Theaterkritik: The One Next Door

Wie kann man Theater und Videogames verbinden? Die Antwort liefert das neue Stück The One Next Door im Orangerie-Theater Köln. Das Theaterkollektiv Futur3 zeigt ein spannendes, theatrales Game Noir, bei dem die Zuschauer:innen über die Handlung entscheiden dürfen. Mit einer gewissen Leichtigkeit überzeugt das doch eher düstere und trotzdem fesselnde Theaterstück.

Handlungsmacht des Publikums

Schon beim Betreten des Orangerie-Theatersaals sieht man, dass der Abend nicht mit einem üblichen Theaterstück endet. Das Publikum nimmt Platz auf der Tribüne, wo Kopfhörer und orange und blaue Leuchtarmbänder bereitliegen. Dann folgt eine kurze Einweisung in die Spielregeln: Die eine Publikumsseite steuert mit den Armbändern Luz (gespielt von Rebecca M. Hundt), die andere Seite Tamer (gespielt von Stefan H. Kraft). Im Laufe des Stücks müssen kleinere bis größere Entscheidungen getroffen werden und die Armbänder in die Höhe gehalten werden. Zudem wird das Publikum in zwei Hälften anhand des Sitzplans und der Farbe der Kopfhörer (rot und grün) unterteilt. Die Menschen mit den roten Kopfhörern werden dabei nur Tamers inneren Monolog hören und die mit den grünen Kopfhörern nur den von Luz. Etwas Unruhe im Publikum zeigt, dass die Zuschauer:innen Gefallen an dem ungewöhnlichen Theaterabend haben und gespannt sind.

Foto: Franziska Venjakob

Tamer und Luz sind Nachbarn und scheinen nur darauf gewartet zu haben, sich kennenzulernen. Wie häufig bei einem story-driven Game startet das Stück mit einem kleinen Filmausschnitt. Er zeigt eine zukünftige Szene, bei sehr deutlich wird, dass Tamer und Luz sich mit gemeinsamen Taten in Gefahr gebracht haben. Hinter der Leinwand kommen daraufhin die beiden Protagonisten hervor und bewegen sich unabhängig voneinander wie Avatare. Einerseits wirkt das wie eine Raumübung aus der Theater-AG und gleichzeitig wie rudimentäre Spielfiguren in einem Point-and-Click-Spiel. Ihre Körper sind steif und ihre Abläufe unkoordiniert, als wüsste die Person, die sie steuert noch nicht, wohin sie sollten und müsste sich erst mal zurechtfinden.

Nach einigen Entscheidungen, die das Publikum gemeinsam treffen darf, wie beispielsweise, was Tamer trinkt (Bier oder Wasser) oder welche Musik er hört (Die Toten Hosen oder Sarah Conner) startet die Geschichte mit der Begegnung der Figuren in der Wohnung von Tamer. Luz klingelt, um sich über die laute Musik (Die Toten Hosen) zu beschweren. Das Publikum entscheidet sich dazu, dass Tamer nett zu ihr sein soll und sie kommt auf ein Bier zu ihm rein. Sie verstehen sich gut. Doch ihr Besuch endet anders als erwartet. Als Tamers Vermieter klingelt, geht Luz an die Tür und schubst ihn die Treppe runter. Sein Tod ist der erste von vielen, den die beiden bis zum Ende des Stücks auf dem Gewissen haben werden. Sie müssen fliehen und es entsteht eine Liebesgeschichte wie bei Bonny und Clyde. Die beiden überfallen kaltblütig eine Tankstelle, klauen Autos und steigen in fremde Häuser ein. Als Team stellen sich zusammen gegen den Rest der Welt und schrecken nicht vor Gewalt zurück.

