Rezension: Netzfeminismus von Annekathrin Kohout

Früher habe ich nicht besonders viele Sachbücher gelesen. Sachbücher – alleine schon das Wort klingt muffig und oberlehrerhaft. Aber in den letzten Jahren habe ich gefühlt 60 % meiner Entwicklung solchen Sachbüchern zu verdanken. Es gibt so viele spannende Themen und Sichtweisen, von kurzen Essays über mehrbändige Abhandlungen. Manchmal würde ich das ganze Wissen am liebsten einfach so in mich hineinfressen. Vor allem natürlich, wenn das Buch drei Dinge zum Thema hat, die mich besonders interessieren: Feminismus, visuelle Kultur und Gesellschaftskritik. Alles auf einmal in einem Buch könnte ein bisschen überfordernd sein. Aber genau das steckt alles in dem kleinen Buch „Netzfeminismus“ von Annekathrin Kohout drin. Warum das nicht überfordernd, sondern im Gegenteil sehr spannend und nachvollziehbar gestaltet ist; das schildere ich in dieser Rezension.

Worum geht’s?

„Netzfeminismus“ erscheint in der Reihe „Digitale Bildkulturen“ im Verlag Wagenbach. Die schmalen Büchlein beschäftigen sich mit den Bildern, die unseren Alltag prägen. Ob das jetzt stinknormale Fotos, bewegte GIFs oder auch Selfies sind. Man könnte meinen, dass solche Bilder recht banal sind und es dazu nicht sonderlich viel zu sagen gibt. Aber die Bilder, die wir im Alltag produzieren und die uns jeden Tag begegnen, sagen einiges über uns aus. Was uns als Gesellschaft beschäftigt, wie wir unsere Welt sehen und uns selbst darin verorten: Das alles kann man auch in den Bildern unserer digitalen Kultur ablesen.

So ist das auch mit feministischen Ideen und Debatten. Der Feminismus, so die Hauptthese des Buches, hat durch die digitale Bildkultur noch mal einen ganz neuen Dreh bekommen. Und zwar drückt sich der Netzfeminismus im Gegensatz zu sonstigen Feminismus-Strömungen stärker über Bilder aus. Eine einleuchtende Konsequenz, wenn man bedenkt, wie viel Zeit jeder von uns pro Tag auf Bildschirme schaut. Zum Beispiel werden auf Plattformen wie Instagram mit Hilfe von Hashtags leicht nachvollziehbare Bildmotive gepostet, die zum Mitmachen oder Nachahmen animieren. Kohout zitiert unter anderem das Motiv „Glitzer im Slip“ ( das metaphorisch für Periodenblut steht) oder die aufgeschnittene Frucht (metaphorisch für die Vagina).

Georgia Grace Gibson: I don’t only have glitter in my veins, 2013. Bildquelle: Imgur (https://imgur.com/gallery/BZrKTd3)

Im Folgenden gehe ich genauer auf die Argumentation im Buch ein und füge ein paar Gedanken hinzu. Wenn ihr lieber direkt zu meiner Bewertung des Buchs springen wollt, scrollt runter bis „Ist das was?“.

Gibt es so etwas wie eine weibliche Ästhetik?

Im Verlauf des kleinen Buches stellt Kohout die Bilder in einen größeren, kulturellen Zusammenhang und umreißt die Hauptargumente für und gegen Pop- und Netzfeminismus innerhalb des feministischen Diskurs. Hinter den schillernden, oft in pastellfarben gehaltenen Bildern der Netzfeminist:innen steht meist der Wille, eine weibliche Bildpolitik und eine weibliche Ästhetik zu schaffen. Wer schon mal von der Theorie des „männlichen Blickregimes“ bzw. des „male gaze“ gehört hat, kann sich das als gezieltes Gegenstück dazu vorstellen. Einfach gesagt: Frauen machen andere Bilder als Männer, und das soll man sehen.

Diese Bildpolitik wird von dem eher theoretisch-schriftlichen Feminismus manchmal kritisiert. Das stellt Kohout übersichtlich und differenziert dar.

Der intellektuelle Feminismus nimmt den visuellen Netzfeminismus kaum ernst, kritisiert seine gefällige Ästhetik und reduziert ihn auf einen kontraproduktiven Popfeminismus.

Kohout über die Kritik am Netzfeminismus

Unter anderem steht zur Diskussion, ob ein Selfie einer leicht bekleideten Frau feministischen Zielen dient oder doch eher wieder einen männlichen Blick bestätigt. Haben Frauen überhaupt die Möglichkeit, ein ureigenes Bild von sich selbst zu entwickeln? Oder sind sie nie frei von vorgegebenen Rollenbildern und Ikonografien? Netzfeminist:innen würden wohl sagen: Doch, das geht. Ein Merkmal des Netzfeminismus ist nämlich, dass dabei „typisch weibliches“ oder „hyperfeminines“ Verhalten nicht mehr als Verrat der feministischen Sache gesehen wird, sondern als selbstermächtigendes Handeln. Netzfeministische Künstler:innen nehmen sich das vorgegebene Material, eignen es sich an und wandeln es ab. Eigentlich eine sehr klassische, künstlerische Strategie.

