Das Lied vom Fan und Autor

Was tun, wenn deine Fans dich zwingen wollen, etwas neu zu machen? Warum war Game of Thrones so scheiße und was hat das Internet damit zu tun? Eine kleine Geschichte zum zweifelhaften Ende von Game of Thrones und was wir daraus lernen können…

Mitte April war es endlich so weit! Die letzte Staffel Game of Thrones wurde endlich ausgestrahlt. Lang ersehnt, heiß diskutiert von Minute eins. Etwas mehr als einen Monat später war die ganze Sache auch schon rum, die Saga zu Ende, die Geschichte erzählt. Und im Internet herrschte ein Shitstorm der Größe 10 (Ich habe keine Ahnung, ob es Einordnungen für die Größen von Shitstorms gibt, aber ich meine damit, es war sehr groß…).

Auf reddit, Instagram, Youtube und Facebook, auf jedem kleinen Blog und großen Foren, auf jeder Meme-Seite wie 9Gag, regten sich die Fans über das Ende dieser Staffel auf. In meinem Freundeskreis gibt es auch breitgefächert Enttäuschung. Fehler im Narrativ wurden hinterfragt, Fehler in der Produktion (Kaffeebecher zum Beispiel) wurden aufgedeckt und generell wurde die ganze Show durch den Schlamm gezogen. George R. R. Martin äußerte sich mehrmals zum Staffelende und seiner Teilhabe daran (gering). Selbst die Schauspieler*innen streuten indirekte Anmerkungen der Unzufriedenheit. Das war den Fans* (*Fans hier als unbeschreibbare Masse in Internet, von denen vermutlich viele auch Trolle waren, die sich gegen die letzte Staffel aussprachen) nicht genug. Eine Pedition, dass die letzte Staffel mit kompetenten Autor*innen neu gemacht werde, hat heute (6. Juli 2019) 1.6 Millionen Unterschriften. Beeindruckend. Eine fiktive Serie wiegelt mehr Menschen auf, als sämtliche Hungerepidemien, die es gerade so auf der Welt gibt…

Auch wenn es früher sicherlich schon große Fangemeinschaften gab, die sich so leidenschaftlich für eine Serie engagierten (siehe Harry Potter), im Internet potentiert sich die Ressonanz. Die Schwelle, etwas mal eben auf Twitter, Instagram und Co. zu posten, ist sehr gering und das hat weitreichende Folgen, wenn Leute so richtig wütend sind. Selbst George R. R. Martin hat gemeint, dass diese Level an Reaktionen nicht mit den Reaktionen in der Vergangenheit vergleichbar ist (hier).

Generell bedeuten die offenen Schranken des Internets viel positives für Fangemeinden und die Geschichten um die sie sich scharen. Fans können Theorien, Canons und Hintergrundwissen austauschen. Es gibt ihnen die Möglichkeit, noch tiefer in diese Welten einzudringen. Bei J.K. Rowling scheint seit Jahren im Internet ihr eigener Top-Fan mit Administrationsrechten zu sein. Kaum einer teilt mehr Theorien und Wissen über Harry Potter und die magische Welt als sie. Mithilfe von Pottermore¹ hat sie dieser Gemeinde auch einen Ort der Versammlung und des imaginären Wissens geliefert. So gut wie jeder in meiner Generation ist Harry Potter-Fan und auf andere Potterheads zu treffen, erschafft sofort ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, als hätte man etwas zusammen durchlebt.

The Walk of Shame | Lena Headey. photo courtesy of HBO

Wenn nun diese Zusammengehörigkeit aber nun durch den Hass auf eine fiktive Geschichte entsteht, was passiert dann? Bei Game of Thrones war es anfangs ähnlich, zuerst kamen die Bücher, schafften eine Fangemeinde, die dann durch die Serie überproportional ausgeweitet wurde. Bei der letzten Staffel haben eine Freundin und ich jede Woche die Folge angeschaut und dann etwas später das mindestens ebenso lange Erklär- und Theorievideo von New Rockstars. In diesen Video erklären die Hosts von New Rockstars, was hinter jedem einzelnem Frame der jeweiligen Folge steckt. Sehr detailiert und vermutlich sehr unnötig. Trotzdem. Wir machen das halt. Danach haben wir darüber diskutiert, was wir gut oder schlecht fanden und was wir glauben, das noch passiert.

Endlich kam die letzte Staffel und im Internet ging es vor allem darum, warum sie so schlecht ist. Wie sieht das wohl für das Team aus, dass diese Serie produziert hat? Finanziell wird es wohl stimmen, die Serie wurde, vielleicht auch gerade, weil es so viele doof fanden, viel angeschaut. (Die letzte Staffel hatte, im Vergleich zu allen anderen Staffeln, im Durchschnitt die höchsten Zuschauer*innenzahlen²) Aber wenn eine Serie auf den letzten Metern zerfetzt wird, ist sie dann noch auf künstlerischer Seite erfolgreich?

Der Nachtkönig | photo courtesy of HBO

Das Internet sagt Nein.

Dem Internet ist scheiß egal, was sich die Macher*innen dabei gedacht haben, die Plotholes und bescheuerten Wendungen sind einfach zu viele und deswegen sieht das Internet* (*und Internet ist hier eine ebenso unübersichtliche Masse, wie vorher bei Fans) sich berechtigt, eine Neuverfilmung einzufordern. Vielleicht wollen manche nicht mal ein anderes Ende, nur einen anderen Weg dorthin. Aber feststeht: SO darf das nicht.

