Theaterkritik: „Und jetzt: Die Welt!“

Die Frage, ob diese grün-links versifften Feministinnen Humor und Selbstironie haben, bejaht das Theaterstück Und jetzt: Die Welt! von Sibylle Berg. Die Inszenierung von Catja Baumann am Mainfranken Theater Würzburg überzeugt mit einem Sprachtempo á la Lorelai Gilmore. Was bei Gilmore Girls popkulturelle Anspielungen sind, wird hier durch leichte Bildungssprache ersetzt.

Die Handlung: Die Protagonistin wohnt mit ihrer Halbschwester Gemma und Kindheitsfreundin Minna in einer WG, ist jedoch allein Zuhause. Sie redet mit ihrem Stiefvater Paul, dann mit ihrer Mutter und schreibt mit ihrem Schwarm Lina. Auch Gemma und Minna melden sich per Videochat. Die Protagonistin wird von drei Schauspielerinnen gleichzeitig gespielt. Sina Dresp, Anouk Elias und Jojo Rösler verdeutlichen so das Gedankenkarussell der Protagonistin. Die Gedanken kreisen sich schneller und schneller. Diese werden nur durch die zunehmenden Nachrichtensignale des Smartphones gestört. Die Protagonistin stellt mit ihren Freundinnen Viagra her und hat, wie sich später herausstellt, ihren Stiefvater im Keller eingesperrt. Grund dafür ist der Wille mit ihrem Leben hervorzustechen.

Auf dem Bild v.l. Klara Pfeiffer, Anouk Elias, Jojo Rösler

Das wirkt absurd und überrascht die Zuschauenden am Ende des Stücks. Die Taten des Hauptcharakters stehen jedoch nicht im Fokus, sondern die Gedanken, die sie hat. Sie hat keinen Namen, weil sie jede Frau sein könnte, die in einer WG wohnt, studiert und sich mit den aktuellen Themen der Gesellschaft beschäftigt wie Sexismus, Nachhaltigkeit und Liebe. Die Protagonistin ist gefangen in der Frage „Wofür?“. Sie weiß es nicht. Einerseits macht sie sich über den Optimierungszwang von Frauen lustig, andererseits hat Yoga auch ihr Leben verändert. Für alles scheint es eine so einfache Lösung zu geben. Zumba macht aus Minna eine produktive Frau und Gemma erfreut sich an ihrer Handtasche. Will man „hip und cool“ sein, macht man es einfach ironisch.

Das Theaterstück beschäftigt sich mit Fragen, die Viele in sich tragen und zu Schwermut und Zerrissenheit führen. Warum soll man sich den Zwängen der Gesellschaft hingeben, aber warum soll Frau sich gegen diese Zwänge stellen? Ist es das wirklich wert? Vor allem Frauen wollen alles perfekt machen, jede:n miteinbeziehen, aber zu welchem Zweck? Macht es am Ende einen Unterschied?

Fazit: Trotz der vielen Fragen beschert die Inszenierung einen amüsanten Theaterabend. Nicht nur die eingefügten Gesangseinlagen sorgen für Lacher, sondern auch die Situationen, die geschildert werden. Man erkennt sich oder andere in den Erzählungen wieder und fühlt sich ertappt. Es scheint so wahr zu sein, wenn da die Situation mit dem Stiefvater nicht wäre. Ist die Sehnsucht nach Einzigartigkeit in dieser Gesellschaft wirklich so groß? Oder treiben wir in dem Meer der Möglichkeiten und Sinneseinflüsse nur so dahin?

Das 80-minutige Stück feierte am 10. Oktober im Keller Z87 Premiere. Das Mainfranken Theater hat pandemiebegingt alle Aufführungen im Februar abgesagt. Daher der Appell die lokalen Theater weiterhin zu unterstützen zum Beispiel durch Spenden und sich Karten zu kaufen, wenn es wieder möglich ist.

Und jetzt: die Welt! 
Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen 
von Sibylle Berg
Regie: Catja Baumann
Bühnen- und Kostümbild: Feng Li
Musik: Adrian Sieber
Licht/Ton/Video: Shedy Zaki
Dramaturgie: Susanne Bettels Oliver Meyer
Fotos: Mainfranken Theater Würzburg

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