Für mehr Diversität in Talkshows

Für viele Menschen in Deutschland gehört zu einem typischen Fernsehabend eine Talkshow wie Anne Will, Maischberger, Markus Lanz oder Maybrit Illner. Immer wieder sieht man dort bekannte Gesichter aus den Bereichen Politik, Kultur, Sport, Literatur oder ähnliches. Doch was auffällt: Die öffentlich-rechtlichen Sender zeigen oft bekannte Persönlichkeiten (und die gerne mehrmals) und lassen überwiegend weiße, männliche Gäste ohne Migrationshintergrund zu Wort kommen.

Der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann hat sich die Gästelisten des letzten Jahres angeschaut und untersucht. Sein trauriges Ergebnis:

Siebeneinhalb Monate, 76 Sendungen, knapp 5.000 Sendeminuten und 405 Gäste. So lange mussten Zuschauer und Zuschauerinnen im Jahr 2019 auf den ersten schwarzen Gast in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow warten.

Wie kann das sein? Das fragt man sich insbesondere auch, weil immer mehr Kulturbereiche diverser werden und beispielsweise das Thema Migration und Flucht in den letzten Jahren eins der meist besprochenen war. Und wer kann darüber am besten reden? Wenn man den Talkshows glaubt, sind das oft auch Politiker, die selber keinen Migrationshintergrund haben. Deswegen kommt schnell die Frage auf: Wieso kommen diese gesellschaftlichen Veränderungen nicht in den benannten Talkshows an?

Immer nur die gleichen Gesichter

Statt auf Vielfalt setzen ARD und ZDF in ihren Talkshows auf bekannte, männliche Gesichter wie SPD-Politiker Kevin Kühnert oder CDU-Politiker Norbert Röttgen. Letzterer war nach Angaben von Goldmann im letzten Jahr öfter in den Talkshows zu sehen als alle Gäste aus Afrika, der arabischen Welt und dem Iran zusammen. Natürlich hat Norbert Röttgen sowohl zum Iran, zum Brexit als auch zum Nahost-Konflikt eine Meinung, aber wollen wir nicht auch mal eine andere Meinung hören? – JA!

Auf die immer größer werdende Forderung nach Diversität reagieren die öffentlich-rechtlichen Sender mit dem Argument, es gäbe einfach zu wenig Schwarze Klimaforscher[1] oder migrantische Politikerinnen. Natürlich ist Diversität auch in der Politik ein großes Thema. Schaut man sich den Bundestag an, muss man auch hier feststellen, dass viele weiße Männer in den Reihen sitzen. Trotzdem gelingt es Talkshows in den skandinavischen Ländern und in den Niederlanden bei ihren Gästen einen besseren Querschnitt der Gesellschaft zu zeigen. Das liegt auch daran, dass es in Skandinavien Checklisten für Theater und Medienproduktionen gibt, die bei einer starken männlichen Besetzung eine Begründung der Regie einfordern. Auch Altersgruppen werden in diesen Checklisten angegeben.

Fernsehen als Spiegel der Gesellschaft

Aufgrund der fehlenden Diversität und anderen Kritikpunkten haben die bekanntesten Talkshows Deutschland Ende letzten Jahres die Goldene Kartoffel von den neuen Deutschen Medienmachern verliehen bekommen. Neben der Gästeauswahl wurden bei den Sendungen „hart aber fair“ (ARD), „Maischberger (ARD), „Anne Will“ (ARD) „Maybrit Illner“ (ZDF) kritisiert, dass sie oft reißerische oder plumpe Fragen in ihren Ankündigungen benutzen (wie z.B. „Bürger verunsichert – Wie umgehen mit kriminellen Zuwanderern?“) , und ihre Inhalte oft Klischees fördern statt sie abzubauen. Kommt dann noch dazu, dass ein starker Diversitätsmangel bei der Gästeauswahl herrscht, kann man nicht von einer vielfältigen, ausgewogenen und abwechslungsreichen Talkshow sprechen. Ein Viertel der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund – das sollte sich auch bei den öffentlichen Sendern widerspiegeln. 

Bild: DPA/Jörg Carstensen

Vorurteile und Rollenzuschreibungen

Ein weiterer schwieriger Punkt ist die Rollenzuschreibung in den Redaktionen. Es wird nicht nur entschieden, wer auf der Gäste-Bank sitzt sondern auch welche Rolle der- oder diejenige hat. Du hast ein Buch geschrieben – Du bist ein Experte. Du kommst aus Russland – Du kennst dich mit Putin aus. Du bist Schwarz – Erzähl uns was über Rassismus. Es scheint fast so als könnten nur weiße, heterosexuelle, alte Männer zu allem eine Antwort finden, auch wenn sie keine Erfahrungen diesbezüglich haben. Alice Hasters ist Journalistin und hat als Schwarze Frau ihre eigenen Erfahrungen in den Medien gemacht. Sie schreibt in ihrem Buch:

„Medien können Vorurteile immens stärken. Sie können aber auch helfen sie aufzubrechen. Letzteres passiert leider selten, und das liegt an mangelnder Präsenz und fehlendem Mitspracherecht von nicht- weißen Menschen […]. BIPoC (Black Indigenous Person of Color) werden gezeigt, wenn es um Armut, Rassismus oder Verbrechen geht […] und sind nur im Kontext von weißen Menschen relevant […]“.

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten, 2019, S.49

Das gleiche gilt auch für Menschen mit einem anderen Migrationshintergrund, für die die der LGBTQI+ Community angehören oder anderen Minderheiten.

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Quelle: Giphy
You can’t be what you can’t see

Es tut sich etwas – wenn auch viel zu langsam

Zwar wird der Anteil der Frauen in Talkshows immer größer, aber sie sind immer noch deutlich weniger vertreten als Männer. In einer Untersuchung von über 130 Sendungen traten 450 Männer auf und nur 278 Frauen. Das sind nur knappe 38 Prozent. Auch wenn in diesem Punkt eine genaue Unterscheidung der einzelnen Talkshows sinnvoll ist. So sind bei der Sendung Anne Will prozentual viel mehr Frauen, als beispielsweise bei der Sendung „hart aber fair“. Sendungen, in denen nur Männer eingeladen wurden gab es 2019 nicht mehr, hier hat sich anscheinend schon einiges verändert.

Damit Journalisten tun, wo zu sie da sind – kritische und allumfassende Darstellungen bieten und damit dem Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung unterstützen – müssen sie nicht nur Kritik bei anderen ausüben, sondern auch bei sich selbst. Dafür müssen wir alle den sogenannten White Gaze (Perspektive und Blick weißer Menschen) erkennen, thematisieren und versuchen ihn aufzulösen. Damit erreichen wir nicht nur mehr Diversität, sondern auch, dass sich Minderheiten mit dem Programm identifizieren können.

Das Ziel sollte sein, gesellschaftliche Missstände zu diskutieren, nicht sie zu reproduzieren.

[1] Das Adjektiv »Schwarz« wird bewusst groß geschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt.

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