchaus. Komplett Gänsehaut wirkt wie ein Spiegel der Millennial-Generation. Er führt alle unsere (ich sage „unsere“, weil ich mich der Millennial-Generation zugehörig fühle) merkwürdigen Verhaltensweisen, unsere Sichtweisen auf die Welt, die Art, wie wir Beziehungen führen, auf merkwürdige Art auf die Spitze. Auch wird eine Art Zwischenwelt zwischen Jugend und Erwachsensein thematisiert, in der viele von uns sich noch befinden und aus der wir nicht so ganz herauskommen, denn unsere Generation hat ja bekanntlich so seine Probleme, sesshaft zu werden und sich auf etwas festzulegen. Ich konnte mich in einigem davon durchaus wiederfinden. Allerdings war für mich alles an dem Text so überspitzt, dass ich ihn die meiste Zeit über gar nicht wirklich ernst nehmen konnte. Die meisten Gedanken und Gefühle der Protagonistin waren mir so fremd, dass ich mich einfach nicht auf das Buch einlassen konnte. Dabei ist mir bewusst, dass zynisch und überspitzt das Konzept dieses Buchs ist. Man soll die Protagonistin überhaupt nicht mögen und sich von ihr befremdet fühlen. Für mich hat das ganze allerdings nicht funktioniert. Ich verstehe Leute sowieso nicht, die sich hinter einer kühlen und zynischen Maske verbergen, um ja nicht ernst nehmen zu müssen und ja keine echten Emotionen zulassen zu müssen. Ich bin ein Fan von Emotionen und dieses Buch hatte definitiv zu wenige davon.

„Am schlimmsten sind dabei immer die weißen Mittelschichtskinder, wer auch sonst, mit ihren ambitionierten Strumpfhosen und ihren bedeutungsvollen T-Shirts – wir sind übrigens lange über den Punkt hinaus, dass wir uns hier jetzt noch über Jutebeutel lustig machen.“

Komplett Gänsehaut

Sophie Passmann ist ein weißes Mittelschichtskind und ich bin es auch. Die Selbstironie ist nicht unbedingt schlecht gelungen. Die durchaus kluge Analyse der Gesellschaft und unserer Generation konnte einfach keine 170 Seiten tragen. Die meiste Zeit über war ich gelangweilt.

Sprachlich wirkt der Text ein wenig wie ein Poetry-Slam. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass ich ihn auf Papier schier unerträglich fand. Die Sätze sind endlos lang und die Satzteile durch Kommata getrennt. Passmann selbst liest den Text angenehm und gut betont, sodass der Schreibstil nicht mehr störend war. Solltest du also vom print-Exemplar genervt sein, versuche es ruhig mit dem Hörbuch. Es ist auf Spotify kostenlos verfügbar.

Fazit

Sophie Passmann stellt in Komplett Gänsehaut einige kluge Beobachtungen auf und seziert selbstironisch die Generation der Millennials. Ich konnte mich in einigem davon zumindest ansatzweise wiederfinden, fand das Buch zum größten Teil allerdings maßlos übertrieben und war von der emotionslosen Selbstironie und dem anstrengenden oft gelangweilt. Deshalb gibt es leider keine Leseempfehlung von mir.

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