Rezension: „The Night Tiger“ von Yangsze Choo

Auf den Roman The Night Tiger von der Autorin Yangsze Choo habe ich mich besonders gefreut, da er eine ungewöhnliche Story verspricht. Außerdem spielt er in Malaysia, wo ich in diesem Jahr noch hinreisen werde. In beiden Aspekten wurde ich nicht enttäuscht, denn die Geschichte des Buchs ist wirklich merkwürdig (was gut ist!) und einzigartig und ist stark von malaysischer und chinesischer Mythologie beeinflusst. Bei The Night Tiger handelt es sich nicht wirklich um einen Fantasy-Roman, aber man findet Elemente des magischen Realismus, das heißt die Realität und übernatürliche Phänomene vermischen sich.

An dieser Stelle möchte ich gern erwähnen, dass ich das Buch auf Englisch gelesen habe und es bisher nicht auf Deutsch erhältlich ist.

Zusammenfassung

Der Roman spielt in den 1930er Jahren im kolonialisierten Malaysia. Der 11-jährige Hausdiener Ren hat von seinem inzwischen toten Herrn, einem Britischen Arzt, den Auftrag bekommen, seinen abgetrennten Finger zu finden, den dieser bei einem Unfall verloren hat und in dessen Grab zu legen. Dafür hat Ren 49 Tage Zeit, sonst wird die Seele seines Meisters keine Ruhe finden. Parallel lernen wir Ji Lin kennen, die gern Ärztin werden würde, doch das ist in den 30er Jahren in Malaysia für eine Frau unmöglich, deshalb lässt sie sich zur Schneiderin ausbilden. Nebenbei arbeitet sie heimlich als Tänzerin, um die Schulden ihrer Mutter abzubezahlen. Eines Nachts hinterlässt einer ihrer Tanzpartner ihr ein Souvenir: einen abgetrennten Finger. Mit Hilfe ihres Stiefbruders Shin will Ji Lin den Finger seinem rechtmäßigen Besitzer zurückbringen. Rens und Ji Lins Wege kreuzen sich, während um sie herum einige merkwürdige Todesfälle passieren.

Meine Meinung

Die Geschichte konnte mich wirklich überzeugen und hat mich von der ersten Seite an gepackt. Sie geht in eine etwas andere Richtung, als ich ursprünglich erwartet hatte, was natürlich etwas Gutes ist. Zwar entwickelt sich alles eher langsam, das passt aber zur Geschichte und es kommt trotzdem keine Langeweile auf. Ich mochte Bücher, die von Mythologie und Märchen inspiriert sind, schon immer sehr, weshalb mir dieser Aspekt der Geschichte sehr gut gefallen hat. Ren, der junge Hausdiener, glaubt zum Beispiel an Wertiger, also Wesen, die zwischen Tiger-Gestalt und menschlicher Gestalt wechseln können. Auch die in der chinesischen Kultur wichtigen konfuzianischen Tugenden und Glück spielen eine große Rolle in The Night Tiger. Die Elemente des magischen Realismus sind durch die vielen Einflüsse von chinesischer und malaysischer Mythologie natürlich in die Geschichte eingebaut, ohne absurd zu wirken. Der mythische, bildhafte und geheimnisvolle Schreibstil rundet das Ganze perfekt ab:

I felt the cold touch of that shadow again, the one that undulated in the watery depths of my fears, as though it was searching for something

– The Night Tiger, S. 86

Ren ist für mich der interessanteste und auch liebenswerteste Charakter des Buchs. Er ist erst elf Jahre alt und nach außen hin der perfekte Hausdiener: Er erledigt alles, was ihm aufgetragen wird mit großer Sorgfalt und ist dazu auch noch ständig aufmerksam, freundlich und sehr klug. Doch obwohl er so jung ist, trägt er viele Geheimnisse, Trauer und Einsamkeit mit sich herum. Er macht sich ständig Sorgen um die Seele seines alten Meisters und vermisst diesen zudem schmerzlich. Ren tut alles dafür, den Finger zu finden und seine Aufgabe zu erfüllen. Der Tod seines Zwillingsbruders begleitet ihn ebenfalls überall hin und hängt wie ein Schatten über ihm. Doch trotz all der Sorgen, die er mit sich herum trägt, ist Ren sehr ehrgeizig, lernt von seinen Meistern vieles über Medizin und ist außerdem bemüht, den Menschen um sich herum zu helfen.

Ji Lin ist das, was man als Tom-Boy bezeichnen würde: kurze Haare, stur und vorlaut. Mir hat ihre direkte und ehrliche Art sehr gefallen. Sie versucht gegen die Probleme anzukämpfen, mit denen sie konfrontiert wird, weil sie eine Frau ist. Ihrem Stiefbruder Shin konnte ich hingegen wenig abgewinnen. Er ist manipulativ, aggressiv, besitzergreifend und eher nicht der Typ Mann, der ein Nein akzeptiert. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass die Autorin ihn sympathisch darstellen wollte und die Problematik seines Charakters nicht thematisiert wurde.

Die Liebesgeschichte konnte mich nicht überzeugen, was bei mir aber öfter vorkommt. Nicht alle Geheimnisse und Fragen, die The Night Tiger aufwirft, werden am Ende beantwortet. Das hat mir allerdings gefallen, denn ich finde, als Leser*in muss man gar nicht immer alle Antworten auf dem Silbertablett serviert bekommen.

Fazit

Eine ungewöhnliche Geschichte, die mich nicht zuletzt wegen des tollen Schreibstils und der Einflüsse von malaysischer und chinesischer Mythologie überzeugen konnte. Leider haben Shin als problematischer Charakter und die Liebesgeschichte meine Begeisterung etwas getrübt. Und da ich Punktebewertungen und Rankings liebe, bewerte ich hier auch in Sternen:

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