Fans wissen, dass in Musicals Lachen und Weinen oft nah beieinanderliegt. Das Musical „Dear Evan Hansen“ perfektioniert den Spagat zwischen diesen beiden scheinbar widersprüchlichen Emotionen. Mit Humor und Ernsthaftigkeit stellt es die psychische Gesundheit von Jugendlichen ins Scheinwerferlicht. Seit dem 10. April führt das Junge Theater Bonn das Stück in deutscher Übersetzung auf. Zoltán Selo spielt die Hauptrolle „Evan Hansen“ und erklärt im Gespräch, warum diese Themen auf die Bühne gehören.
„Lieber Evan Hansen, das wird heute ein großartiger Tag und ich sage dir auch, warum“ sagt Zoltán Selo auf der Bühne des Jungen Theaters Bonn in der Rolle des Evan Hansen. Evan schreibt einen Brief an sich selbst. Das ist eine Übung aus seiner Therapie, die ihm helfen soll, mit seiner Angststörung umzugehen. Den Satz zu beenden fällt ihm schwer. Diese Unsicherheit stellt Selo mit leichtem Stottern und dem ständigen Zubbeln an seinem T-Shirt dar.
Die Erarbeitung der Rolle sei sehr intensiv gewesen, erzählt er. Drei bis vier Monate hätten sie jeden Tag geprobt. Zunächst hätten sie erst mal mit Regisseur Bernard Niemeyer über die Rollen und Themen gesprochen. Selo konnte sich gut in die Rolle reinfinden. „Jeder ist schon mal der Außenseiter gewesen“, erklärt er. Auch er habe manchmal soziale Ängste. Die Bühne helfe ihm jedoch, damit umzugehen. Das Theater biete ihm Schutz. „In einer Rolle bin ich viel selbstbewusster als ich jemals sein könnte“, erklärt er.

Das Tony-Award-prämierte Musical thematisiert verschiedene Aspekte psychischer Gesundheit, vor allem auch den Umgang mit Suizid. Das sei weiterhin ein Tabuthema, sagt Selo. Durch das Theater werde es jedoch zugänglicher. Aus Reaktionen zum Stück erzählt er, dass ältere Generationen denken, die Schule im Stück sei ein Einzelfall. Doch Selo betont: „Das ist normal.“
Dass das keine Einzelfälle sind, zeigen aktuelle Zahlen. Das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung zeigt, dass ein Viertel der Schüler:innen sich im Jahr 2025 psychisch belastet fühlte. Fast 20 Prozent geben an, dass sie sich in der Schule nicht wohlfühlen.
„Alle Figuren wollen gesehen und gehört werden und trauen sich nicht raus“, erklärt Selo. Unsicherheit sei unter den Jugendlichen eine große Gemeinsamkeit. Dass sie damit nicht allein sind, wird im Musical mit dem großen Ensemblestück „Du wirst gehört“ verdeutlicht. Mit der Wiederholung der Phrase „Du bist nicht allein“ baut sich das Lied kraftvoll auf. „Man spürt die Gemeinschaft total“, sagt Selo über den Moment auf der Bühne, wenn er mit dem Ensemble das Stück singt. „Ich muss jedes Mal strahlen.“
„Du wirst gehört“ ist auch ein Leitmotiv der Inszenierung. Die Songzeile findet sich auch auf Flyern in Lesezeichenformat im Foyer des Theaters. Auf der Rückseite stehen Kontaktinformationen zu Hilfsangeboten. Außerdem wurde Begleitmaterial für Schulklassen entwickelt. Es ist zudem möglich, ein anschließendes Gespräch mit Theaterpädagog:innen und Schauspieler:innen kostenlos zu buchen. Wie im Stück sollen die Zuschauenden und vor allem Jugendlichen nicht mit ihren Gedanken und diesen schweren Themen allein gelassen werden.
Das Buch zum Musical wurde von Steven Levenson geschrieben und integriert die Handynutzung der Jugendlichen. Die Bühne ist dunkel, die Gesichter der Figuren werden nur von den Displays ihrer Smartphones beleuchtet. Sie laufen aneinander vorbei, ohne sich gegenseitig wahrzunehmen. In der Mitte steht Evan – allein.
Es zeigt, wie nah Verbindung und Isolation heute beieinanderliegen. Einerseits kritisiert das Stück die ständige digitale Präsenz. Sie kann dazu führen, dass Menschen sich trotz permanenter Erreichbarkeit einsam fühlen. Andererseits zeigt es jedoch auch, wie Jugendliche über genau diese Kanäle miteinander in Kontakt treten.
Für Hauptdarsteller Selo war das Stück eine Herausforderung. Die starken Popsongs, geschrieben von Benji Pasek und Justin Paul, sind schwer zu singen. Gemeinsam mit der musikalischen Leitung Ekaterina Klewitz haben sich die Sänger:innen die Lieder erarbeitet. Diese wurden von Nina Schneider ins Deutsche übersetzt.
Die Hauptrolle zu spielen mache deswegen nicht nur Spaß, sondern erzeuge auch Druck, erklärt Selo. Durch Evan habe er aber gelernt, damit umzugehen. „Ich kann nur ich selbst sein und das Beste draus machen.“ Mit diesem Gedanken endet auch Evans Reise: „Das wird heute ein großartiger Tag, denn du bist du, und das ist genug.“
Mehr Informationen zum Stück und zur Inszenierung gibt es auf der Website des Jungen Theaters Bonn.
Bild: Matthias Jung, Junges Theater Bonn.
