Eine Obsession mit Tapete, gruselige Zeremonien, in denen Hasen sterben, ein Jahr lang schlafen – willkommen in der Welt der Weird Girl Fiction. Dieser Begriff hat besonders auf Instagram und Tik Tok an Popularität gewonnen und auch ich bin dieser Trope vollkommen verfallen. Doch was genau hat es damit auf sich?
Weird Girl Fiction beschreibt eine Trope oder ein Sub-Genre in der Literatur. Die Romane aus diesem Bereich drehen sich um außergewöhnliche weibliche Hauptfiguren, die auf sich eine seltsame, meistens radikale und oft auch moralisch grenzwertige Art gesellschaftlichen Normen entziehen. Diese Romane zentrieren die weibliche Perspektive und sind oft sehr bizarr, teilweise auch surreal geschrieben. Sie behandeln häufig Tabuthemen wie Zorn, Missbrauch und weibliches Begehren.
Weird Girl Fiction lässt sich als eine Gegenbewegung zu einer Gesellschaft lesen, in der Frauen gezwungen sind, sich in strenge soziale Normen zu fügen und nicht zu sehr aufzufallen. Wir werden regelmäßig Opfer körperlicher, sexualisierter und psychischer Gewalt. An unsere Körper werden teilweise absurde Maßstäbe gesetzt und dank #skinnytok fühlt es sich an, als wären die Bemühungen der Body Positivity Bewegung dahin. Unsere Wut und unser Ärger wurden vor allem in der Vergangenheit, aber auch heute noch, als Hysterie abgetan. Zu unseren Lebensentscheidungen hat die ganze Welt eine Meinung: Mitte 30 und Single? Crazy Cat Lady. Mitte 30 und in einer heterosexuellen Partnerschaft lebend? Wann kommt endlich das Baby? Working Mom? Rabenmutter! Und genau deshalb finde ich Weird Girl Fiction so erfrischend. Die Protagonistinnen sind weit entfernt davon, nahbar zu sein und bieten kein großes Identifikationspotenzial. Aber sie sind ein weiblicher Gegenentwurf in einer patriarchalen Welt, in der hohe Maßstäbe an Weiblichkeit gesetzt werden. Im ersten Moment wirken ihre Handlungen drastisch und irritierend. Aber ist es nicht viel irritierender in einem kaputten System Tag für Tag so zu tun, als wäre das alles ganz normal? Ich für meinen Teil beneide die Weird Girls sogar manchmal. Denn sie suchen sich Auswege aus einer Welt, die keine Abweichung der Norm zulässt. Sie sind mutig.
Jetzt möchte ich euch natürlich ein paar meiner liebsten Weird Girl Romane mit euch teilen. Ich freue mich, wenn ihr eure Empfehlungen ebenfalls in die Kommentare schreibt!
The OG Weird Girl: „Die gelbe Tapete“ von Charlotte Perkins Gilman

Bestimmt ist die Protagonistin aus der Kurzgeschichte von 1892 nicht das erste Weird Girl der Literatur. Aber die Geschichte zeigt, dass sich die Frauen damals schon damit herumschlagen mussten, als hysterisch, irrational und zu emotional abgestempelt zu werden. Die Protagonistin aus „Die gelbe Tapete“ – ein feministischer Klassiker der US-Amerikanischen Literatur – wird über den Sommer von ihrem Mann in eine alte Villa geschickt, um sich von ihrer Depression und Hysterie zu erholen.
Dort hat sie nichts zu tun, denn ihr wird verboten zu lesen oder zu schreiben. Deshalb beobachtet sie tagein tagaus die Tapete an der Wand ihres Zimmers. Der*die Leser*in begleitet die Protagonistin dabei, wie sie darüber in einen immer größeren Wahn verfällt. Ganz ehrlich, wer würde da nicht verrückt werden? Die Geschichte war meine erste Begegnung mit dem Weird Girl Trope und veranschaulicht, was den Frauen mit solchen Diagnosen zu dieser Zeit angetan wurde.
The Queen of Weird Girls: “Die Ladenhüterin” von Sayaka Murata

Sayaka Murata ist meine ganz persönliche Königin der Weird Girl Fiction. Alle ihre Bücher drehen sich in irgendeiner Form um Frauen, die sich nicht in das Korsett zwängen lassen wollen, welches die Gesellschaft ihnen aufzwingt. „Die Ladenhüterin“ erzählt die Geschichte der Außenseiterin Keiko. Schon als junge Erwachsene findet sie ihre Bestimmung in ihrem Job als Angestellte eines 24-Stunden-Supermarkts und hat kein Interesse an einer romantischen Beziehung oder Kindern. Das entspricht jedoch nicht den Erwartungen, die ihre Mitmenschen an sie stellen.
Deshalb versucht Keiko, sich Möglichkeiten zu suchen, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben. Durch Keikos Augen zeigt Murata ihren Leser*innen, wie absurd die Anforderungen der Gesellschaft teilweise doch sind.
Weird Girls in a Cult: “Bunny” von Mona Awad

