Rezension: Navid Kermani – Ungläubiges Staunen über das Christentum

Kermani als Brückenbauer zwischen Islam und Christentum

Das Christentum war lange Zeit eine der prägenden kulturellen Kräfte in Deutschland. Doch wie wirkt das Christentum eigentlich aus der Perspektive einer außenstehenden Person? Dieser Frage widmet sich Navid Kermani in „Ungläubiges Staunen über das Christentum“ (C.H. Beck, 14. Auflage, 2017). Der Islam ist vor allem seit andauernden Einwanderungsdebatten Mitte des 20. Jahrhunderts ein sensibles Thema in Deutschland. Er steht oft paradigmatisch für „das Andere“. Kermani hinterfragt diese spezifisch deutsche Form des Othering durch seine Biografie. Als Kind einer aus dem Iran eingewanderten Familie, Erforscher der islamischen Mystik und mit doppelter Staatsbürgerschaft repräsentiert er die hybride Verschränkung von christlichen und islamischen Einflüssen. Er ist somit in besonderer Weise qualifiziert, die eingangs gestellte Frage zu beantworten. Seine Haltung und seine lyrische Persona ist dabei die des nachdenklichen und versöhnlichen Vermittlers. Noch dazu betont Kermani immer wieder seine Vorliebe für kulturelle Tradition und schmunzelt über neumodischen Zeitgeist. Deshalb spricht er nicht nur bildungsbürgerliche Haushalte oder intellektuelle Linke, sondern auch eher wertekonservative Feuilletons an. Diese Anschlussfähigkeit an viele verschiedene Gesellschaftsbereiche schlägt sich dann in entsprechenden Würdigungen, wie zum Beispiel dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, nieder.

Schöne Aufmachung

Das Buch ist in vier Bereiche und mehrere Unterkapitel unterteilt. Pro Kapitel widmet sich Kermani einem Gemälde oder Gegenstand aus der christlichen Kunst und Architektur. Ausgehend von persönlichen Schilderungen analysiert er, wie sein „Außenblick“ als Muslim auf die christliche Ikonografie und Kultur ist. Die Kapitel und Analysen stehen zwar für sich. Aber es gibt ein wahrnehmbares Aufeinander-Aufbauen der Kapitel. Es macht also durchaus Sinn, es chronologisch der Reihenfolge nach zu lesen.

An der Aufmachung gibt es nichts zu meckern. Im Gegenteil, das eher breite Format gefällt mir besonders gut. Es scheint ein sinnvoller Kompromiss aus Handhabarkeit und Platz für großformatigen Fotografien zu sein. Die von Kermani beschriebenen Gemälde und Artefakte sind farbig und teilweise über eine ganze Doppelseite abgebildet. So kann man während dem Lesen zumindest einen Eindruck von Kermanis faszinierenden Detailbeobachtungen bekommen. Manches kann man sich nur aus dem Text erschließen. Das tut der Gesamtwirkung aber keinen Abbruch. 

Auch für Laien interessant, aber mit Vorsicht zu genießen

Ein Buch, das wahrscheinlich die mediavistisch interessierten Kunsthistoriker*innen besonders gefreut hat. Ich sehe auch den Mehrwert für Menschen, die sich grundsätzlich für den kulturellen Austausch zwischen dem Christentum und dem Islam interessieren. Aber Kermani erwähnt die meisten Künstler*innen, Bibelfiguren und Heiligen so nebenbei, als ob sie jede*r Leser*in geläufig sein müssten. Trotz meinen drei, vier Semestern Kunstgeschichte hatte ich manchmal Schwierigkeiten, alle Referenzen und Namen einzuordnen.

