Wer von uns hätte nicht gern mal Urlaub vom Patriarchat? Aber wie soll das aussehen? Wie dem entkommen, wenn so ziemlich jede Gesellschaft der Welt mehr oder minder streng darauf aufgebaut ist? Denn Gegenentwürfe sind heutzutage rar gesät – aber tatsächlich auch nicht ganz utopisch. Einer der wenigen Flecken, der vorgeblich nicht-patriarchal geprägt ist, „eines der letzten Matriarchate der Welt“, ist die Stadt Juchitán in Mexiko. Friederike Oertel war dort und hat mit Urlaub vom Patriarchat – Wie ich auszog, das Frausein zu verstehen nun ein erzählendes Sachbuch vorgelegt.
Worum geht es?
Wer einen reinen Reisebericht erwartet, der mit Enchiladas zum Frühstück mit der Gastschwester beginnt und dann über Spaziergänge durch verschiedene Viertel der Stadt bei gemeinsamen Corona trinken in einer Bar endet, wo die Locals nach und nach ihre Geschichten erzählen, wird überrascht sein. Ja, es geht um eine Reise nach Juchitán und die dortigen Erfahrungen. Sie bilden aber nur den Rahmen für ein ausführlich recherchiertes Sachbuch rund um geschlechtsbasierte Gesellschaftskonstruktionen und Identitäten. Es geht um Matriarchat und Patriarchat, Traditionen, nicht-binäre Geschlechtsordnung, Mutterschaft, Jungfräulichkeit, weibliche Wut, Gewalt, Tränen, Angst, Tod, Migration, Feste feiern, gemeinschaftliches Zusammenkommen und noch so viel mehr. Stetig verwoben mit eigener Reflektion und teils sehr persönlichen Anekdoten, wirft Friederike Oertel einen Blick auf historische, politische und gesellschaftliche Diskussionen rund ums Frausein und erkundet essenzielle Fragestellungen in der „Stadt der Frauen“.
„Ich reise ins Matriarchat, um mich vom Patriarchat zu erholen“
Ich weiß, dass ich definitiv vom Alltag im Patriarchat oft so müde und erschöpft wie die Autorin bin, habe mich bisher aber sehr wenig mit dem Thema Matriarchat befasst und fand das Buch daher umso interessanter. Was soll ein Matriarchat überhaupt sein? Direkt zu Beginn wird klar, wenn wir einfach nur das Patriarchat umdrehen – Frauen herrschen und Männer werden unterdrückt – dann wird die Suche eine sehr kurze, das gibt es und gab es nach heutigem Forschungstand nämlich nicht. Es existiert auch überhaupt keine feste Definition von Matriarchat. Daher geht es in dem Buch viel weniger darum, sich an einem fiktiven Abziehbild abzuarbeiten, sondern sehr real zu erforschen, wie das Patriarchat weltweit geprägt wurde und uns prägt und welche Gegenentwürfe dazu es gibt und gab.
„Bei genauerem Hinsehen war nämlich deutlich geworden, dass es kein allgemeines Matriarchatsmuster gibt, sondern ein diffuses, ambivalentes und vor allem variantenreiches Nebeneinander von Familienstrukturen, Autoritäts- und Machtfunktionen.“ (S.92)
Für mich war es sehr spannend zu lesen, wie der Forschungsstand aussieht, zu lernen, dass wir vielleicht uns eher mit matrilinearen oder matrifokalen als matriarchalen Strukturen beschäftigen sollten und über die verschiedenen Menschen und ihre Ansichten in Juchitán zu hören. Friederike Oertel ist zwar nicht die erste Journalistin, die den Ort besucht, aber sie schafft aus der Verbindung ihres Reiseerlebnisses mit größeren Fragestellungen ein einzigartiges Buch.
„Hure, Hexe, Heilige, all das kann ich sein – muss es aber nicht“
Viele der anderen feministischen Themen im Buch sind mir hingegen nicht neu, aber ich habe mich doch beim Lesen nicht gelangweilt. Ich erwische mich bei einigen Büchern immer mal dabei, dass ich Absätze wirklich nur kursorisch scanne, aber das war hier nicht der Fall. Auch die Themen, zu denen ich schon so einige Bücher gelesen habe, konnten meine Aufmerksamkeit halten. Das liegt natürlich einerseits daran, dass immer wieder die Verbindung zur Matriarchatsforschung und zu Juchitán aufgemacht wird. Dazu hat aber auch beigetragen, dass der Schreibstil von Friederike Oertel wunderbar lesbar ist. Das Buch ist sehr verständlich geschrieben, erklärt die meisten Fachwörter, setzt aber auch einen gewissen Bildungsgrad der Leser:innen voraus. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, die sich noch nie mit feministischer oder Geschlechterforschung beschäftigt haben, auch etwas überfordert sein könnten, für mich war es allerdings ein gutes Maß. Einiges von der Literaturauswahl hat mich auch nochmal neugierig gemacht, tiefer in die Texte einzusteigen, und generell finde ich das Referenzverzeichnis am Ende des Buches hilfreich. Bloß weil ich mich mit einigen Themen schon mehr als mit dem Matriarchat beschäftigt habe, heißt das nun wahrlich nicht, dass ich zu diesen nicht auch noch viel lernen könnte.
„Nur, weil es an einem Ort matrilineare oder matrifokale Elemente gibt, heißt das nicht, dass diese Gesellschaft frei von Misogynie und Missbrauch wäre. Matrilinearität oder Matrifokalität bedeuten auch nicht automatisch, dass Männer keine Macht haben.“ (S. 209)
An manchen Stellen hätte ich mir zwar ein bisschen mehr kritisches Hinterfragen oder deutlichere eigene Gedanken der Autorin gewünscht, beispielsweise im Kapitel über Muxen (das dritte anerkannte Geschlecht in Juchitán) und der Erklärung, wer dazu zählt und wer nicht. Ich verstehe aber, dass es vermutlich schwierig ist, eine eigene Meinung vehementer einzubringen, wenn Themen mit anderen Menschen persönlich verbunden sind. Generell zeigt auch dieses Buch, dass eine Vermischung zwischen eigenen Gedanken und Erfahrungen und der neutraleren Darstellung von Rechercheergebnissen immer ein Balanceakt ist. Aber auch wenn die Übergänge gelegentlich etwas holprig sind, haben mich sowohl die persönlichen als auch die eher akademischen Teile abgeholt. Ich hätte allerdings durchaus auch noch etwas mehr „normalen“ Reisebericht über Juchitán und den dortigen Alltag und die Menschen gelesen.
Fazit
Urlaub vom Patriarchat ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Es ist ein Reisebericht, eine persönliche Selbstreflektion und eine literaturwissenschaftliche Forschungsarbeit in einem. Ich bin Friederike Oertel sehr gern durch ihre Geschichten, Gedanken und Exkurse gefolgt und merke, dass das Buch auch einiges bei mir nochmal angestoßen hat. Insofern würde ich es allen, die sich mit Matriarchat und Geschlechterfragen auseinandersetzen wollen, empfehlen. Wer lediglich einen Reisebericht aus Mexiko lesen möchte, sollte sich hingegen lieber etwas anderes suchen. Friederike Oertel kommt jedenfalls auf meine Liste von Autor:innen, mit denen ich sehr gerne mal etwas trinken gehen würde, um mit ihr über ihre Erfahrungen und Gedanken zu sprechen.
Danke an den KiWi-Verlag für das Rezensionsexemplar, Urlaub vom Patriarchat ist dort am 08.05.2025 erschienen
Beitragsbild: Populärkollektiv
