Alman-Klischees

„Was für ein Alman!“ Für Millenials und die Gen-Z ist „Alman“ schon längst ein gängiger Begriff, um sich über stereotypische Deutsche lustig zu machen. Eigentlich ist „Alman“ einfach das türkische Wort für „Deutsch“ und wurde auch zu Beginn besonders von der türkischen und migrantischen Community benutzt, um sich über die Mitmenschen aufzuregen, die sich typisch deutsch verhalten. Mit der jüngsten Welle popkultureller Aneignung von Milieu-Sprache hat sich der „Alman“ dann auch in die Welt von Jungs und Mädels ohne Migrationshintergrund eingeschlichen und geistert nun dort durch die Alltagssprache. Egal für wen, das Wort bietet sich in vielen Lebenslagen als praktische Diffamierung an: „Boah, meine Eltern waren gestern mal wieder solche Almans!“

Das Phänomen hat sich natürlich auch auf Social Media blitzartig verbreitet. Egal ob der Instagram-Account deutschedings, der Memes zu internationalen Phänomenen in deutscher Ausführung postet, oder der YouTuber Phil Laude, der den Alman in Videos gerne in seiner natürlichen Umgebung präsentiert, man findet viele Kanäle, um über typische Alman-Klischees zu lachen. Das sicherlich bekannteste Beispiel ist der Instagram-Account alman_memes2.0 nimmt das spießige und teilweise natürlich auch liebenswerte Verhalten von „Almans“ aufs Korn und entlarvt so einige typisch-deutsche Verhaltensweisen. Und egal, wie ironisch man sich gegenüber dem deutschen Spießbürgertum zu positionieren versucht, bei irgendeinem Meme wird man sich sicher ertappt fühlen.

Auch wir verwenden das Wort „Alman“ gerne in den verschiedensten Lebenslagen. Doch welche deutschen Eigenschaften und Dinge finden wir ganz unironisch gut? Und über was regen wir uns gerne und ganz unironisch auf? Ein Gemeinschaftsbeitrag von Sonja, Theresa, Alike und Jenni.

Sonja: Brot kann schimmeln, was kannst du?

Deutsche essen Abends nur Brot und tun gerne kund, dass außerhalb Deutschlands keiner Brot backen kann…
Brot is everywhere in Deutschland. An jeder Ecke gibt es eine Bäckerei mit etlichen Brotsorten und weil die so lecker schmecken, können wir Abends auch „nur“ Brot vespern. „Dies Stückchen Schwarzbrot führt mich heut nach Haus.“ Im 19. Jahrhundert bedichtet Maurice Reinhold von Stern das Schwarzbrot. Die Sehnsucht nach selbigem lässt den Reisenden in die Heimat zurückkehren. Verständlich. Das labbrige Toastbrot kann eben mit dem guten Vollkorn nicht mithalten. Bei Marteria wird beim Stromausfall sogar Döner im Schwarzbrot serviert. In Deutschland ist Brot Kulturgut – nicht Sättigungsbeilage. Bei den Christen steht es als Symbol für den Leib Christi, im Herbst gibt’s schön verzierte Erntedankbrote, zum Umzug in ein neues Heim bringt man Brot und Salz, Brot ist Bestandteil von Redensarten und Sprichwörtern, sprechendes Brot hat‘s hier sogar zur eigenen Fernsehserie gebracht (zugegeben ein Weißbrot). In Deutschland gibt’s eine Bäckernationalmannschaft (wirklich wahr). Das sagt doch schon alles. 3200 registrierte Brotsorten #paradise! Die gute geografische Lage, unterschiedliche Bodenbedingungen und somit eine Vielzahl an verschiedenen Getreidesorten ermöglichen dies. Wir haben das beste Brot; darauf sind wir stolz und das vermissen wir wenn wir uns ins Ausland begeben. Der Tipp fürs Wochenende lautet also: Europäisches Brotmuseum bei Göppingen! Dagegen kann das Würchwitzer Käsemilbenmonument echt einpacken!

Theresa: Auf gute Nachbarschaft

Kennt ihr Notes of Berlin? Meistens passiv-aggressive Nachrichten, die von Berlinern an Türen/Briefkästen/Bäume/Laternen/Ampeln gehängt werden, worauf sich die größtenteils anonymen Schreiber über wahlweise zu laute Nachbarn/Passanten/Bargäste oder unbeaufsichtigt abgestellte Fahrräder/Kinderwägen/Müllsäcke beschweren. Beendet wird dieser dann meistens mit einem freundlich-aggressiven Appell an den Verursacher der unglaublichen Dreistigkeit, oben zuvor Besagtes rückgängig zu machen oder künftig zu unterlassen. Geile Sache. Finden mindestens 233.000 Leute. Und verwunderlich ist es nicht, denn einerseits wird einem (zumindest in meiner WG) auch schon von den Nachbarn indirekt durch den Vermieter herangetragen, dass man, es a) unterlassen sollte, sonntags Rasen zu mähen, oder b) (zu einem späteren Zeitpunkt) doch mal auch wieder Rasen mähen sollte. Andererseits hat man sich ja auch schon mit schadenfreudiger Genugtuung über nicht richtig abgestellte Autos gefreut, die garantiert die Wut anderer Nachbarn auf sich ziehen würden. Ich steh dazu, ich bin da genauso Alman, wie alle anderen Almans auch.

