What the Genre?!

Vor ein paar Wochen saß ich mit Theresa und Jenni in meinem Zimmer. Wir haben es uns gemütlich gemacht und im Hintergrund läuft entspannt eine Spotify-Playlist. Irgendwann, als ich gerade dabei bin, den nächsten Tee aufzusetzen, horcht Theresa genauer auf die Musik. Sie ruft in Richtung Küchenzeile: „Ist das dieses Lo-Fi-Ding?“ Ich druckse ein wenig herum: „Hmm, also ich würde sagen, das meiste war eher so jazzy Rap und Neo-RnB. Aber ja, schwierig, da bin ich mir auch nicht so ganz sicher…“ Theresa und ich schauen uns nur unschlüssig an und wenden uns dann einem anderen Thema zu. Wirklich geholfen hat uns meine Einsortierung nicht. 

Ein Lied auf der Playlist war „Urban Jazz“ von IAMDDB.

Was soll das eigentlich mit diesen Genres?

Dieses Problem kommt den Meisten sicherlich bekannt vor. Egal, ob man sich eher als Radio-Musik-Hörer*in oder als Musiknerd bezeichnen würde, die Einteilung von Musik in Genres fällt manchmal schwer. Warum machen wir das dann überhaupt? Sind Genres nicht sowieso nur Schubladendenken für Ordnungssüchtige?   

Wozu sind Genres da?

Wie auch in anderen Medienformaten (Film, Kunst, Literatur) haben Genres eine bestimmte Funktion: Sie sollen in der kompletten Menge an vorhandener Musik eine Orientierung bieten. Wer sich über Musik unterhalten will, muss in Worte fassen, wie sie klingt. Die „Piano Sonata No. 12“ von Wolfgang Amadeus Mozart hört sich sehr anders an wie „Project Cybersyn“ von Ross from Friends. Die beiden Stücke haben sehr unterschiedliche Entstehungshintergründe  und setzen ganz unterschiedliche Instrumente, Rhythmen und Stilelemente ein.

Um in einem Gespräch nicht jedes Mal einzeln Instrumente, Rhythmen und Ähnliches benennen zu müssen, beschreibt man ein Musikstück dann meistens als Teil einer Familienzugehörigkeit: dem Genre. Und je nachdem, wie etabliert ein Genrebegriff ist, wissen die Gesprächspartner dann auch mehr oder weniger, wie die Musik vermutlich klingt, über die man spricht. Diese Genrebezeichnungen sind keine normativen Begriffe nach dem Motto „So muss klassische Musik klingen“. Sondern es sind organische Begriffe, die versuchen, eine sich ständig verändernde Musiklandschaft zu reflektieren.

Die Probleme mit Genre-Begriffen

Es ergeben sich bei der Verwendung von Genrebezeichnungen verschiedene Probleme, die sich unter drei Hauptthemen zusammenfassen lassen: Zuerst gibt es häufig Schwierigkeiten damit, wie (un)spezifisch ein Genrebegriff ist. Zweitens sind Genrebezeichnungen oft durch Überschneidungen von verschiedenen Musikströmungen verkompliziert. Und drittens sind Genrebezeichnungen notwendigerweise reduktionistisch, was manche dazu führt, das Konzept von Genres grundsätzlich zu hinterfragen.

Spezifische Untergenres

Innerhalb eines Genres wie zum Beispiel „Pop“ wird teilweise sehr unterschiedliche Musik zusammengefasst. Das macht die Bezeichnung so allgemein, dass sie fast schon überflüssig wird. Bei „Pop“ liegt es zudem noch daran, dass es genau genommen nichts anderes bedeutet als „Populäre Musik“ (was nichts über die musikalische Struktur aussagt). Man kann in so einem Fall anfangen, die Musiklandschaft in immer kleinere und spezifischere Unterkategorien zu sortieren. Das erfordert aber ein gleichsam immer spezifischeres Wissen über die strukturellen Unterschiede zwischen den einzelnen musikalischen Strömungen innerhalb eines Genres. In einem Gespräch zwischen durchschnittlichen Musikhörer*innen wird das schwierig. Was bringt ein Genrebegriff, der so spezifisch ist, dass nur noch wenige Menschen darunter etwas verstehen können? 

