Rezension: „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl

„Beim zweiten gilt’s. Da zeigt sich, ob du nur zufällig kurz ein bisserl gehyped warst oder ob du doch was kannst.“, schreibt Mareike Fallwickl am Tag vor Erscheinen ihres zweiten Romans, Das Licht ist hier viel heller, auf Instagram. Und ich finde, sie hat Recht. Ich habe ihren ersten Roman Dunkelgrün fast schwarz geliebt und mir war klar, dass ich ihren Schreibstil unglaublich gut finde und dass die Art, wie sie zwischenmenschliche Beziehungen beschreibt, außergewöhnlich ist. Aber manchmal findet man eben nur ein Buch einer Autorin gut. Ich fieberte ihrem zweiten Roman lange entgegen, weil ich mich fragte, ob sie es nochmal schaffen würde, mich so umzuhauen. Und was soll ich sagen? Sie ist kein One-Hit-Wonder. Mit Das Licht ist hier viel heller hat Mareike Fallwickl sich auf die Liste der Autor*innen katapultiert, von denen ich ab sofort blind alles lesen werde.

Zusammenfassung

Wenger ist gescheitert. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Kinder halten ihn auf Distanz und der einst erfolgreiche Schriftsteller hat eine Schreibblockade. Doch die Briefe einer Unbekannten, die er seit kurzem erhält, reißen ihn aus seiner Lethargie. Seine Tochter Zoey hat währenddessen ihre ganz eigenen Probleme, doch auch sie berühren die Briefe, die sie bei ihrem Vater findet, jedoch auf ganz andere Art.

Meine Meinung

Keine Zusammenfassung kann diesem Buch gerecht werden. Das Licht ist hier viel heller ist eines der Bücher, das weniger von einer unglaublich spannenden Handlung lebt, als eher von den Charakteren, Beziehungen und den Emotionen, die es auslöst. Ich habe gelacht, geweint und wollte das Buch zwischenzeitlich vor Wut zerreißen. Ich habe nachts gelesen, bis ich die Augen kaum noch aufhalten konnte. Dieses Buch hat mich auf eine ganz eigenartige Weise berührt. Das ist keine Wohlfühl-Lektüre. Zwar ist die Geschichte Fiktion, doch die Dynamiken und die Probleme, die es entlarvt, sind real. Es geht um Männer und Frauen, um Unterdrückung und Macht. Das Licht ist hier viel heller greift die #metoo-Debatte auf grandiose Weise auf. Mareike Fallwickls Schreibstil tut ihr übriges zur Sog-Wirkung der Geschichte:

„Erinnerst du dich, dass Worte scharf sein können wie Messer? Weißt du noch um ihre Macht, um diese Schlingen, die sich auf dich legen, mit Eisenspitzen, die dir die Haut aufbrechen und die Knochen? Ich will eine Schlinge sein, ich will ein Messer sein, in Eisen gegossene Unbarmherzigkeit. Ich will dich aufbrechen, ich habe zu lange geschwiegen. Öffne deine Augen. Schau her. Schau nicht mehr weg. Jetzt ist die Stunde für meine Worte. Jetzt ist die Stunde für meine Rache.“

– Das Licht ist hier viel heller, S. 19

Der Protagonist Wenger ist ein alter weißer Mann. Nicht nur das, er ist DER alte weiße Mann. Er ist chauvinistisch, egoistisch, frauenfeindlich, kritikunfähig, überheblich und rechthaberisch. Und trotz allem kommt er überall durch, kann sich immer mit einem Lächeln aus der Affäre ziehen, weil er mächtig ist, weil er in den richtigen Momenten charmant sein kann. Er entlarvt alles, was den alten weißen Mann ausmacht. Ich habe ihn gehasst. Und doch habe ich mich manchmal dabei ertappt, zu bewundern, wie er das schafft. Wie er so selbstsicher sein kann, nie an sich zweifeln kann und am Ende irgendwie immer gut dasteht.

Zwar ist Wenger der Protagonist, aber Das Licht ist hier viel heller erzählt die Geschichte von zwei Frauen. Zoey, Wengers Tochter, ist siebzehn und sie kämpft. Sie kämpft dafür, unabhängig zu sein, selbstbestimmt leben zu können und als die wahrgenommen zu werden, die sie ist und die sie sein möchte. Sie muss ihren Platz im Leben noch finden und wir begleiten sie dabei, zumindest ein Stück. Doch Zoey merkt, dass das gar nicht so einfach ist, vor allem, wenn die Menschen um einen herum Anforderungen stellen, die man nicht erfüllen kann. Und auch, weil sie eine Frau ist. Doch inspiriert von den Briefen kämpft sie für das Leben, das sie sich wünscht:

„Ich kann nicht warten und zusehen, wie die Jahre vorbeiziehen, bis ich irgendwann so bin wie diese Frau, über und über voll mit schwarzer Paste, gelähmt außen und innen.“

– Das Licht ist hier viel heller, S. 197

Über Marlen, die Autorin besagter Briefe, möchte ich gar nicht viel verraten. Ihre Geschichte offenbart sich parallel zu der Geschichte von Zoey und Wenger. Mareike Fallwickl nimmt hier kein Blatt vor den Mund und schreibt schonungslos über eine Frau, die versucht hat, gegen einen mächtigen Mann vorzugehen, und wie das ihr Leben zerstört hat.

