Machen Soziale Medien uns sozialer? Ein Interview mit einem Sozialarbeiter

Soziale Netzwerke verbinden Menschen auf unterschiedliche Weise virtuell miteinander. Im letzten Jahr haben 1 Mrd. Menschen Instagram genutzt, um sich mit Freunden, der Familie oder Unbekannten zu vernetzen, Fotos und Videos auszutauschen oder sich Nachrichten zu schicken. Die Frage, die mich persönlich beschäftigt, ist, ändert sich unser Sozialleben durch Soziale Medien? Vor kurzem habe ich einen Sozialarbeiter aus Berlin getroffen, der ein ambivalentes Verhältnis zu Sozialen Medien hat. Wieso das so ist, hat er mir in einem Interview erklärt.

Welche Rolle spielen Soziale Netzwerke in deinem Job?

Martin: Ich arbeite mit verschiedenen Jugendlichen zusammen, die bei uns in Wohngemeinschaften zusammen wohnen, und die sind auf den unterschiedlichsten Netzwerken unterwegs. Wir haben Jugendliche, die über soziale Medien mit ihren Familien kommunizieren und sich mit Freunden verabreden und austauschen. Dann haben wir aber auch junge Frauen, die teilweise glaube ich auch unter den Sozialen Medien leiden. Ich betreue ein Mädchen, das gerade 18 Jahre geworden ist, und bei ihr kann ich mir vorstellen, dass Soziale Medien sie krank gemacht haben.

Was meinst du damit, wieso wurde sie dadurch krank?

Martin: Das Mädchen leidet unter einer Dysmorphophobie. Sie hat Probleme mit ihrer Selbstwahrnehmung und ihrem Aussehen. Sie hat immer etwas zu bemängeln an ihrem Aussehen und braucht Anerkennung von anderen. Die findet sie in den Sozialen Medien.

Glaubst du, die Krankheit entstand auch durch Social Media?

Martin: Ich persönlich glaube schon, dass das auch davon kommen kann, aber ich bin kein Arzt oder Psychologe, der das feststellen kann. Ich kenne die ärztlichen Vorberichte, die man mir gegeben hat. In ihnen geht es größtenteils um familiäre Konflikte, nicht um Instagram oder so. Die Sozialen Medien hat sie aber selber aufgesucht. Und sie können die Krankheit bestimmt auch ein Stück weit verschlimmern, andererseits können sie dort Anerkennung bekommen und das kann auch hilfreich sein.

Hast du mal mit ihr über Instagram und Co. gesprochen und nutzt sie diese Apps anders als wir vielleicht?

Martin: Ja, sie nutzt Instagram. Sie selber sagt, wenn sie beispielsweise sich die Lippen aufspritzen lässt, oder eine andere Schönheits-OP, dann bekomme sie vielleicht mehr Views oder Klicks. Das ist ihr auf jeden Fall wichtig.

Und was, glaubst du, erhofft sie sich dadurch?

Martin: Sie knüpft Kontakte zu anderen und denkt auch beruflich in diese Richtung, sie will  schauspielern, modeln oder ähnliches.  Sie hat sich da eine Community aufgebaut, die Freunde, die sie dann mal in der Stadt trifft, sind aus ihrer Instagram-Szene, nicht aus ihrem privaten Leben. Trotzdem sind es genauso gut ihre Freunde.

Bekommst du während deiner Arbeit mit, wie die Jugendlichen Soziale Netzwerke benutzen?

Martin: Es ist schon mal vorgekommen, dass das Handy rausgenommen wird und Fotos oder kurze Videos für Instagram gemacht werden, wo man sieht, wie man zusammen durch die Stadt läuft. Dann weise ich die Jugendlichen darauf hin, dass das nicht geht, und wenn man sehen sollte, dass Fotos mit einem hochgeladen werden, dann bittet man sie die rauszunehmen.  Ich merke insgesamt, dass bei ihnen die Handys im Dauereinsatz sind.

Glaubst du, die Jugendlichen versuchen dir in irgendeiner Form näherzukommen, wenn sie Fotos von dir machen oder anderen zeigen, dass sie mit dir unterwegs sind? Weil so etwas kennt man ja eigentlich nur von Freunden.

Martin: Es kommt auf den Jugendlichen an, manche sind echt zurückhaltend und schweigsam. Wenn sie dir dann was auf Instagram zeigen wollen oder ein Bild mit dir machen wollen, dann bist du manchmal auch froh darüber. Dann ist das eher positiv und man baut Vertrauen auf. Bei anderen kann das zu viel werden, wenn sie dir beispielsweise auch körperlich zu nahe kommen, muss man aufpassen, dass das alles noch professionell bleibt. Man muss ihnen zeigen, wofür man da ist, dass man nicht als Freund da ist, sondern als jemand der ihnen bei ihren Problemen und ihrer Entwicklung hilft.

Wofür nutzt ihr in euren Jobs Soziale Medien?

Martin: Wir selber nutzen Telegram, um mit den Jugendlichen Termine abzusprechen, oder Dinge abzuklären.  

Also größtenteils für die Kommunikation, nutzt ihr die Möglichkeiten auch mal, um die Jugendlichen zu kontrollieren?

Martin: Wir sehen die sozialen Medien eher als Hilfe, um die Jugendlichen mal an etwas zu erinnern. Wir kontrollieren nicht jeden Schritt, sie haben sehr viele Freiheiten, auch was die in Sozialen Netzwerken anstellen, ist ihre Sache. Wir versuchen auf anderen Wege sie zu unterstützen. Die meiste Zeit über sprechen wir direkt mit den Jugendlichen. Das ist auch mit meinem Arbeitgeber und mit den Jugendämtern so vereinbart.

Und wie ist das andersherum, bist du für die Jugendlichen über die sozialen Netzwerke erreichbar?

Martin: Ich selber bin über die privaten Netzwerke nicht mit den Jugendlichen verbunden. Für mich gehört das zur Professionalität, dass wir uns nicht über private soziale Netzwerke unterhalten. Aber ich habe ein Diensthandy, auf dem man mich anrufen kann oder mir eine SMS schreiben kann, aber da habe ich kein Whatsapp oder andere sozialen Netzwerke installiert.  Es ist wichtig, dass ich erreichbar bin, aber meine private Nummer gebe ich eigentlich nicht raus.

Anmerkungen:

*Dieses Interview gibt nur die Meinung eines Sozialarbeiters wider. Wie er auch im Interview erklärt, ist er kein Arzt, Psychologe, Soziologe oder ein Medienwissenschaftler. Er hat Soziale Arbeit studiert und arbeitet in einer Einrichtung für Jugendliche.

*Der Name des Sozialarbeiters wurde von der Redaktion geändert.

Beitragsbild: Franziska Venjakob

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