Genreüberschneidungen

Neue Musik entsteht nicht in einem isolierten Raum. Selbst die noch so experimentellsten Formen von Musik entwickeln sich aus bestehenden musikalischen Strömungen heraus. Viele neue Musikrichtungen entstehen, indem sie Elemente aus bereits bekannten Musikrichtungen kombinieren und weiterentwickeln. Dementsprechend versucht man manchmal, das so entstandene Stück mit einer Art Bandwurmgenre zu bezeichnen: Man hängt im Namen einfach alle „Grundzutaten“ aneinander. Das derzeit viel gestreamte „Circles“ von Post Malones vereint viele verschiedene Stilelemente und wäre demnach vielleicht „Folk-Dream-Psychedelic-Pop“.

Diese Konstruktion ist fragwürdig, denn der Begriff macht die Musik nicht wirklich greifbarer. Dazu kommt, dass auch hier das erste Problem mit hineinspielt. Die Bezeichnung „Psychedelic“ ist sehr spezifisch und vermutlich nur mittelmäßig geläufig, während die Bezeichnung „Pop“ wie beschrieben sehr breit und zudem auch nicht wirklich klangspezifisch ist. 

Post Malone als Künstler macht die ganze Sache noch zusätzlich kompliziert. Er gehört zu einer Gruppe von Künstler*innen, deren Musik eine extrem breite Menge an Versatzstücken verschiedener Genres einbezieht. Bei manchen Musiker*innen wie zum Beispiel den Black Keys bewegt sich die Musik sehr beständig entlang einer bestimmten Klangwelt. Sie haben sozusagen eine „Klangmarke“ und erfüllen somit die Erwartungshaltung, die mit dem ihn zugeschriebenen Genre einhergeht. Die Unterschiede innerhalb der „Klangmarke“ sind nicht so groß wie bei Post Malone. Der veröffentlicht ein Album, das Elemente unterschiedlichster Genres wie Pop, Trap, Country, Cloud-Rap, Folk, Grunge und viele weitere enthält. 

Reduktionistische Genrebezeichnungen

Manchen ist es herzlich egal, welche Genres ihnen Andere zuschreiben. Viele Künstler*innen und auch Musikhörer*innen sind von Genrebezeichnungen aber frustriert, weil diese sich manchmal anfühlen wie übergestülpte Marketingbegriffe. Das ist sicher auch Teil des Problems. Aber Kategorisierungsversuche von Musik arbeiten (notwendigerweise) reduktionistisch: Um die übergreifende Gemeinsamkeit von einer Menge an Songs herauszuarbeiten, müssen andere, individuelle Merkmale gezwungenermaßen vernachlässigt werden. Das fühlt sich manchmal verständlicherweise oberflächlich an. 

Tod dem Genre?

Man könnte angesichts der geschilderten Probleme mit Genrebezeichnungen tatsächlich schlussfolgern: Dann lassen wir das einfach. Wie man ein Musikstück jetzt genau einsortiert, ist doch wurscht. Es gibt einfach nur noch Musik! So verlockend das klingt, es würde auch nicht funktionieren. Manchmal suchen wir ja gezielt nach Musik, die ähnliche Stilmerkmale hat und sich in einer gemeinsamen Klangwelt bewegt. Wie sollen wir diese Musik beschreiben und finden ohne Genrebegriffe? So anfällig und instabil Genrebezeichnungen sind; sie erfüllen auch oft ihren Zweck. Und weil ich das jetzt natürlich auch noch beweisen muss: Eins meiner derzeitigen Lieblingsgenre ist Soultronic, eine Mischung aus Soul, RnB und Electro. Welche Künstler*innen und Stücke man dazuzählen könnte, ist natürlich streitbar. Aber diese von Spotify veröffentlichte Playlist gibt auf jeden Fall ein paar gute Beispiele.


Titelbild: Mick Haupt, Unsplash

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