Rezension: „Der Dunkle Schwarm“ von Marie Graßhoff

Es ist nichts Neues, dass ich ein großer Fan der deutschen Autorin Marie Graßhoff bin. In dem Artikel über Cyberpunk, den Alike und ich gemeinsam geschrieben haben, habe ich ihre Romantrilogie Neon Birds bereits kurz vorgestellt. Ihr neustes Werk Der dunkle Schwarm lässt sich ebenfalls in das Genre Cyberpunk einordnen, unterscheidet sich allerdings in zwei Aspekten deutlich von Neon Birds: In Der dunkle Schwarm entwirft Marie Graßhoff eine sehr dystopische und düstere Zukunftsvision. Außerdem handelt es sich nicht um einen klassischen Roman in gedruckter Form. Der dunkle Schwarm ist eine Hörbuch-Serie, produziert von Audible und nur auf Audible zu finden, das heißt man muss dort ein Abo abschließen, um die Geschichte anhören zu können. Wie mir das gefallen hat, erfahrt ihr hier.

Doch erstmal ein paar Worte zum Inhalt

Wir befinden uns im Jahr 2100. Menschen können ihr Bewusstsein mittels einer Technologie – den sogenannten Hive Minds – verbinden. Die junge Programmiererin Atlas Lawson lebt ein gefährliches Doppelleben, denn sie kann Erinnerungen aus den Hive-Implantaten stehlen und betreibt damit im Untergrund einen lukrativen Handel. Einzig der Androide Julien, der sie aufgezogen hat, weiß davon. Doch als eines Tages der Industriellensohn Noah sie beauftragt, den Mörder seiner Schwester ausfindig zu machen, werden die drei in ein Netz aus Intrigen verstrickt, in dem sowohl Atlas einmalige Fähigkeiten als auch ihre ungeklärte Herkunft plötzlich eine Rolle spielen.

Das Format

Audible produziert bereits seit mehreren Jahren Hörbuch- und Hörspiel-Originals. Ich habe davon bisher nur am Rande mitbekommen. Ich höre zwar hin und wieder Hörbücher, allerdings bevorzuge ich doch die Buchform, da ich mich auf Bücher besser einlassen kann, wenn ich sie lese statt höre. Aber als Marie Graßhoff ihr Audible-Original veröffentlichte, war mir natürlich sofort klar, dass ich mir die Geschichte anhören würde, immerhin habe ich bisher jedes Buch von ihr geliebt. Dass Der dunkle Schwarm nur auf Audible verfügbar ist, ist natürlich in jedem Fall kritisch anzumerken. Möchte man das Buch anhören, hat man also gar keine Wahl, als Amazon finanziell zu unterstützen.

Der dunkle Schwarm ist als Serie konzipiert. Der Aufbau ist ähnlich zu dem einer klassischen Fernsehserie: Das ganze Hörbuch ist eine Staffel, die aus 10 Folgen besteht. Diese 10 Folgen sind jeweils eine Stunde lang und haben immer eigene kleine Handlungsbögen, während die Staffel einen großen, in sich abgeschlossenen Handlungsbogen hat (also kein fieser Cliffhanger am Ende, höchstens ein paar ungeklärte Fragen). Diesen Aufbau fand ich für ein Buch interessant und ungewöhnlich. Im Gegensatz zu vielen Sci-Fi- und Fantasy-Romanen, in denen ganze Kapitel lang kaum etwas passiert und nur die Welt eingeführt wird, wirkt die Handlung von Der dunkle Schwarm wahnsinnig actionreich. Dadurch wird es natürlich nie langweilig, gleichzeitig habe ich mir aber auch hin und wieder etwas mehr Pausen gewünscht, denn so war das Ganze ein wenig überfordernd. Die Sprecherin Nora Jokhosha macht einen grandiosen Job und hat viel dazu beigetragen, wie ich mir die Protagonistin Atlas vorgestellt habe.

Die Welt und Charaktere

Kommen wir jetzt zur Rezension der eigentlichen Geschichte. Der dunkle Schwarm ist Sci-Fi, hat aber auch Elemente einer Dystopie und eines Krimis. Vor allem der Krimi-Aspekt hat mir sehr gut gefallen, denn er war einerseits klassisch (die Aufdeckung eines Verbrechens), hat aber natürlich auch für einige überraschende Wendungen gesorgt. Die Aufdeckung des Rätsels um den Tod von Noahs Schwester steht zu Beginn der Handlung im Fokus, doch die Geschichte entwickelt sich schon bald zu etwas weitaus Größerem und die meisten Twists habe ich wirklich nicht kommen sehen. Auch wenn ich die Geschichte, wie schon erwähnt, manchmal sogar als etwas zu actionreich empfunden habe, war sie durchweg unterhaltsam und spannend.

Ein Highlight der Geschichte war die Protagonistin Atlas. Ich habe sie als ungewöhnliche Frauenfigur empfunden: Sie ist egoistisch und abgebrüht, ohne dass ihr das irgendwann mal zum Verhängnis wird, sie sich grundlegend verändert oder ihre Charakterzüge im Laufe der Geschichte relativiert werden. Diese Art von Egoismus und fehlender Empathie kenne ich sonst nur von männlichen Figuren. Leider sind ihre „Side Kicks“ beide Männer. Ich hätte mich auch über ein Frauen-Duo gefreut. Noah ist ein Softie und auch das hat mir gefallen, weil es einen schönen Kontrast zu Atlas Charakter bildet. Natürlich bleiben romantische Elemente hier nicht aus, allerdings verändert sich Atlas nicht für Noah und die Beziehung der beiden wird toll erzählt und steht auch nicht im Fokus der Geschichte. Kommen wir nun zu meinem Problemkind: Julien. Julien ist ein ehemaliger Kampf-Android, der Atlas als Kind von der Straße aufgelesen und großgezogen hat. Es wird öfter erwähnt, dass Julien für Atlas ihre Familie ist, aber es fiel mir schwer, das so hinzunehmen. Erstmal: Er ist eine Maschine. Bei anderen Androiden zieht Atlas diese Abgrenzung zum Menschen immer, wieso ist Julien da anders? Man erfährt außerdem nichts über Juliens Vergangenheit. Wo kommt er her und wieso hat er einfach so ein kleines Mädchen von der Straße aufgelesen? Auch tiefere Gespräche zwischen Atlas und Julien finden so gut wie nie statt und Atlas behandelt ihn meiner Meinung nach eher wie einen Bediensteten. Julien konnte mir – im Gegensatz zu den beiden anderen Hauptfiguren – nicht ans Herz wachsen. Ich möchte hier nicht spoilern, aber das Ende der Geschichte bestätigte mir diesen Eindruck nur. Generell kam das Ende für mich ein wenig plötzlich und es blieben einige Fragen offen, was mich ein wenig unbefriedigt zurückgelassen hat. Allerdings gab es keine fiesen Cliffhanger. Außerdem schreibt die Autorin bereits an einer Staffel 2, das heißt, da wird sicherlich noch das ein oder andere beantwortet.

Fazit

Der dunkle Schwarm überzeugt durch ein interessantes Format, eine spannende Geschichte und zwei tolle Hauptcharaktere, mit denen mir nie langweilig geworden ist. Einen Stern Abzug gibt es für die gelegentliche Überforderung, die ich empfunden habe, und für Julien, dem ich nicht wirklich viel abgewinnen konnte. Marie Graßhoffs Schreibstil ist wie immer grandios und natürlich spreche ich an dieser Stelle eine klare Hör-Empfehlung aus.

Copyright Titelbild: Audible

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