Gerade ist die Frankfurter Buchmesse zu Ende gegangen und das ist doch ein guter Anlass, um heute ein zeitgenössisches Buchthema zu besprechen. Denn ich habe schon seit Längerem einige Gedanken zu meinem Leseverhalten der letzten Monate (bzw. inzwischen Jahre) im Kopf, die ich mal etwas ordnen, erkunden und niederschreiben wollte. Passenderweise hat der YouTube-Kanal Brust Raus, den ich sehr gern schaue, gerade auch Videos zum Thema gehypte Bücher auf BookTok gemacht, sodass ich mich sowieso mehr mit den Fragen, warum wir bestimmte Bücher lesen und was das mit uns macht, auseinandergesetzt habe. Also let’s go, lasst uns über schnulzige, spicy und teils problematische Bücher reden!
Literary female pleasure als Guilty Pleasure
Zuerst muss ich mit dem Geständnis starten: Ich habe in den letzten schätzungsweise 2-3 Jahren unzählige Bücher gelesen, die sich irgendwo im Genre „Liebesroman“ ansiedeln und zwar oft in der Ecke, wo die Tür beim Sex aufbleibt oder die, wie es heutzutage heißt, „spicy“ sind. Ich sage Geständnis deshalb, weil es mir immer noch wie ein Guilty Pleasure vorkommt, diese Bücher gerne zu konsumieren. Aber warum schäme ich mich dafür? Liebe und Sex sind ja nun wirklich zwei der elementarsten Themen unseres Lebens. Hinzu kommt allerdings das Phänomen, dass ich viele der Bücher am Ende tatsächlich ziemlich schlecht finde, sie aber trotzdem komplett durchgelesen habe. Ergibt das Sinn? Ich versuche es herauszufinden.
Tatsächlich bin ich nicht die Einzige, die diese Art Bücher verschlingt. Es gibt einen regelrechten Boom an Romance-Büchern in den verschiedensten Ausführungen. Wobei das natürlich Quatsch ist, denn diese Art Bücher wurde schon immer viel gelesen. Aber es gibt Gründe, warum das Ganze auch unter „Frauenliteratur“ geführt wird. Und da sind wir wahrscheinlich auch schon bei einem der Gründe für die Scham. Diese Art Bücher wird als trivial oder gar Schund betrachtet und nicht als ernsthafte Literatur. Leser:innen werden eher belächelt. Das liegt natürlich einerseits an den Themen (denn Liebe ist bekanntlich nur etwas für Frauen) und aber eben auch an dem überwiegend weiblichen Publikum. Denn wie es im Patriachart so ist, kann sowas ja nicht gesellschaftlich bedeutungsvoll anerkannt werden. Aber tatsächlich hat insbesondere über soziale Medien und die Möglichkeit zu Austausch und Vernetzung sich hier etwas getan, was ich sehr spannend finde.
BookTok made me do it
Ich habe mich erfolgreich bis heute gewehrt, mich bei TikTok anzumelden. Hauptsächlich, weil ich weiß, dass ich viel zu viel Zeit auf der App verbringen würde. Aber sind wir ehrlich, da ihre Relevanz nicht abzunehmen scheint und andere soziale Medien hingegen zumindest für meine Generation eher in die Bedeutungslosigkeit verschwinden (Facebook, Twitter), wird es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit sein, bis ich irgendwann einknicke. Aber anderes Thema. Jedenfalls ist auf TikTok das sogenannte BookTok (Book + TikTok) ganz groß, wo – ihr habt es erraten – sich alles um Bücher dreht. Von Buchempfehlungen zu Buchbesprechungen zu Buchästhetiken, BookTok (und auch seine Vorgänger bzw. Schwestern BookTube und Bookstagram, auf denen ich eher unterwegs bin) hat viel zu bieten… und tatsächlich inzwischen auch viel Einfluss. Vielleicht sind euch in Buchläden die Tische aufgefallen, die eine Auslage zum Thema BookTok haben. Und damit gemeint sind Bücher, die auf TikTok einen sehr großen Hype erfahren haben. BookTok hat inzwischen eine nachweisbare Auswirkung auf den Buchmarkt, was ich an sich schon faszinierend finde. Faszinierend ist aber auch, welche Art von Büchern dort hauptsächlich gehyped wird: Romance Books in allen Formen. (Bitte seht mir nach, dass ich in diesem Artikel sehr viel englische Begriffe mal wieder verwende, aber im Deutschen klingt einfach vieles direkt so viel altbackener). Plötzlich ist es cool diese Bücher zu lesen, man redet von Empowerment und der Buchmarkt hört die Kassen klingeln. Daher ist BookTok fast schon Grund genug, mich doch auch bei TikTok anzumelden, weil ich die ganzen Diskussionen und Entwicklungen darum so spannend finde.
