Framing: Über die Kraft der Wörter in der Politik

Gender-Stern, was ist das? Was macht es für einen Unterschied, ob wir Flüchtlingswelle oder Flüchtlingskrise sagen? Ist das nicht alles ein wenig übertrieben? Diese Fragen kenne ich nur zu gut. Während ich bei meiner Arbeit beim Nachrichtenfernsehen oft über einzelne Worte lange nachdenken muss, gibt es viele Menschen, denen die Debatte um die Sprachwahl egal ist. Meinen Kommilitonen und Kommilitoninnen in Köln geht es ähnlich wie mir, sie wissen wahrscheinlich alle direkt, wovon ich spreche. Doch in meiner Heimat bei meiner Familie und Freunden stoße ich oftmals auf schmunzelnde oder ratlose Gesichter. Wieso ist es wichtig, über die Wortwahl nachzudenken? Und wieso sollte man gerade die Sprache in der Politik öfters mal hinterfragen?

Was sind Frames?

Viele Menschen denken, dass politisches Denken rational und objektiv ist. Doch es sind nicht ausschließlich Fakten, die unsere Entscheidungen – ob politisch oder nicht – prägen. Es sind kognitive Deutungsrahmen, in der Kognitionswissenschaft und Psychologie Frames genannt. Sie beeinflussen unser Denken, Handeln und auch unsere politischen Debatten. Oftmals vergessen wir, dass der Mensch nicht erst denkt und dann versucht dieses Denken in Worte zu fassen. Es ist vielmehr so, dass der Mensch schon in Sprache denkt und diese Sprache der Gedanken nutzt Frames. Wenn wir beispielsweise an Sommer denken, aktiviert unser Gehirn Sinnzusammenhänge aus vergangenen Erfahrungen mit der Welt. Wir denken sofort an beispielsweise hohe Temperaturen, Eis essen, ins Freibad gehen, oder Kölsch am Rhein trinken. Zusammengefasst: Wir verarbeiten Worte, indem unser Gehirn Verknüpfungen, die mit diesem Wort verbunden sind, herstellt.

Nicht Fakten, sondern Frames sind die Grundlage unserer alltäglichen sozialen, ökonomischen und politischen Entscheidungen (Wehling: „Politisches Framing“ 2019, S. 45)

Welche Auswirkungen Frames haben können, zeigen Studien der Kognitionsforschung. Spannende Ergebnisse brachte eine Umfrage, bei der Probanden eine Liste von Worten vorgelegt wurde, die entweder (A) Taktgefühl oder (B) Schroffheit implizierten. Daraufhin legte man ihnen Bildern fremder Personen vor und sie sollten deren Sozialverhalten einschätzen. Gruppe A schätzte die Personen viel umgänglicher ein als Gruppe B. Die abgebildeten Personen waren in beiden Fällen dieselben. Es waren also keine äußerlichen Merkmale, sondern der jeweilige Frame, der zuvor über die Wortwahl aktiviert wurde, entscheidend (Srull/Wyer 1979). Zufall? Dann hier noch ein anderes Experiment: Probanden, die vor einer großen Etscheidung standen, eine Operation durchführen zu lassen oder nicht, wurde (A) erklärt, dass das Sterberisiko bei zehn Prozent liegt oder (B) erklärt, dass die Überlebenschance bei 90 Prozent liege. Gruppe B entschied sich überwiegend für eine Operation, während Gruppe A sie mehrfach ablehnte (Wehling, S. 46). Die Probanden haben sich in ihrer Entscheidung somit durch die Wortwahl im Entscheidungsprozess lenken lassen.

Wie nutzt die Politik Frames?

Die Politik ist sich der Macht der Worte bewusst und verwendet das Wissen, indem sie Sprache ideologisch und selektiv gestaltet. Das geschieht, wenn Politiker bestimmte Fakten und Realitäten hervorheben, mit Gefühlen und Erfahrungen verknüpfen und andere Worte unerwähnt lassen. Ein Beispiel? Elisabeth Wehling untersuchte das Wort „Islamophobie“  einmal genauer: Zunächst einmal sind Phobie-Patienten Opfer einer Angststörung, unter der sie leiden. Wenn man beispielsweise an einer Spinnenphobie leidet, zieht man sich in Panik zurück oder meidet die Spinne. Ähnlich wie Klaustrophobiker Fahrstühle meiden. Der Frame zum Wort Islamophobie erweckt so den Gedanken, dass Muslime panische Angst hervorrufen, man sich vor ihnen zurückzieht oder sie meidet. Muslime, die als Auslöser gelten, merken nur, dass sie gemieden werden. Der Mensch, der an einer Phobie leidet, reagiert in Panik, ist also nicht immer voll zurechnungsfähig und bekommt so die Rolle des Opfers zugeschrieben. Damit trägt der Phobiker nicht mehr die volle Verantwortung für sein Handeln. So impliziert es zumindest der Frame. Die Folge: Es entwickelt sich eine Haltung gegen den Islam, gegen Muslime und Musliminnen. Diese Haltung wird legitimiert als „Natur des Auslösers“(Wehling, 2019, S. 158). Dabei werden Aspekte wie Ausgrenzung, Übergriffe und Herabwürdigungen ausgeblendet. Ähnliche Gedanken könnte man an dieser Stelle zum Begriff Homophobie äußern. Der Frame spiegelt nicht die realen anti-islamischen oder anti-homosexuellen Ideologien oder gesellschaftlichen Auswirkungen ab – vielmehr ist er gefährlich. Denn islamfeindliches Denken ist eine persönliche Haltung und keine Angststörung.  

Ähnlich ist es bei dem Begriff Flüchtlingswelle. Eine Welle ist eine Naturgewalt und kann theoretisch ganze Städte wegzuspülen. Menschen bauen Wellenbrecher, Staudämme und Befestigungen, um die Bevölkerung zu schützen. Damit löst das Wort in Verbindung mit Flüchtlingen Gedanken an fremde Massen aus, die eine Gefahr für unsere Zivilisation sind. Wer das aufhalten will, suggeriert das Wort, muss Mauern bauen und Tore schließen. Wertfreier könnte man stattdessen das Wort Fluchtbewegung nutzen. Damit ist ausgedrückt, dass Menschen nicht einfach plötzlich da sind, sondern in einer aktiven Bewegung ins Land kommen. Dabei wird keine negative Konnotation ausgelöst.

Welche Gefahr besteht?

Das Problem bei politischen Frames ist, dass sie durch die ständige Wiederholung der Politiker und der Medien sich in den Köpfen unreflektiert festsetzen. Durch das Internet sendet die Schrift und Bildsprache sekündlich emotional starke und beeindruckende Szenen. Es entsteht ein Effekt, der sich Salient Exemplar Effect nennt. Durch die Wiederholung von starken Worten, Sätzen und Bildern nehmen wir die dargestellte Realität nicht mehr als vereinzelte Geschichten, sondern als etwas Typisches wahr. Viele Frames finden täglich ihren Weg in unsere Gedanken. Daher ist es umso wichtiger, dass wir uns bewusst für Begriffe entscheiden, die die eigene moralische und politische Perspektive widerspiegeln. Denn Sprache beeinflusst unser Denken und unser Handeln und ist schließlich damit auch die Grundlage unser politischen und sozialen Gestaltung unseres Lebens.

Beitragsbild: Franziska Venjakob

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