Aber immer eine lohnenswerte Strategie, wie ich finde. Ich bin zum Beispiel großer Fan von Arvida Byström. Die Künstlerin wird auch in dem Buch an einigen Stellen erwähnt und zitiert. Wie viele netzfeministische Künstler:innen thematisiert sie vor allem ihren eigenen Körper und damit eng verwobene Fragen nach Identität. Was hier jetzt so geschwollen klingt, sieht bei ihr sehr cool und bunt aus. Um ihre Kunst zu verstehen, braucht es allerdings eine gute Portion an Internet- und Popkulturkompetenz. Wer mit Instagram, Tumblr und TikTok nix am Hut hat, der:die wird ihre Bilder nicht wirklich entziffern können. Ihre Auseinandersetzung mit Körperlichkeit ist allerdings auf abstrakter Ebene auch für Internet-Neulinge zu verstehen. Gesellschaftliche Rollenverteilungen und Schönheitsideale begegnen uns schließlich auch in Bilderwelten abseits vom World Wide Web. An denen gibt es einiges auszusetzen, und das nicht erst seit den Anfängen von Social Media.

Bodypositivity

Trotzdem muss man anerkennen: „Die Kritik an Schönheitsidealen hat eine lange Tradition, doch die Sozialen Medien haben die Bewegung enorm forciert.“ (56) Die Vernetzung über Social Media ermöglicht es, Menschen mit gemeinsamen Interessen und Zielen per Hashtag zu verbinden und zu einer Gruppe zusammenzuschließen. Das gilt auch für die sogenannte Body-Positivity-Bewegung. Hauptfokus der Bewegung ist die Repräsentation verschiedener Körperformen und Selbstliebe. „#bodylove, #justmegeorgeous, #celebratingdiversity, #choosebeautiful, #iamallwoman, #ichsagja“ (57): Die zugehörigen Hashtags und Parolen wirken manchmal etwas naiv, da sie aus der Logik der Sache heraus bestätigend und überschwänglich sind. Es geht darum, uneingeschränkt zu sich und seinem Körper zu stehen. Uneindeutige, zweifelnde Positionen dem eigenen Körper gegenüber kommen zwar auch vor. Aber da die Sprüche einen ja motivieren sollen, werden solche Zwischentöne meistens eher übergangen. Und die Body Positivity ist längst im Mainstream angekommen. Kohout verweist auf den Spielzeughersteller Mattel, der 2016 Barbie-Modelle mit unterschiedlichen Körperformen einführte.

Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist Kohouts Hinweis auf einen unlösbaren Konflikt, mit dem gerade viele gesellschaftskritische Bewegungen konfrontiert sind. Die Repräsentation von verschiedenen Körperformen will individuelle Menschen sichtbar machen, fördert aber Typisierung: Eine „Zierliche“, eine „Kräftige“, eine „Sportliche“, und so weiter. Das, so Kohout, ist keine Individualität. Aber echte Individuen sind eben schwer zu (re-)produzieren und bieten auch keine Identifikationsfläche. Es ist also, wie immer, kompliziert.

Ist das was?

Zusammenfassend lässt sich über „Netzfeminismus“ von Annekathrin Kohout sagen: Ich kann es definitiv weiterempfehlen und fand es zudem gut lesbar. Das ist bei Sachbüchern aus dem Bereich Kultur und Geisteswissenschaften leider keine Selbstverständlichkeit. Die gute Lesbarkeit macht den Einstieg in das theoretische Thema leicht. Darüber hinaus differenziert Kohout an wichtigen Stellen. Sie deutet zwar Sympathien für die Argumente der Netzfeminist:innen an. Aber sie unterschlägt die Argumente der „alten“ Feminist:innen nicht und legt nachvollziehbar dar, was der Hintergrund der „alten“ und der „neuen“ Feminist:innen ist. Einen weiteren Pluspunkt gibt es für die Bebilderung. Bei dem Thema sollte das selbstverständlich sein. Aber im literarischen Milieu gibt es immer ein paar Fundamentalist:innen, denen Bilder in Büchern suspekt sind. Die gute alte Angst vor Abbildungen, we love to see it. Aber da die ganze Reihe sich „Bildkulturen“ widmet, wäre ein Buch ohne Abbildungen schon sehr sonderbar. In dem Fall sind die Abbildungen auf jeden Fall auch sehr gut, um die Beschreibungen und Argumente nachvollziehen zu können.

Ein bisschen schwierig fand ich den deutlichen Schwerpunkt auf der kunsthistorischen Einordnung. Der ist wichtig und richtig, klar! Aber an manchen Stellen hätte ich mir eine gesellschaftlich noch breitere Kontextualisierung gewünscht. Netzfeminismus ist ja eben auch deshalb relevant, weil er sich nicht nur in der Kunst-Blase abspielt. Das deutet das Buch selbst an. Aber die Analyse der popkulturellen Verbreitung bleibt eher grob. Möglicherweise ist das dem Format geschuldet. Zehn Seiten mehr wären hier wahrscheinlich auch kein Abbruch gewesen.

Ich gehe mal davon aus, dass du wie die meisten Leser:innen dieses Blogs zumindest grundsätzlich an Popkultur interessiert bist. Dann ist das Buch auf jeden Fall einen Blick wert. Auch wenn du dich in feministische Debatten einlesen willst, ist das hier eine hilfreiche Ergänzung. Gerade aber auch, wenn du noch nie auf Instagram warst und nicht weißt, warum manche jetzt anstatt einem Penis eine Vulva auf die Schulbank kritzeln – dann ist dieses Buch besonders hilfreich!

Bewertung

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