„‚Sie sind doch nur eine Frau‘, hat er gesagt, sehr freundlich, in dem Ton, in dem man sagt ‚Ich lade dich zum Essen ein‘ oder ‚Ich habe Sehnsucht nach dem Meer‘.“

– Das Licht ist hier viel heller, S. 215

Fazit

Das Licht ist hier viel heller ist ein Roman, der, obwohl er Fiktion ist, so wahr ist, dass es weh tut. Ohne Effekthascherei, dafür mit perfekt ausgearbeiteten Charakteren und vielschichtigen Beziehungsgefügen, erzählt Mareike Fallwickl von Macht und Machtmissbrauch. Zoey und Marlen, die auf unterschiedliche Arten mit Machtmissbrauch und Unterdrückung konfrontiert wurden, stellt die Autorin Maximilian Wenger gegenüber, einen Mann, der genau diese Art von Macht besitzt. Auch wenn ich nicht das durchmachen musste, was Zoey und Marlen durchmachen, konnte ich mich mit vielem in diesem Buch identifizieren, denn es geht um mehr als zwei Einzelschicksale: Es geht um die systematische Unterdrückung von Frauen.

Das sind unsere Geschichten, unsere, aber sie werden von Männern erzählt. Du weißt nicht, wie müde uns das macht, wie müde und wie zornig.

– Das Licht ist hier viel heller – S. 313

Der rohe und gleichzeitig poetische Schreibstil passt perfekt zu der Geschichte und macht sie nur noch intensiver. Und auch zwei Jahre nach Beginn der #metoo-Debatte ist der Roman hochaktuell. Für mich ist Das Licht ist hier viel heller einer der besten Romane, den ich seit langer, langer Zeit gelesen habe.

2 Gedanken zu “Rezension: „Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl

  1. Vielen Dank für diese sehr gute Besprechung! Ich hatte vor Wochen kurz überelgt, ob es sich denn auch für mich lohnen könnte das Buch zu lesen, habe mich dann allerdings dagegen entschieden und zu anderen Neuerscheinungen gegriffen. Der Grudn war wohl der, dass ich in diversen Besprechungen, in einem Radiobericht im Deutschlandfunk, aber eben auch hier bei dir sehr viele Argumente ffand,w arum man das Buch als Frau gut und vielschichtig findet. Aber kaum einen, warum man auch als Mann zu dem Urteil gelangen kann. Das liegt wohl in der Charakterisierung des Protagonisten, Wenger, begründet und dem ist, aus Autorinnensicht, nur schwerlich zu Entkommen. Als Mann – oder zumindest ich – habe das Gefühl, da backt sich jemand einen Charakter, damit die Geschichte irgendwie trägt. Denn ohne einen solchen Charakter wäre ja nicht mal viel. Das Problem hatte ja auch Sybille Berg in „GRM“, da ist man als Kerl fassungslos und fragt sich, wo bitte sich Frauen rumtreiben, dass sie nur solche Typen kennenlernen. Ich kenne nicht einen, der ist wie Wenger oder wie die Männer in „GRM“. Ich dechiffriere die Taten und Worte mächtiger alter weißer Männer aber vermutlich auch anders, sehe hinter dem Vorhang andere Wahrheiten. In Miriam Toews „Aussprache“ hingegen, auch 2019, finde ich sämtlichst Männertypen, die ich – so weh das tut – als real empfinde.
    Fairerweise muss man natürlich konstatieren, dass das andersherum genauso ist: jüngst las ich Stendhal, davor Flaubert und Fontane. Weltliteratur, jaja. Und habe auch mehr als einmal gedacht: Boah, widerlich, auch wenn es andere Zeiten waren, da sind alte Kerle am Werk, die sich Frauenfiguren backen, um ihren eigenen Gehirnmüll zu rechtfertigen.
    Ein Standardproblem. Mein Vater war Kriminalbeamter. Wenn der im TV Krimis geschaut hat, hat der sich auch immer gefragt, warum die einen Kommissar oder dessen Job nicht zumindest etwas realistisch darstellen.
    Viele Grüße und einen feinen Übergang nach 2020 wünsche ich Dir!

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  2. Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich verstehe, wieso dich das Buch nicht unbedingt anspricht, allerdings würde ich sagen, dass auch Männer aus dem Buch durchaus etwas ziehen können, und sei es nur ein bisschen mehr Einblick in alle Möglichen Arten von Unterdrückung, mit denen Frauen sich regelmäßig herumschlagen müssen. Es wäre doch langweilig, immer nur von dem zu lesen, was wir schon kennen, oder? Wenger ist auf keinen Fall ein Monster. Er ist ein unglaublich interessanter Charakter, den ich gleichzeitig gehasst und bewundert habe. Ich empfand ihn durchaus als real, denn ich kenne Männer wie ihn. Das Buch hat seine typischen Charakteristika, die ihn als alten weißen Mann entlarven nur sehr gut entlarvt. Der Roman hat sicher für jede*n, der/die dem Thema Feminismus offen gegenübersteht etwas zu bieten. Viele Grüße zurück und ein gutes neues Jahr!

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