Rezension: „Der Tod des Vivek Oji“ von Akwaeke Emezi

Der Roman Der Tod des Vivek Oji wurde bereits viel gelobt, weshalb ich definitiv hohe Erwartungen an den Roman hatte. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass das Buch mich voll in seinen Bann gezogen und definitiv nicht enttäuscht hat. Vor allem die vielen queeren Themen, die angesprochen werden, haben das Buch zu einer tollen Leseerfahrung gemacht.

Doch erstmal ein paar Worte zum Inhalt

Eines Nachmittags öffnet Viveks Mutter Kavita die Haustüre und findet den Körper ihres toten Sohnes, eingewickelt in Stoff auf der Terrasse. Verzweifelt versucht sie herauszufinden, was mit ihrem Sohn geschehen ist, denn Viveks gute Freundinnen und sein Cousin Osita scheinen etwas zu verheimlichen. Dabei beginnt Kavita anzuzweifeln, ob sie ihn je wirklich gekannt hat.

Meine Meinung

Ich habe mich bewusst kurz gefasst bei der Zusammenfassung des Inhalts, denn meiner Meinung nach profitiert man beim Lesen davon, wenn man unvoreingenommen an die Geschichte herangeht und nicht viel über den Plot weiß. Wie der Titel schon sagt, ist der Tod des jungen Vivek der Ausgangspunkt der Geschichte. Der Roman eröffnet sogar damit:

„Am Tag von Vivek Ojis Tod brannten sie den Markt nieder.“

Der Tod des Vivek Oji, S. 7

Davon ausgehend wird aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte erzählt, wie es zu Viveks Tod kam. Ein solcher Aufbau von Romanen gefällt mir meistens sehr gut – man weiß bereits, wie das Buch „endet“ und erfährt Stück für Stück, wie es zu diesem Ende kam. Emezi hat diesen Aufbau hier wirklich hervorragend umgesetzt. Zwar wird die Geschichte nicht linear erzählt und die Erzählperspektiven wechseln häufig, doch wird es nie verwirrend. Durch die verschiedenen Perspektiven, zum Beispiel der von Viveks Mutter oder Viveks engstem Vertrautem, seinem Cousin Osita, erhalten wir einen Einblick in verschiedene Lebensrealitäten und erleben die Umstände seines Aufwachsens im Nigeria der 90er Jahre. Gelegentlich kommt auch Vivek selbst zu Wort, wodurch den Leser*innen die Möglichkeit gegeben wird, etwas über das Innenleben des Protagonisten zu erfahren, der sonst größtenteils von seinen Freund*innen und seiner Familie beschrieben wird.

Der*die Autor*in des Buches Akwaeke Emezi ist eine nonbinäre Person aus Nigeria. Zentrale Aspekte des Buchs sind das Verhandeln und die Suche nach sexueller Orientierung und Geschlechteridentität in einem Land, in dem es wirklich gefährlich zu sein scheint, von der cis-heteronormativen Norm abzuweichen (womit ich auf keinen Fall andeuten möchte, dass in Deutschland alles toll und sicher für queere Menschen ist). Queerness als Thematik wurde unglaublich eindrucksvoll und facettenreich aufgegriffen. Nicht nur Vivek ist ein queerer und sehr gut erzählter Charakter. Auch die Nebencharaktere – ob queer oder nicht – sind sehr gut ausgearbeitet. Vor allem die Konflikte und Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren waren wirklich interessant. Hier hätte ich mir allerdings hin und wieder ein bisschen mehr Tiefe gewünscht, vor allem in Bezug auf die Nebencharaktere. Die Freundschaft zwischen Vivek und den jungen Frauen, die über den Verlauf des Buchs immer stärker thematisiert wird, hat mir sehr gut gefallen, hätte aber mehr aus erzählt werden sollen. Durch den Aufbau des Buchs werden die Umstände von Viveks Tod erst gegen Ende des Buchs aufgedeckt. Und auch die Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren werden erst nach und nach offengelegt. In dem Moment, in dem ich das Gefühl hatte, dass ich ein Verständnis für die Dynamik der Freundschaften gewonnen habe, war die Geschichte leider schon vorbei. Ich hätte gern noch mehr Szenen gehabt in denen Vivek mit seinen Freundinnen interagiert. Und auch über Vivek und Osita hätte ich gern noch etwas mehr gelesen.

„Es war schwer, jeden Tag mit dem Wissen herumzulaufen, dass die Leute mich auf eine bestimmte Art sahen und falsch lagen, so völlig falsch, dass Ihnen mein wahres Ich verborgen blieb. Es existierte nicht mal für sie.“

Der Tod des Vivek Oji, S. 47

Der grandiose Aufbau des Buchs, die interessanten Charaktere und die wichtigen Themen werden noch abgerundet durch einen wunderschönen und dabei sehr zugänglichen Schreibstil. Ich denke, es war das Gesamtpaket, das mich emotional wirklich tief berührt hat. Das Buch hat eine Sogwirkung entwickelt, sodass ich gar nicht mehr aufhören wollte, zu lesen.

Fazit

Für Der Tod des Vivek Oji spreche ich eine klare Leseempfehlung aus! Emotional und wundervoll geschrieben, aber nicht kitschig, überzeugt es durch starke Charaktere, wichtige Themen und eine spannende Geschichte. Zwar hätte ich mir stellenweise noch ein wenig mehr Tiefgang gewünscht, das ist aber nur ein kleiner Makel.

Der Tod des Vivek Oji erschien im Juli 2021 beim Eichborn Verlag. Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

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