Wenn man nun Produzent*in oder Regisseur*in oder Drehbuchautor*in ist, steht man nun also vor dem virtuellen Scherbenhaufen und hat zwei Optionen: Neumachen oder nicht. Finanziell wird jeder Produzent den Vogel zeigen. Woher soll das Geld denn kommen, das jetzt nochmal zu produzieren? Und auch kreativ: Wer würde sich die Schmach geben, das Werk eines anderen nochmal umzuschreiben?

Serienhistorisch bauen Serien schon in ihrem Ursprung auf Fanloyalität (und in diesem Sinne Fanzufriedenheit) auf. Die ersten Serien, so wie wir sie heute kennen, entstanden in Zeitungen, wo durch kleine Geschichtchen die Produktloyalität erhöht werden sollte und damit auf lange Sicht der Verkauf der Zeitung erhöht werden sollte. So entstanden die ersten mehrfolgigen Kurzgeschichten, die durch Cliff-Hanger zum Beispiel miteinander verbunden wurden. Später kam dann dort der Comic-Streifen dazu, der seine größten Tage in den 30ern und 40ern des letzten Jahrhunderts hatte – den ihr aber sicherlich auch noch aus heutigen Zeitungen kennt. Dann entwickelten sich daraus Filmserien – anstiftet von zwei Herausgebern, die die Serien in ihren Zeitungen noch beliebter machen wollten. Irgendwann überholte die Beliebtheit der Filmserien dann die der Zeitungsserien und in den nächsten siebzig Jahren entwickelte sich „die Serie“ zu dem, was sie heute ist: Durch Fernsehen, nun vorallem aber durch Netflix und Amazon Prime omnipräsent und die dominante Form, wie kurze Geschichten („Fernseh“serien) und Filme (Filmserien) aufgenommen werden.³

So, nun wissen wir also, woher die Serien kommen. Mittlerweile sind Serien aber eben mehr als Promotionswerkzeuge für Zeitungen. Sie sind komplex und undurchsichtig – sowas wie kurze (oder sehr lange) Kinofilme. Serien können auch genauso ernst genommen werden, wie Filme. Sie haben ein riesiges Budget, eine riesiges Team, die Produktion ist so lang und aufwendig wie bei vielen Filmen. Und natürlich können Fans eine Meinung zu einer Serie haben und diese in der Öffentlichkeit preisgeben. Fans sind aber immernoch erst mal Fans und nicht Autor*innen, die am Drehbuch sitzen.

Deswegen ist an und für sich meine Meinung, dass sich die Autorenschaft nicht von deren Fans dazu hinreißen lassen sollte, eine Serie neu zu schreiben, neu zu filmen, neu zu schneiden und neu zu veröffentlichen. Ich finde generell, dass ein Stück Kunst kein Crowd Pleaser sein muss. Sicherlich gibt es verschiedene Gründe, warum Menschen etwas kreieren. Viele möchten sowohl Kunst schaffen, als auch dem Konsumierenden eine Message mitgeben. Ob diese Message so verstanden wird, ist einerseits eine andere Frage und andererseits (zumindest wenn man Barthes glauben kann) auch erst mal nicht das Problem des Schaffenden (außer das Gehalt hängt davon ab…)

Khaleesi und Jon | Season 8, episode 1 (debut 4/14/19): Emilia Clarke, Kit Harington. photo: HBO

Stattdessen sind die Macher*innen von „Game of Thrones – Die Serie“ schon vorher falsch abgebogen, was im Grunde auch die Ironie der ganzen Sache aufzeigt. Sie haben sich schon früher von Spekulationen leiten lassen, haben an Endungen und Wendungen gewerkelt, weil Fans sie in Foren erraten haben und sind so von diesem Plan als ursprünglich rundes Stück abgekommen. Anstatt weiter zu machen, wie geplant und vielleicht von ein paar Nerds erraten, haben sie sich also von äußerer Meinung verirren lassen, sodass es nun kein logisches Ende mehr gibt, das sich aus mehreren Staffel langsam aufgebaut hat… Und deswegen der Ruf nach Veränderung durch die Fans…

Im Grunde gibt es keine zufriedenstellende Moral zu der Geschichte. Natürlich ist es schön, dass sich Fans über das Internet zu einer großen Community zusammenführen können und mit den Machern interagieren können. Doch für die Autoren sollte das immer noch bedeuten, dass sie die Gratwanderung finden müssen zwischen Interaktion und losgelöster Kreativität. Letztendlich reiht sich Game of Thrones da nur in eine lange Reihe von missglückten Serienenden ein.

Wer nochmal so richtig schön ragen will, dem empfehle ich die fantastische und fast spielfilmlange Interpretation von Lindsay Ellis, die die letzte Staffel von GOT nochmal auseinander genommen hat.

Fußnoten:
¹ Pottermore ist ein eine interaktive Webseite von JK Rowling, auf der Informationen und Spiele über die Welt rund um Harry Potter veröffentlichen werden und wurden. Man kann sich beispielsweise in eines der Hogwarts-Häuser sortieren lassen.
² Quelle: (Hochprofessionell) https://en.wikipedia.org/wiki/Game_of_Thrones#Viewer_numbers [Stand: 05.09.19]
³ Mehr nachzulesen hier: Hagedorn, Roger: Doubtless To Be continued. A Brief History of Serial Narrative. In: Robert C. Allen (Hrsg.): To be continued… Soap Operas around the World. London 1995, S. 27-48.

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