Kermanis lyrischer Schreibstil fordert Lesedisziplin

Die Lesbarkeit ist die größte Hürde. Schon bei „Entlang den Gräben“ (C.H. Beck, 2018) hatte ich zwischendurch meine Schwierigkeiten, Kermanis lyrischem Schreibstil zu folgen. Ansonsten kenne ich von ihm nur die Reden-Sammlung „Morgen ist da“ (Beck, 2019), das aufgrund der als gesprochenes Wort konzipierten Texte schon deutlich leichter zu lesen war. Immer wieder habe ich am Ende einer Seite von „Ungläubiges Staunen“ realisiert, dass ich den Inhalt gar nicht wahrgenommen hatte und musste wieder von vorne anfangen. Das mag vielleicht auch an meiner Lesedisziplin gelegen haben. Aber es ist auf Dauer doch recht frustrierend, wenn man sich so konzentrieren muss. Wegen den bereichernden Beobachtungen finde ich das bisschen Durchbeißen aber lohnenswert.

Nachvollziehbar durch autobiografische Anekdoten

Als besondere Stärke von Kermani nehme ich wahr, wie er seine Beobachtungen immer in einen biografisch-anekdotischen Kontext einbettet. Im Kopf geblieben sind mir vor allem die Stellen, an denen Kermani von seinen Reise-Erlebnissen oder Museumsbesuchen berichtet. Dass er sich für diese Form entscheidet, liegt allerdings auch nahe. Natürlich könnte Kermani sich als Person auch völlig außen vor lassen und eine künstliche Distanz einnehmen. Aber das stelle ich mir ehrlich gesagt nicht besonders produktiv oder erhellend vor. Gerade in seiner betont persönlichen Betrachtungsweise werden für mich viele seiner Argumente nachvollziehbar. Zudem macht es das Buch unterhaltsam und sein etwas anstrengendes, akademisch gefärbtes Vokabular etwas durchdringlicher.

Kaufempfehlung?

Zum Abschluss folgt wie immer das entscheidende Urteil: Kaufen oder nicht kaufen? Es ist wie so oft keine uneingeschränkte Kaufempfehlung. Kunsthistorischer Analysen, und seien sie noch so erhellend, sind sicher nicht für jede*n attraktiv. Außerdem schließt die geforderte Konzentration beim Lesen das Buch als Zwischendurch-Lektüre aus. Wer trotzdem neugierig ist, der*m kann ich auf jeden Fall zu dem Buch raten. Zudem kann ich mir gut vorstellen, dass es einen hohen „Re-Read“-Wert hat. Gerade, weil ich beim ersten Lesen sicher einiges aus Versehen überlesen habe, werde ich das Buch vielleicht irgendwann noch einmal lesen.


Beitragsbild: Alike Schwarz/C.H. Beck

2 Gedanken zu “Rezension: Navid Kermani – Ungläubiges Staunen über das Christentum

  1. Ich fand das Buch immer wieder sehr lustig, so, dass ich echt lachen musste. Aber anstrengend auch. Es hat geholfen, dass man es immer wieder weg legen konnte und später wieder einsteigen konnte.
    Ich habe gar kein Peil von Kunsthistorik und hatte trotzdem Spaß – wahrscheinlich habe ich diese Stellen nicht bemerkt an denen man etwas hätte wissen können…
    Wer sich aber weder für Religion, noch Kunst, oder Kultur(Wissenschaft) interessiert, der hat es wahrscheinlich schwer.
    Was mir den autobiografischen Reisedetails sagst, trifft für mich auch total zu. Ich konnte mich dadurch sehr gut in den Betrachter hineinversetzen und fast war es so als stünde man selbst vor dem Bild.
    Jetzt frage ich mich nur noch, was bin ich?
    – ein bildungsbürgerlicher Haushalt
    – intellektuelle Linke
    – zumindest wohl kein eher wertkonservatives Feuilleton ?

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, scheint wohl so, als ob Kermani beim Schreiben nicht die maximale Lesefreundlichkeit priorisiert. Aber es sei ihm gegönnt!
      Die Gruppenzugehörigkeit ist auf jeden Fall flexibel, theoretisch könnten sogar alle drei Kategorien auf eine Person zutreffen. Aber „intellektuelle Linke“ und „wartekonservativer Feuilleton“ wird wohl eher schwierig zu vereinbaren. Wäre auf jeden Fall eine interessante Person, mit der ich gerne mal n Kaffee trinken würde 😀

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