Fünf Weird Girls werden zu einem Weird Girl Kult – darum geht es in Mona Awads Roman „Bunny“. Sie laufen immer nur als Gruppe herum, verhalten und stylen sich wie kleine Mädchen und nennen sich Bunnys. Doch hinter der mädchenhaften, niedlichen Fassade verstecken sich toxische Dynamiken und seltsame, blutige Praktiken, über die ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten möchte. Der Roman ist unterhaltsam, überraschend und ein interessanter Kommentar zum Thema Frauenfreundschaften und Machtdynamiken.
The Exhausted Weird Girl: „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ von Ottessa Moshfegh

Die Erzählerin des Romans „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ möchte ein Jahr lang schlafen, um der Wirklichkeit zu entkommen und sich danach wie ein neuer Mensch zu fühlen. Deshalb lässt sie sich von einer dubiosen Psychaterin mit lauter Beruhigungsmitteln eindecken. Ein Buch über eine Frau, die ein Jahr schlafen will? Klingt vielleicht langweilig, ich fand es jedoch wahnsinnig unterhaltsam, komisch und auf eine seltsame Art relatable. Die Protagonistin scheint auf den ersten Blick alles zu haben:
Sie ist reich, jung, schön und wohnt in einem angesagten Viertel von New York. Ihr Leiden scheint pathetisch, irgendwie unnötig. Und trotzdem ist sie unglücklich und sieht die einzige Lösung darin, den Pause-Knopf zu drücken. Ich konnte das alles auf eine seltsame Art mitfühlen. Ich habe den Roman während einer sehr schlechten Phase in meinem Leben gelesen und wollte auch einfach nur schlafen. Daher kam vielleicht auch der Drang, mein inneres Weird Girl zu kanalisieren.
The Obsessed Weird Girl: “Gym” von Verena Kessler

Alle Menschen, die Kraftsport machen, kennen das Gefühl der angenehmen Erschöpfung nach dem Training, die Befriedigung, die man verspürt, wenn man Gewichte erhöht, dieses Gefühl, immer stärker zu werden und das auch im Spiegel zu sehen. All das treibt die Protagonistin aus Verena Kesslers Roman „Gym“ ad absurdum. Die junge Frau bewirbt sich als Tresenkraft im Fitnessstudio. Ein Job ganz ohne Leistungsdruck – denkt sie. Als der Leiter des Studios sie beim Bewerbungsgespräch darauf hinweist, dass sie den Fitness-Vibe nicht wirklich verkörpere, lügt sie
und behauptet, sie habe gerade erst ein Kind bekommen. Er stellt sie ein. Daraufhin dürfen wir Leser*innen verfolgen, wie sie sich immer weiter in eine Fitness-Obsession reinsteigert und moralische Grenzen überschreitet. Ein Wilder Ritt, der teilweise wirklich eklig, aber sehr unterhaltsam und empfehlenswert ist.
The Refusing Weird Girl: “Die Vegetarierin” von Han Kang

Während viele der vorangegangenen Romane eine humorvolle, satirische Komponente haben und die Weird Girls mit einem Augenzwinkern betrachten, ist das in „Die Vegetarierin“ nicht der Fall. Han Kangs Roman ist die schockierende, erdrückende Geschichte über eine Frau, die sich den gesellschaftlichen Normen zu entziehen versucht, indem sie sich weigert, tierische Produkte zu essen. Was erstmal harmlos klingt, löst im sozialen Umfeld von Yong-Hye Unverständnis aus. Die Männer in ihrer Familie – ihr Mann, ihr Schwager und ihr Vater – verhalten sich zunehmend aggressiv und missbräuchlich ihr gegenüber.
Yong-Hyes Verweigerung von Fleischkonsum schlägt um in eine vollständige Verweigerung ihrer eigenen Körperlichkeit und somit ihres eigenen Lebens, was ein Protest gegen die Gewalt darstellt, die ihr angetan wird.
Weird Girls sind mutig genug, sozialen Normen zu trotzen und verhalten sich weird in einer weirden Welt. Welche sind eure liebsten Weird Girl Fiction Romane? Schreibt es in die Kommentare!
