Rezension: „Grüne Welle“ von Esther Schüttpelz

Eine Frau, die einfach davonfährt. Hinein in die dunkle Nacht. Wo will sie hin? Was hat sie vor? Wir tauchen ein in die persönliche Geschichte einer Frau, die auf der Flucht ist. Oder doch nicht? An der nächsten roten Ampel will sie umdrehen. Doch sie hat, wie es Autofahrer*innen eigentlich immer am liebsten haben, grüne Welle.

Worum geht es?

Einfach wegfahren, alles hinter sich lassen. Die zunächst namenlose Protagonistin im Roman „Grüne Welle“ von Esther Schüttpelz fährt einfach los. Nach dem Kinoabend mit einer Freundin steigt sie in ihr Auto. Sie will aber nicht nach Hause, sondern fährt einen Umweg. Was sich zunächst anfühlt, als wäre sie an einer Umleitung einfach nur falsch abgebogen, entpuppt sich im Nachhinein als leise Flucht. Sie hat kein klares Ziel und denkt immer, dass sie an der nächsten roten Ampel wieder wenden wird. Doch wie der Titel des Romans schon erahnen lässt: Keine Ampel wird rot, sondern sie hat grüne Welle. Ein Umdrehen scheint für sie ohne rote Ampel nicht möglich zu sein, also fährt sie weiter und weiter. Sie entfernt sich immer mehr von ihrer Heimatstadt und damit auch von ihrem Mann. Und genau das ist der Schlüssel. Nach und nach erfahren wir mehr über ihn und ihre toxische Beziehung.

Auf ihrer Fahrt lernt die Protagonistin zwei junge Frauen kennen, die sie ein Stück begleiten und durch die sie ihr eigenes Leben reflektiert. Ohne zu viel zu spoilern: Zum Schluss nimmt das Buch ordentlich Fahrt auf und gerade das Ende hat mich sehr gepackt.

Die Autorin

Esther Schüttpelz ist keine unbekannte Autorin. 2023 gewann sie den Debütpreis der Lit.Cologne mit ihrem ersten Roman „Ohne mich“. Ich saß damals bei der Preisverleihung nicht nur selbst im Publikum, sondern habe den Roman auch gelesen und mochte diesen sehr gerne. Gerade der Erzählstil von Esther Schüttpelz hat mich damals auch fasziniert. In ihrem Debüt steht ebenso eine namenlose Protagonistin im Fokus, die nach einem tieferen Sinn im Leben sucht und nicht so richtig weiß, wohin mit sich. Diese Mischung aus Nähe und Distanz zu den Figuren scheint ein Stilelement zu sein, mit dem die Autorin in ihren Büchern spielt.

Mein Fazit

Im Buch „Grüne Welle“ liegt eine enorme unterschwellige Spannung. Ich wollte wissen, was die Frau erlebt hat, warum sie flüchtet, ob sie vielleicht doch ein Ziel hat oder zum Schluss einfach nur umdreht. Alles scheint zu jeder Zeit möglich. Wir Leser*innen erfahren Seite für Seite ein kleines bisschen mehr über die Protagonistin. Für mich hat sich der Text an vielen Stellen, auch wenn er in der dritten Person geschrieben wurde und immer nur von „die Frau“ oder „sie“ spricht, wie ein innerer Monolog angefühlt. Die vielen Erinnerungen, Gefühlsbeschreibungen und Ängste, die berichtet werden, geben viel über die Protagonistin frei. Gerade dadurch, dass nur sehr wenige Figuren in der Handlung vorkommen, können wir Leser*innen sehr viel über den Charakter der Frau erfahren. Allerdings hatte ich im Buch an vielen Stellen auch wieder das Gefühl, dass wir nur aus einer entfernten Perspektive und aus einer Draufsicht auf die Autofahrerin schauen. Genau dieser Wechsel aus Nähe und Distanz macht für mich diesen Roman zu einem ganz besonderen Werk. Anfangs wirkte diese Erzählweise sehr ungewöhnlich und ungewohnt auf mich. Doch irgendwann entwickelte genau diese Sprachwahl eine unglaubliche Spannung, die mich an das Buch fesselte. Wie ein Puzzle setzen sich die Geschehnisse Seite für Seite zusammen und ergeben zum Schluss eine wirklich unglaublich packende Geschichte.

Der Roman ist keine rasante Flucht, wie der Titel vielleicht vermuten lässt, sondern ein tiefgehendes Reflektieren und der Wunsch der Protagonistin, dem eigenen Leben einfach zu entkommen, indem sie sich in ihrem Auto von der grünen Welle tragen lässt.

„Grüne Welle“ von Esther Schüttpelz, erschienen im Diogenes Verlag (25.2.2026)

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