Mit den Tropes in die Tropen
Schauen wir uns also doch diese gehypten Bücher mal genauer an: Häufig gibt es unterschiedliche Tropes, also bestimmte Bausteine, aus denen sich die Geschichte mal mehr mal weniger individuell entwickelt. Leser:innen wissen so im Vorhinein ungefähr, was sie erwartet, und suchen sich Bücher explizit nach ihren Lieblingstropes aus (im Deutschen gibt es in der Literaturwissenschaft tatsächlich auch das Wort „Tropen“, aber das englische hat sich durchgesetzt, auch vielleicht weil man weniger an Reiseziele dabei denkt). Beispiele für Tropes sind etwa Enemies to Lovers, Friends to Lovers, Slow Burn, She falls first but he falls harder, Fake Dating usw. (hier ein Artikel mit Erklärungen dazu). Die Tropes beschreiben also oft die Beziehung der beiden Hauptcharaktere, von denen wir ja wissen, dass sie sich mit 99% Wahrscheinlichkeit am Ende kriegen. (Vermutlich ist es müßig zu erklären, dass es sich auch bei 99% der Paare um hetero-cis-Beziehungen handelt). Insbesondere im Austausch in den sozialen Medien werden Bücher mit diesen Tropes als Tags, also Schlagworten, versehen, damit Leser:innen sich entsprechend matchen können. Es läuft demnach sehr viel nach bestimmten Schemata und Mustern ab, aber genau das ist wohl einer der Hauptgründe, warum sich diese Bücher so großer Beliebtheit erfreuen. Man weiß einfach grundsätzlich, was man bekommt. Aber dazu gleich nochmal mehr.
Schlafzimmertür auf oder zu?
Ich habe schon gesagt, dass ich oft die Liebesromane, die ich lese, dann gar nicht mal so gut finde. Einerseits hat das auch mal mit dem Schreibstil zu tun, aber manche Muster und Figuren gehen mir einfach gehörig auf die Nerven und wenn zu oft und zu viel in die Klischeekiste gegriffen wurde, ist mir das einfach doch zu uninspiriert. Beispielsweise habe ich, nachdem die erste Staffel Bridgerton rauskam, sämtliche Bücher der Reihe gelesen, sowie noch ein paar andere der Autorin Julia Quinn, und sie ziemlich unterschiedlich gut gefunden. Irgendwann musste ich bei den Sexszenen dann nur noch lachen. Weil es einfach immer dasselbe ist: Er ist super erfahren, hat aber natürlich sich noch nie so gefühlt wie mit ihr. Und sie ist so unschuldig, dass es meist nicht mehr naiv, sondern tatsächlich etwas dümmlich wirkt. Zum Beispiel wenn sie jedes Mal, wenn sie dann seinen (selbstverständlich sehr großen) Penis sieht, davon überzeugt ist, dass das niemals passen kann. Aber es passt natürlich alles und direkt das erste Mal ist die wundervollste Erfahrung für beide inklusive mehrfacher Orgasmen. Achso, und natürlich sehen beide nackt auch perfekt aus. Ja, da sind wir eben bei der Fiktion, aber muss es wirklich so platte Copy-Paste von Szenen sein? Das gilt nicht nur für Bridgerton und andere historische Romane, allgemein sind auch Sexszenen oft einfach ein Handlungs- oder Stilmittel, bei dem man weiß, wie die Geschichte funktionieren wird. Aber häufig sind sie so realitätsfern, dass sie bei mir eher Augenrollen statt Kribbeln hervorrufen. Allerdings möchte ich hier auch festhalten, dass es durchaus sehr gut geschriebene Sexszenen gibt und häufig eben das weibliche Begehren in den Fokus gestellt wird. Was angesichts dessen, dass bei Sexualkunde offenbar immer noch Lust und Spaß an Sex für beide eher nicht so auf dem Plan steht, schön zu lesen ist. Natürlich gibt es auch genug Liebesromane, bei denen die Schlafzimmertür geschlossen bleibt, aber tatsächlich sind es aktuell vor allem die Bücher mit den expliziten Sexszenen, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Ob es dabei um erotische, aufklärerische oder einfach unterhaltsame Aspekte geht, ist sicher individuell. Viele der Bücher werden häufig unter der Bezeichnung „New Adult“ geführt und auch viele Jugendliche lesen sie gerne. Daher ist es wohl nicht verwunderlich, dass es Debatten darum gibt, welche Werte und Vorstellungen von Sex und Beziehungen diese Bücher vermitteln.
