Iranisches Filmfestival Köln – Ill Fate


Visions of Iran

Film: Ill Fate / Bakhte Parishan

Regie: Sahar Khoshnam

Eine Frau bekommt eine Ohrfeige – eine weitere Frau bekommt eine Ohrfeige – noch eine – und noch eine. Es ist eine heftige Montage, mit der die Dokumentation „Ill Fate“ wenige Sekunden nach einem Mini-Teaser startet. Die explizite Darstellung von körperlicher Gewalt gegen die Frauen ist eine drastische Ansage. Direkt zu Beginn wird damit klar, dass das Schicksal der Frauen im iranischen Kino der Vorrevolution [1] kein leichtes war; ein „ill fate“ eben. Wie auch in vielen anderen Film-Kulturen des 20. Jahrhunderts wird die Frau in vielen iranischen Filmen entweder zur Heiligen oder zur Hure stilisiert. Meist taucht sie auch nicht als eigenständige, psychologisch differenzierte Figur auf, sondern nur als Handlungsmotivation für die Männer im Film. Aber es gibt auch Ausnahmen, gerade gegen Ende der 70er Jahre hin.

Das alles zeichnet die Regisseurin Sahar Khoshnam mit Hilfe von Archivaufnahmen aus alten Spielfilmen des iranischen Kinos von 1900 bis in die Siebziger Jahre nach. Dazwischen kommen auch wichtige Regisseur:innen und Schauspieler:innen zu Wort, die die Entwicklung der iranischen Filmkultur aus ihrer Perspektive kommentieren. Khoshnam selbst hält sich mit einer eigenen Bewertung zurück. Aber bereits durch das Aufgreifen der Rolle der Frau und das genaue Betrachten der Kontuinitäten von Geschlechterrollen wird klar, welche Aussage Khoshnam mit dem Film machen möchte: Der iranische Film ist kulturell von großer Bedeutung, aber die weibliche Perspektive wurde lange vernachlässigt.

Für mich als komplett Unerfahrene im iranischen Kino gab es so oder so einiges neu zu entdecken. Den Nahost-Cineasten wird das alles längst bekannt sein, aber mir war zum Beispiel der „Filmfarsi“ bis dato kein Begriff. Damit werden günstig produzierte Filme der blühenden Filmindustrie im Iran vor der Revolution bezeichnet, die von archetypische Figuren (dem Cowboy-ähnlichen Macho-Held, die Prostituierte) und wiederkehrenden Tropen (die Stadt als Ausdruck von moralischem Verfall, die vor einem Leben in Sünde zu rettende Frau) dominiert werden. Über den Filmfarsi wurde von Eshan Khoshbakht ein eigener Dokumentarfilm gedreht, durch den dieses Genre nochmal neue Aufmerksamkeit erfahren haben. Die Dokumentation lief letztes Jahr auch auf dem Iranischen Filmfestival Köln.

Spannend ist zudem, wie eine der wichtigsten Stars des Filmfarsi ihre eigene Rolle als weibliche Schauspielerin in einem Interview beschreibt. Damals gehörte laut ihr viel Mut dazu, sich als Schauspielerin verpflichten zu lassen, da zuvor Frauenrollen immer von Männern gespielt wurden. Postwendend bekam die Schauspielerin die Quittung dafür: Sie konnte zeitweise nur noch versteckt oder mit Bodyguards aus dem Haus und sogar ihre Familienmitglieder wurden bedroht und bedrängt.

Mut machen vor allem die gegen Ende der Dokumentation aufgegriffenen, positiven Beispiele. Filme, in denen Frauenfiguren auftauchen, die ein komplexes Eigenleben entwickeln und deren Alltag und Beweggründe genauer betrachtet werden. Besonders eindrücklich ist mir eine Szene aus einem eher essayistisch-poetisch angehauchten Film im Kopf geblieben, in dem eine Frau aus dem Off einen Gedicht-ähnlichen Text vorträgt, zu dem Landschaftsaufnahmen oder Detailaufnahmen von Pflanzen und städtischen Szenen gezeigt werden. Die verträumte und künstlerische Atmosphäre steht in krassem Gegensatz zu den schrillen Filmfarsi-Szenen. Ein wenig ärgerlich ist, dass ich mir leider die Titel der einzelnen Filme nicht notiert habe und deshalb nicht mehr gut nachvollziehen kann, um welche Produktionen es sich handelt.

Insgesamt war es schon etwas seltsam, ein Filmfestival-Screening zuhause am Laptop zu anzuschauen. Kein wilder Trubel um einen herum, kein Schlange-Stehen und keine Kartenkontrolle, kein nervöses auf dem Sitz herumrutschen, weil man eigentlich seit Filmbeginn auf die Toilette muss, kein unterdrücktes Räuspern wegen schlechter Kinosaal-Luft – stattdessen stecke ich mein Handy ans Ladekabel, während ich schon auf Play gedrückt habe, nestel ein paar Kissen zurecht und stelle mir den Laptop auf den Schoß, ganz so, wie ich das fast jeden zweiten Abend mit Netflix mache.

Was einige praktische Vorteile hat, ist aber für das Gesamt-Erlebnis doch eher schmälernd. Das zugegebenermaßen komfortable Rumlungern auf dem eigenen Sofa hängt mir nach fast anderthalb Jahren coronabedingter Einschränkungen aber mächtig zum Hals raus. Nicht nur deshalb wünsche ich mir sehr, dass kommendes Jahr das „Visions of Iran“ wieder ganz regulär stattfinden kann. Mit dem ganzen PiPaPo von Festival-Bändchen über teure Snacks bis hin zum gemeinsamen Erleben eines Filmes mit anderen Menschen. Auch für die Filme bietet so ein richtiges Festival einen sehr viel würdigeren Rahmen, der deren Bedeutung und Vielseitigkeit gerecht werden kann.


[1] Die Islamische Revolution im Iran 1979 führte zur Absetzung des Schah und der Abschaffung der Monarchie. Damit gingen große kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen einher, da das neue Regime unter Ajatollah Ruhollah Chomeini die westliche Orientierung des Schahs ablehnte. Unter anderem wurden praktisch über Nacht viele Kinos und Filmarchive komplett zerstört. Viele Filme aus dieser Zeit sind heute nur noch aufgrund von privat illegal aufgezeichneten VHS-Kopien vorhanden.


Offenlegung: Die Redaktion hat zur Berichterstattung den Film kostenfrei von den Festivalveranstalter:innen zur Verfügung gestellt bekommen. Dies hatte keinen Einfluss auf die Bewertung oder das Urteil über den Film.

Beitragsbild: Sahar Khoshnam

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