Smash the Patriarchy – Die Bücher von Mareike Fallwickl

Schon seit ihrem Debutroman verfolge ich das literarische Schaffen der österreichischen Autorin Mareike Fallwickl. Seitdem habe ich jeden ihrer Romane direkt nach Erscheinen gekauft und verschlungen und es kein einziges Mal bereut. Mareike Fallwickl ist zu einer meiner absoluten Lieblingsautorinnen geworden, was vor allem an den Themen liegt, die sie bespricht. Außer ihrem Debut beschäftigt sich jeder ihrer vier Romane mit feministischen Themen und das immer aus einer anderen Perspektive. Ihre Social Media Kanäle und ihre öffentlichen Auftritte nutzt die Autorin, um auf Geschlechterungerechtigkeiten aufmerksam zu machen und vor allem, um weibliche Erzählstimmen in den Vordergrund zu rücken. Sie liest und empfiehlt zu einem großen Teil Bücher von Frauen und macht über das unausgewogene Geschlechterverhältnis in der Buchbranche aufmerksam. Ihre vier Romane möchte ich euch in diesem Artikel näher vorstellen.

Dunkelgrün fast schwarz, 2018

Mareike Fallwickls Erstling schaffte es sofort, mich von der Autorin zu überzeugen. Und das, obwohl Dunkelgrün fast schwarz der einzige Roman ist, der sich nicht explizit mit feministischen Themen beschäftigt. Doch ihr eindringlicher Schreibstil und die Annäherung an das ebenfalls spannende Thema toxischer Freundschaften konnte mich trotzdem komplett überzeugen. Im Zentrum steht Moritz, der nach sechzehn Jahren unangekündigten Besuch von seinem ehemaligen besten Freund Raffael bekommt. Die Erzählperspektive wechselt zwischen den Kindheits- / Teenager-Jahren und der Gegenwart hin und her. Nach und nach lernen wir Leser*innen mehr über die zerstörerische Natur Raffaels, der immer den Ton angegeben hat und Moritz, der ihm immer gefolgt ist. Als eines Tages ein neues Mädchen namens Johanna an die Schule kommt, entwickelt sich die Beziehung zu einem gefährlichen Dreieck.

Ich weiß, Liebesdreiecke zählen bei vielen nicht unbedingt zu den Lieblingstropes, aber in diesem Roman steckt doch mehr dahinter, als sich vermuten lässt. Besonders eindrücklich waren für mich die Beschreibungen von Raffaels Boshaftigkeit, wie er sich vom Kind zu einem Teenager entwickelt hat und selbst als Erwachsener noch Zerstörung um sich herum anrichtet und Menschen verletzt. Die Beziehung zwischen ihm und Moritz zeigt, wie eine toxische und unausgewogene Freundschaft ablaufen kann. Die Beziehung der beiden zu Johanna ist sogar noch komplizierter und toxischer.

Das Licht ist hier viel heller, 2019

Zu Fallwickls zweitem Roman habe ich kurz nach Erscheinen schon eine ausführliche Rezension verfasst. Das Licht ist hier viel heller hat mich sogar noch mehr umgehauen, als ihr Erstlingswerk und war auch das erste Buch, das sich mit feministischen Themen beschäftigt. Es handelt vom gescheiterten Autoren Wenger. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Kinder halten ihn auf Distanz und der einst erfolgreiche Schriftsteller hat eine Schreibblockade. Doch die Briefe einer Unbekannten, die er seit kurzem erhält, reißen ihn aus seiner Lethargie. Seine Tochter Zoey hat währenddessen ihre ganz eigenen Probleme, doch auch sie berühren die Briefe, die sie bei ihrem Vater findet. Jedoch auf ganz andere Art.

Man kann den Roman durchaus als #metoo-Roman bezeichnen, denn er hat sich parallel zur #metoo-Debatte entwickelt und dreht sich um viele Themen, die während der #metoo-Debatte verhandelt wurden. Vielleicht hat die ein oder andere Person mitbekommen, dass das Buch vor nicht allzu langer Zeit wieder ein wenig mehr Medienaufmerksamkeit bekommen hat. Denn Das Licht ist hier viel heller handelt von einem männlichen Schriftsteller, der sich die Geschichte des Missbrauchs einer Frau aneignet, über diese schreibt und davon profitiert. Als Benjamin von Stuckrad-Barre seinen Roman Noch wach? veröffentlichte, wurde ihm ähnliches vorgeworfen, denn auch dieser Roman handelt von Missbrauch an Frauen, der wirklich passiert ist. Ich habe zwar Stuckrad-Barres Buch nicht gelesen, kann aber sagen, dass ich diese Verbindung interessant finde.

Das sind unsere Geschichten, unsere, aber sie werden von Männern erzählt. Du weißt nicht, wie müde uns das macht, wie müde und wie zornig.