Dark Romance – Lust und Liebe für den Mobber oder Stalker
Abgesehen von nicht ganz realitätsnahen Sexszenen gibt es daher auch andere Themen und Tropes, die man an diesen Büchern diskutieren kann und auch sollte. Denn wie immer, wenn es um Beziehungsdynamiken geht, können hier auch sehr schnell problematische Muster auftauchen. Vielleicht habt ihr die Diskussion vor Kurzem über die Verfilmung It Ends with Us, basierend auf einem Buch von Bestsellerautorin Colleen Hoover, mitbekommen. Brauchen manche Bücher vielleicht Triggerwarnungen? Erstmal ist es an sich nichts Verwerfliches meiner Meinung nach, wenn auch toxische, ungesunde oder auch mit Gewalt verbundene Beziehungen in Büchern im Mittelpunkt stehen. Das ist nichts, was ich gern lese, aber dann bin ich eben einfach nicht die Zielgruppe. Das Problem fängt eher bei der Romantisierung dieser Beziehungen und insbesondere auch dieser Männer an, also dann, wenn es sich um Liebes- statt Dramageschichten handelt. Erinnern wir uns noch an den Twilight-Hype, bis die allgemeine Meinung irgendwann eher dahingehend umschlug, dass Edward, Bella und Jacob alle ganz schön problematische Charaktere sind, nach deren Beziehung man in der wirklichen Welt besser nicht streben sollte? Ähnliche Diskussionen gibt es auch aktuell zu verschiedenen Büchern, Tropes oder Genres. Das wäre einen ganz eigenen Artikel wert, daher hier nur der kurze Abriss. Ich finde es nämlich wirklich interessant, wie über die Unterscheidung von Fiktion und Realität gesprochen wird sowie über das Problem, wenn fiktionale Auslebungen von Fantasien sich als reale Fantasien für das eigene Leben manifestieren, insbesondere bei jüngeren Zielgruppen. Ich glaube nicht, dass ich mich jemals für Bully Romance oder Stalker Romance oder, was es sonst noch alles im Bereich der Dark Romance gibt, begeistern kann. Aber ich kann verstehen, dass es auf andere eine Faszination auswirkt, solche Szenarien in Büchern ausgelebt zu sehen, wenn wir sie uns in der Realität niemals (außer vielleicht beim Rollenspiel beim Sex) wünschen würden. Allerdings gibt es die problematischen Dynamiken, die Leser:innen möglicherweise dann für das eigene Leben als erstrebenswert übernehmen, quer durch alle Genres hindurch. Darum finde ich es so wichtig, dass wir über Literatur und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen sprechen.
Bin ich jetzt gute oder schlechte Feministin mit meinem Leseverhalten?