Gaming-Elemente

Besonders eindrucksvoll sind die immersiven Mittel der Darstellung. Nicht nur die Handlungsentscheidungen, die das Publikum treffen darf, auch andere technische Mittel lassen das Publikum Teil des Geschehens auf der Bühne werden. Zunächst einmal bekommt man durch die Funkkopfhörer das Gefühl, dass die Stimme der Figuren direkt neben einem sind und die Geräusche des Publikums kann man viel besser ausblenden. Außerdem wird im Stück immer mal wieder der Point-of-View genutzt. Bei der Flucht von Luz und Tamer wird beispielsweise in einer Szene auf der Leinwand Tamers Blick auf Luz gezeigt. Ihre Nähe zueinander wird dadurch viel deutlicher und man kann sich besser in ihn hineinversetzen. Auch in einer späteren Szene sehen wir Tamers Blick durch das Fernglas auf die Villa, die sie überfallen wollen. Dadurch steigert sich die Spannung bei den Zuschauer:innen, wie man es sonst nur von Filmen oder Videospielen kennt.

Wie bei gewöhnlichen Games bekommt das Publikum über die Leinwand angezeigt, in welchem Level des Spiels es sich befindet und was als nächstes freigeschaltet wurde. Dadurch bekommt die Aufführung etwas Leichtes und Surreales. Gleichzeitig wird der Inhalt, die mörderische Geschichte, harmloser wahrgenommen – wie bei einem Ego-Shooter-Game.

Narration

Die Handlung ist sehr atmosphärisch erzählt und macht den Inhalt, der aus der Retrospektive wiedergegeben wird, immer wieder spannend und mitreißend. Da man stets nur eine Perspektive mitbekommt, hat man am Ende das Bedürfnis, nochmal in das Stück zu gehen und sich für die andere Seite zu entscheiden. Vielleicht sieht die Geschichte aus Luz‘ Perspektive ja ganz anders aus? Auch wäre es interessant zu sehen, wie sich die Geschichte entwickelt, wenn das Publikum sich anders entscheidet. Diese und andere Fragen, die im Laufe des Stücks bei den Zuschauer:innen aufkommen, werden bis zum Ende der Aufführung nicht geklärt.

Wie wäre das Stück mit anderen Entscheidungen des Publikums ausgefallen? Welche Fragen und Gedanken hat die andere Seite des Publikums gehört? Diese Fragen werden bewusst nicht aufgeklärt und machen den Charakter des Game Noir mit aus. Doch ein paar weitere Fragen sind aufgekommen, die das Narrativ schwächer erscheinen lassen. Beispielsweise die Frage, was mit dem Jungen, von dem Tamer am Anfang spricht, passiert ist und welche Rolle er für das Stück spielt, wieso Tamer französisch spricht oder wieso sie an die Opfer der Überfälle Alkohol verschenken. Vielleicht sind die Antworten in den Gedanken von Luz zu finden, die die Gruppe, die Tamers Gedanken gehört hat, nicht mitbekommen hat. Entscheidend ist aber, dass bei den Zuschauer:innen ein Gefühl der Unvollständigkeit bleibt und man sich etwas mehr Tiefe in der Geschichte wünscht.

Fazit

The One Next Door ist eine spannende und ungewöhnliche Art des Theaters, ein Game Noir. Es nimmt das Publikum mit auf eine kaltblütige Reise, wie man sie von Bonnie und Clyde kennt. Überzeugende Schauspieler, die ihre Rollen als Avatare des Publikums angenommen haben und Einblicke über die Point-Of-View Einstellung, wie bei einem Videospiel, lassen die Zuschauer:innen tief in das Vergnügen eintauchen. Im Vordergrund des Stücks steht nicht die Geschichte des Liebespaars und ihre Erlebnisse, sondern die Mischung aus Theater und Game. Das düstere und aufregende Narrativ der Performanz wird durch die Rahmung eines Games surreal und bekommt durch die Handlungsmöglichkeiten des Publikums eine Leichtigkeit, die Spaß macht.

Aufführungstermine, Tickets und weitere Informationen bekommt ihr hier.

Beitragsbild:  Futur3

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