Falsch Reisen

Seid ihr schon mal allein gereist? Wenn ja, dann wisst ihr wahrscheinlich, man denkt dabei sehr viel. Ich bin im August im Urlaub gewesen und dachte ich schreibe meine Gedanken einfach mal auf.

Ich gehe an der Promenade entlang. Die Restaurants und der Pier füllen sich langsam mit Menschen. Die meisten sind erst zum Sonnenuntergang gekommen. Die Stimmung ist eine andere als noch vor wenigen Stunden, als Kinder vergnügt im Wasser getobt und Urlauber:innen entspannt auf den Handtüchern gelegen haben. Die Menschen tragen nicht mehr ihre Badesachen, sondern haben ihre schicken Sommeroutfits ausgepackt. Im Sommer hat gefühlt jede:r einen Glow up. Also eine äußerliche oder auch innerliche Transformation zum Besserem. Ich habe das Gefühl, alle haben einfach mehr Lust sich von ihrer besten Seite zu präsentieren. Außerdem sind Menschen im Sommer einfach glücklicher. Das wirkt sich auch auf die Ausstrahlung aus.

Ich fühle mich wie im Film. Der Wind, der Geruch nach Salz und Fisch. Was noch fehlt, um die Stimmung perfekt zu machen, ist ein:e Straßenmusiker:in. Ich frage mich: fangen Filme und Serien dieses Gefühl am Meer gut ein oder fühlen wir uns frei und unbeschwert, weil die Filme es uns vormachen? Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass das Meer einfach besonders ist und es deswegen auch metaphorisch oft genutzt wird. Andererseits bin ich in einer Welt groß geworden, in denen es diese Metaphern schon immer gab.

Die letzten Sonnenstrahlen glitzern auf dem Meer und man hört verschiedene Geräusche: Vögel, Musik, Lachen, Weinen. Ich freue mich, dass die Menschen in der heutigen Zeit immer noch zahlreich erscheinen, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Eigentlich ist es doch etwas Simples, dass jeden Tag passiert. Dennoch fasziniert es die Menschen und lässt sie von ihren Bildschirmen aufschauen. Um dann natürlich ein Foto davon zu machen. Ich auch. Das versteht sich doch von selbst. Auch wenn ich mal Mal wieder etwas enttäuscht bin, weil zwei Delphine nicht gleichzeitig hoch springen, um diesen Moment noch einzigartiger zu machen.

“Pics or it didn’t happen”, sagen die jungen Leute heute. Ob im Fotoalbum oder auf Instagram – wir zeigen nicht nur den Menschen um uns herum unsere Erlebnisse, sondern auch uns selbst. Letztens habe ich mir meine Snapchat Historie angeschaut und konnte die Zeiten von früher wieder in Erinnerung rufen. Ich dachte mir: Mist, warum hast du aufgehört deinen Alltag täglich zu posten? Man vergisst so viel. Und ich besonders. Wenn ich mich erinnern kann, sind es oft Situation mit anderen Menschen. Obwohl ich auch da scheinbar deutlich Schwächen haben. Denn an manche Situationen kann ich mich nur erinnern, weil Menschen sie mir erzählt haben.

Am Strand beobachte ich ähnliches. „Mama, guck mal“, ruft ein Kind auf einem Trampolin. „Schon im Kindesalter benötigen wir Bestätigung“, denke ich. Hört sich ein wenig hart an. Aber im jungen Kindesalter ist es ja auch literally so. Wenn niemand den ersten Schritt gesehen hat, ist er auch nicht passiert, weil das Kind kann es ja niemanden sagen. Naja, und dann geht es halt scheinbar so weiter. Wenn man mit Anderen im Urlaub ist, bestätigt man sich und die eigenen Gefühle gegenseitig. „Das Essen schmeckt voll lecker!“ – „Ja, richtig gut!“ oder „Oha, guck mal der Sonnenuntergang! – „Voll schön!“ Ähnlich läuft es danach bei Instagram. Man bekommt dort bestätigt, dass man einen schönen Urlaub hatte. Das ist doch schön. Das meine ich wirklich nicht ironisch. Ich freue mich, wenn Menschen ihre schönen Momente mit mir teilen, und Gönnen muss man auch können. In dem Moment, in dem ich mir überlege, wie ich das Foto auf der Social Media Plattform meiner Wahl posten möchte, reflektiere ich es auch. Brauchen wir die Bestätigung und Zustimmung anderer Menschen, nicht nur um unsere Entscheidung als gut zu bewerten, sondern auch um uns zu erinnern?

Das ist einer der Gründe warum das Reisen allein nicht immer so leicht ist. Ich muss mir sozusagen immer selbst in Erinnerung rufen, was ich erlebt habe und selbst bestätigen, dass es schön ist. Ich denke mir oft, den Moment nehme ich jetzt mit, damit ich den bei all den Gedanken, die ich offensichtlich so am Tag habe, nicht vergesse. Ich liebe es zwar immer der Nase nach zu gehen und einfach zu machen, worauf ich grade Lust habe. (Das fällt mir am häufigsten auf, wenn ich nicht alleine reise.) Aber manchmal frage ich mich, ob ich dadurch auch wichtige Momente verpasse oder gar falsch reise. Was sich schon sehr komisch anhört und natürlich auch nicht existiert. Dieses „falsch Reisen“ ist nur in meinem Kopf. Denn nur weil man nicht das tut, was andere machen, reist man nicht falsch. Falsch Reisen tut man wenn überhaupt nur, wenn man nicht das macht, was man möchte.

Viele Menschen reisen nicht allein und gehen auch nicht allein Essen oder auf Konzerte. Das ist völlig fein. Ich merke allerdings, dass ich mich dabei oft frage, was sich wohl die anderen Menschen denken. „Voll der Loser, hat sie keine Freunde oder was?“ Ich glaube, dass das viele andere Menschen abschreckt. Dabei hat das Eine nicht unbedingt was mit dem Anderen zu tun. Man sollte sich im Hinterkopf behalten, dass im Endeffekt heutzutage niemand mehr wirklich allein reist. Wir machen Fotos und schreiben Erlebnisse auf, um sie anderen zu zeigen. Es wäre doch zu schaden diese Erfahrungen nicht zu machen, nur weil wir es nicht alleine machen wollen. Vielleicht müssen wir uns auch von Erwartungen distanzieren, die wir durch Freunde, Filme und Social Media haben. Denn dein Urlaub wird nicht wie der deiner liebsten Influencerin werden und nein, wahrscheinlich wird dein Urlaub allein nicht wie bei Eat, Pray, Love. Es gibt nicht den besten Urlaub und die eine Weise, wir er zu sein hat. Also vielleicht brauchen wir doch mehr Mut zum „Falsch Reisen“. Das kann by the way auch Zuhause stattfinden.

2 Gedanken zu “Falsch Reisen

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