Gerade auch im Kontext von Feminismus finde ich die ganzen Debatten um (spicy) Liebesromane daher spannend. Handelt es sich um weibliche Fantasien, die hier ausgelebt werden? Oder sind, etwa im Bereich Dark Romance aber auch anderen, gerade die Kontroll- und Machtdynamiken nicht eher ein fiktives Realisieren von Männerfantasien für eine weibliche Zielgruppe? Warum enden so viele der Bücher immer noch mit Hochzeit, Kind und Hausbau? Liest man diese Sachen gerne, eben gerade, weil man sie in der realen Welt nicht für sich gesellschaftskonform (oder nicht-konform) ausleben möchte? Tatsächlich bezeichnen viele der Autor:innen (wobei es natürlich hauptsächlich Autorinnen sind) sich und/oder ihre Geschichten als feministisch. Ich würde das bei einigen auch so unterschreiben und diese Frauenfiguren lese ich auch sehr gerne. Die, die emanzipiert und selbstbestimmt sind und dann eben die passende große Liebe dazu finden und großartigen Sex haben. Ich mein hey, talk about a fantasy! Aber ich kann euch beispielsweise wirklich nicht erklären, warum ich so viele Bücher der Autorin Tessa Bailey (und auch anderen) gelesen habe, bei denen eine kleine, feenhafte Frau am Ende zuliebe des großen, breitschultrigen, grobschlächtigen (und oft sehr toxisch maskulinen) Mannes in einer Kleinstadt den konservativen amerikanischen Traum lebt. Ich bin danach immer genervt. Vielleicht ist das eher meine Art von Horrorgeschichte? Wenn es mich bei bestimmten Verhaltensweisen eher schüttelt, die als romantisch dargestellt werden, ist das meine Art von Katharsis und Versicherung meines feministischen Selbst? Ich habe dem Blogbeitrag etwas provokant den Titel gegeben „Bin ich eine schlechte Feministin, weil ich gerne spicy Liebesromane lese?“ Dazu möchte ich kurz sagen, dass ich das tatsächlich nicht glaube. Ich glaube eher, dass ich viel meiner feministischen Einstellung und auch zu Liebe und Sex durchaus anhand dieser Bücher reflektiere und manchmal eben die innere feministische Spaßverderberin ignoriere. Denn letztendlich lese ich die Bücher vor allem zum Abschalten und zur Unterhaltung. Und ich kann immer noch sehr gut zwischen Fiktion und Realität unterscheiden.
Am Ende geht es mir ums Happy End
Für mich ist daher, glaube ich, einer der Hauptgründe, dass es sich bei den Büchern, die ich mir aussuche, um eine angenehme Art des Eskapismus handelt. Wir werden den ganzen Tag mit negativen Nachrichten bombardiert, unsere Zukunft ist aufgrund von Klimawandel und inzwischen auch sehr präsenten Kriegen ungewiss und ich habe mir nun auch einen Job ausgesucht, der sich hauptsächlich mit dem Leid der Welt beschäftigt. Da brauche ich abends einfach gerne mal ein Buch, bei dem ich weiß, es wird ein Happy End geben. Wenn es auch noch halbwegs gutgeschrieben ist und sympathische Charaktere hat, umso besser. Die Bücher lassen sich eben auch einfach gut an ein bis zwei Abenden oder am Wochenende durchlesen. Außerdem bin ich natürlich wieder die Person, die sagt, dass sie die Bücher meist im englischen Original liest, kann mir also einbilden hier noch etwas für meine Sprachkenntnisse zu tun (vielleicht kosten sie aber auch einfach oft 99 Cent als eBook und sind daher schnell und billig verfügbar). Aber ganz ehrlich, übersetzter Dirty Talk oder Liebesgeständnisse auf Deutsch hören sich oft einfach so seltsam an, dass es mir eher die Fußnägel aufrollt, anstatt dass ich das sexy oder emotional finde. Ihr seht, ein paar Ansprüche habe ich doch.
Vielleicht habe ich keine Antwort drauf, warum manche Bücher einen gewissen Sog auf mich ausüben bzw. wollte hier nicht zu tief in die persönliche psychologische Analyse einsteigen. Ich habe aber gerne meine eigene und die allgemeine Lesekultur ein bisschen reflektiert. Um nochmal mit einem positiven Beispiel zu enden: Im Urlaub fiel mir endlich ein Buch der Autorin Emily Henry, die auch sehr groß in den sozialen Medien gefeiert wird, in die Hände und Funny Story mochte ich tatsächlich gern als gute Mischung aus Humor, etwas tiefsinnigeren Themen und spicy Liebesgeschichte. Kurzum, das ist genau die Art von Buch, die ich häufig nach einem anstrengenden Tag brauche, um ein bisschen dieser Realität in eine sehr ähnliche, aber mit garantiertem Happy End, zu entfliehen. Und ich höre jetzt auch mal damit auf, mich dafür zu schämen, sondern beschäftige mich lieber mit Gleichgesinnten. Insofern, habt ihr Buchtipps?
Beitragsbild-Collage: Populärkollektiv
Anknüpfend an diesen Beitrag wurde ich in den Podcast „Eine Stunde Liebe“ von Deutschlandfunk Nova eingeladen. Danke nochmal an Shanli für das schöne Gespräch. Die Folge vom 01. August 2025 findet ihr hier.