– Das Licht ist hier viel heller

Die Wut, die bleibt, 2022

Auch in Die Wut, die bleibt verhandelt Mareike Fallwickl aktuelle feministische Themen. Das Buch erschien kurz nach der Corona-Pandemie und dreht sich um die weibliche Erschöpfung durch Care-Arbeit, die vor allem während dieser Zeit allgegenwärtig war. Die Prämisse ist schockierend: Helene, Ehefrau und Mutter von drei Kindern, steht beim Abendessen auf und stürzt sich einfach vom Balkon. Zurück bleibt ihre Familie, die nicht weiß, wie es ohne Mutter weitergehen soll. Helenes beste Freundin Sarah wird in ihrer Trauer in die Familie hineingezogen und übernimmt die Sorgearbeit. Helenes 17-jährige Tochter Lola sucht nach Antworten und nach einer Möglichkeit, mit ihren Emotionen fertig zu werden. Dabei nährt sie sich von ihrem stärksten Gefühl: Wut.

Fallwickl greift hier die allgegenwärtige Erschöpfung von Müttern auf, die sie nach eigener Aussage während der Corona-Pandemie bei ihren Freundinnen und Bekannten wahrgenommen hat. Plötzlich wurde neben Job und Haushalt auch noch verlangt, die fehlende Kinderbetreuung und Freizeitangebote aufzufangen. Die Frage, warum Helene sich vom Balkon stürzt, stellt sich in dem Buch gar nicht. Eher beleuchtet Mareike Fallwickl den vollkommen unterschiedlichen Umgang mit diesem Vorfall von zwei Frauen verschiedener Generationen. Sarah nimmt die Lücke ein, die Helene hinterlassen hat und Lola hinterfragt das ganze System. Der sehr präsente Selbstmord in dem Buch ist schockierend und aufwühlend. Allerdings ist er in meinen Augen notwendig, um aufzuzeigen, wie tödlich das Patriachat sein kann, auch wenn keine direkte körperliche Gewalt angewendet wird.

Und alle so still, 2024

Mareike Fallwickls neustes Buch habe ich erst kürzlich beendet und wieder wurde ich nicht enttäuscht. Man kann Und alle so still als eine Art Fortsetzung von Die Wut, die bleibt lesen, denn es dreht sich ebenfalls um das Thema Care-Arbeit und es wird eine Idee aus Die Wut, die bleibt weitergesponnen.

„‘Ich hab mich gefragt, was wäre, wenn alle Frauen sich verweigern würden‘, sagt Lola […] ‚wenn sie nichts mehr tun würden, gar nichts, nicht zur Arbeit gehen, nicht kochen, nicht putzen, sie würden keinen Bus lenken und kein Hemd bügeln, nicht an der Supermarktkassa sitzen und keine Klasse unterrichten, sie würden einen umfassenden Stillstand erzwingen und sagen: Das sind unsere Körper, unsere allein, und wenn ihr glaubt, sie gehören euch, dann wollen wir doch mal sehen‘“

Die Wut die bleibt

Krasse Vorstellung: Eine Welt, in der sich Frauen plötzlich nicht mehr kümmern, keine Sorgearbeit mehr verrichten, generell gar nichts mehr tun. Das ist die Grundidee von Und alle so still – ein großflächiger weiblicher Streik. Im Zentrum der Geschichte stehen Elin, eine Anfang zwanzigjährige Influencerin, Nuri, ein neunzehnjähriger Schulabbrecher, der sich mit verschiedenen Jobs über Wasser hält, und Ruth, eine Mitte fünfzigjährige Pflegekraft. Sie alle leiden auf unterschiedliche Weise unter dem System, das auf der Ausbeutung von Frauen und Migrant*innen fußt. Und alle so still ist irgendwie gleichzeitig Utopie und Dystopie, Widersprüche werden nicht aufgelöst und auch kein erzwungenes Happy End herbeigeführt. Besonders Ruths Kapitel, in denen Zustände in der Pflege und im Krankenhaus beleuchtet werden, haben mich sehr berührt. Ein interessanter Roman, der aufzeigt, wie die Welt sein könnte.

Fazit

Aus den kurzen Rezensionen lässt sich bereits herauslesen: Keiner von Fallwickls Romanen lässt sich als Feelgood-Buch bezeichnen. Die Romane verhandeln alle auf die ein oder andere Art Gewalt und Unterdrückung. Dazu passt Mareike Fallwickls sehr markanter, roher und derber Schreibstil. Mir gefällt außerdem die Erzählstruktur, die sich durch jeden Ihrer Romane zieht: Die Geschichten sind alle aus den Perspektiven von mindestens zwei, teilweise sogar noch mehr Charakteren erzählt. Das macht sie abwechslungsreich und vielschichtig. Auch Fallwickls Protagonist*innen gefallen mir, denn auch sie sind alle komplex und interessant mit Stärken und Schwächen, negativen und positiven Eigenschaften erzählt. Ich habe jedes einzelne dieser Bücher geliebt, habe beim Lesen geweint und tiefes Unwohlsein empfunden. Doch das ist es, was ich an Büchern liebe: Wenn sie mich erschüttern und aufrütteln.

Beitragsbild: Gyöngyi Tasi

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