Alike: Heilig’s Blechle

Es gibt eine Alman-Sache, die mir immer ein Rätsel bleiben wird: Der manische Kult um das Automobil. Natürlich ist nicht jeder Deutsche ein Tuning-Experte oder Formel-1-Fanatiker. Aber ich finde es schon bezeichnend, dass es in der deutschen Politik nach wie vor großen Widerstand gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn gibt. Wir sind das einzige Land in Europa, dass sich so eine anachronistische Regellosigkeit erlaubt.

Vor allem seit dem Abgasskandal der deutschen Autoindustrie und verheerenden Folgen des Klimawandels wirkt der Autokult zunehmend trotzig und kindisch. Auto-Liebhaber wie Ulf Poschardt (Chefredakteur der Welt-Gruppe) illustrieren das ganz gut. Bei einer Debatte über Stickoxid-Grenzwerte riecht dieser „Alarmismus“ und beschwört mystische Formulierungen wie das Auto als „Double der Identität“ (hier, bei 01:04:30) herauf. Das kommt mir ziemlich lächerlich vor. Aber die Poschardts in Deutschland sind zahlreich, und sie sind hartnäckig in ihrem Beharren auf dem Kult um das Auto. Die Blechbüchse ist nach wie vor für viele Deutsche nicht nur schnödes Fortbewegungsmittel, sondern steht für ein abstraktes Freiheitsgefühl. Die Deutschen, die sich durch Stickoxid-Grenzwerte und Geschwindigkeitsbegrenzungen in ihrem Freiheitsrecht eingeschränkt sehen, kommen mir ähnlich irrational vor wie die Amerikaner, die sich durch ein strengeres Waffengesetz in die Ecke gedrängt fühlen. Noch bin ich aber optimistisch, dass irgendwann die Vernunft siegen wird und das Auto von einem weniger umweltschädlichen Kultgegenstand abgelöst wird.

Jenni: Nimm mir alles, aber nicht mein Schnitzel!

Gleich zu Beginn: Ich bin keine Vegetarierin und habe auch nicht vor, eine zu werden. Ich versuche, meinen Fleischkonsum zu reduzieren und bewusster Fleisch zu essen. Um den Sinn und Unsinn von Fleischkonsum soll es hier auch gar nicht gehen. Viel mehr macht es mich immer wieder wütend, wie militant Almans in ihrem Fleischkonsum sein können. Während immer wieder über die Vegetarier und Veganer gelästert wird, die ihr Essverhalten jedem unter die Nase reiben, erlebe ich es, vor allem bei Boomern meist umgekehrt: Fleisch-Esser*innen sind meiner Erfahrung nach diejenigen, die Vegetarier*innen belehren, warum ihre Lebensweise schlechter oder ungesünder ist, als die eigene, und das, obwohl sie sich sehr oft nicht einmal halb so viel mit dem Thema auseinandergesetzt haben, wie besagte*r Vegetarier*in. Warum das so oft so ist, wird mir wahrscheinlich immer ein Rätsel bleiben: Unverständnis? Unterschwellige eigene Schuldgefühle? Oder einfach Arroganz?

Und nicht nur auf persönlicher Ebene, die zugegeben hier stark meine subjektive Wahrnehmung wiederspiegelt, findet sich diese Alman-Mentalität. Der Vorschlag der Grünen, einen wöchentlichen Veggie-Day in deutschen Kantinen einzuführen, wurde von der Öffentlichkeit vehement zurückgewiesen. Leute fühlten sich, ähnlich wie beim Dieselfahrverbot, beim puren Gedanken daran in ihrer Freiheit eingeschränkt. Und die Diskussion darüber, ob man ein veganes Schnitzel jetzt Schnitzel nennen darf, klingt in meinen Augen nach wie vor wie ein schlechter Scherz. Leben und leben lassen – und dabei ein bisschen unsere Umwelt im Blick haben, Leute!

Wie seht ihr das? Gibt es Alman-Klischees, die ihr ganz furchtbar findet? Oder welche, mit denen ihr euch sogar identifizieren könnt? Verratet es uns in den Kommentaren!

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