F***ing Male Gaze

Der Begriff „Male Gaze“ ist mittlerweile breit gestreut. Ursprünglich stammt der „männliche Blick“ aus der feministischen Filmtheorie. Obwohl er bereits in den 1970er Jahren definiert wurde, wird heute mehr über ihn gesprochen als damals. Hat sich die Medienlandschaft demnach gar nicht weiterentwickelt? Ich habe mir da mal ein paar Gedanken zu gemacht.

Man mag es kaum glauben, aber es ist wahr: Ich habe in diesem Jahr zum ersten Mal „Sex and the City“ geschaut. Ich fand die Serie super, weil sie Frauen Ende 20 bis Anfang 30 thematisiert. Für diese Zielgruppe wird aktuell mehr produziert als noch vor wenigen Jahren. Das finde ich toll. Denn immer weniger Menschen haben mit Anfang 30 schon Haus, Kind und eine unbefristete Festanstellung, sodass sie nach den klassischen Coming-of-Age-Serien direkt mit Familienserien weiter machen.

Frauen als Zielpublikum

„Sex and the City“ ist eine Serie, die offensichtlich für Frauen gemacht ist. Die Serie behandelt Themen, die Frauen beschäftigen, und die meisten Zuschauenden der Serie sind Frauen. Das war damals in 1990ern leider schon fast revolutionär.

Den Zuschauenden wird vermittelt, dass Carrie, Miranda, Samantha und Charlotte noch nicht ganz angekommen sind. Sie befinden sich noch auf der Suche. Doch nach was? Genau, da kommen wir zum Problem der Serie. Was den Charakteren nämlich eigentlich nur fehlt, ist der perfekte Mann. Alles andere scheint bei den Freundinnen zu laufen. Sie haben gute Jobs, schöne Wohnungen, Miranda kann sich sogar eine kaufen. Auch das Sozialleben der Freundinnen läuft gut. Trotzdem wird ihr Leben dargestellt, als wäre es noch nicht rund. Einfach nur, weil sie nicht verheiratet sind und keine Kinder haben.

Außerdem ist es krass, wie sexualisiert die Frauen dargestellt werden. Vor allem Carrie ist für mich „The Male Gaze“ in Person. Sie ist immer topgestylt und zeigt ihre langen dünnen Beine, natürlich in High Heels. Den Mund hat sie immer halb geöffnet. So sexy! Wenn er geschlossen ist, hat sie etwas im Gesicht. Gott sei Dank steht stets ein Mann bereit, der den Dreck wegwischen kann. Über ihre Körperpositionen beim Schreiben brauchen wir gar nicht zu sprechen. Auch lässt sie ihre Freundinnen für jeden dahergelaufenen Typen stehen.

@pamgarciag

Tqm carrie que trabajaba en las posiciones mas incomodas 🚬 👩🏼‍💻 #carriebradshaw #satc #humor #comedia #nostalgia #millennial #girlboss

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Doch was ist der Male Gaze eigentlich?

Laura Mulvey hat 1975 in „Visual Pleasure and narrative cinema“ den Male Gaze benannt. In dem Text erklärt sie unter anderem, dass die Zielgruppe bei Kinofilmen immer Männer seien. Deswegen bekommen alle Zuschauenden den männlichen Blick aufgezwungen. Sie unterscheidet Charaktere in zwei Gruppen, die „to be looked at“ und „the barer of the look“. Die, die angeschaut werden, und die, die schauen. Frauen werden angeschaut und Männer schauen Frauen an. Trotzdem wollen sich auch Zuschauerinnen mit der aktiven Rolle des Mannes identifizieren und folgen dem männlichen Protagonisten.

Diese Interpretation ist nach 50 Jahren nicht mehr die Aktuellste. An Mulveys Theorie wird zum Beispiel kritisiert, dass ihre Analyse Freuds Theorien zur Grundlage haben. Seine Werke sind schon lange überholt. Denn ja, es ist schon ein wenig ironisch, dass sich feministische Filmtheorie auf einen sehr sexistischen Dude stützt.

Trotzdem hat sich der Male Gaze in der feministischen Kritik gehalten. Auch bei „Sex and the City“ merkt man das, wie zuvor erklärt, deutlich. Carrie ist zwar aktiv in ihrem Handeln, lässt sich dabei aber oft von Männern lenken. Außerdem kann man ein gewisses „to be looked at-ness“ nicht verleugnen.

Das finde ich schade, weil viele wichtige Themen angesprochen werden, die damals noch ein Tabu waren. Trotzdem bestehen die meisten Folgen vermutlich nicht mal den Bechdel-Test. Fucking Male Gaze. Er muss auch immer alles zerstören. Es nervt! Die Serie beruht zwar auf den Kolumnen von Candace Bushnell, Creator der Serie war jedoch Darren Starr. Er schrieb auch das Drehbuch zur ersten Folge.

Mann = Male Gaze?

Ich frage mich: Ist es für Männer überhaupt möglich, Frauen zu porträtieren ohne diesen ätzenden Male Gaze?

Let me tell you a story. Als ich Teenie war, habe ich einen Film gesehen, and I fell in love. Diesen Film habe ich gefühlt. Schließlich wurde er zu einem meiner Comfort-Filme. Obwohl ich damals noch nicht über den Male Gaze oder ähnliches nachgedacht habe, dachte ich immer, dass eine Frau Regie geführt hat. Ich weiß nicht, wie das passiert ist. Denn eigentlich schaue ich mir den Abspann immer an.

Im vergangenen Jahr habe ich dann herausgefunden, dass ein Mann Regie geführt hat. Bitte was? Joe Wright hat die Geschichte von „Stolz und Vorurteil“ 2005 einfühlsam dargestellt. Der Film feiert dieses Jahr 20. Jubiläum. Auch Jane Austen herself wäre dieses Jahr 250 Jahre alt geworden. Eine Pionierin des „Female Gaze“ sozusagen. Denn sie hat die Lebenswirklichkeiten von Frauen (in einer sehr bestimmten Gesellschaftsschicht) auf eine clevere Weise beschrieben. Darum geht es im „Female Gaze“: Frauen als handelnde Persönlichkeiten mit ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen darzustellen und das aus einer weiblichen Perspektive.

Nicht nur die Verfasserin der Filmvorlage war eine Frau, sondern auch die Drehbuchautorin. Das merkt man deutlich an den Inhalten des Films. Trotzdem muss man auch Joe Wright Anerkennung schenken. Denn er gibt den „Female Gaze“ auch bildlich gut wieder. Zum Beispiel indem die Frauen im Film nicht sexualisiert werden. Die Darstellerinnen sind übertrieben hübsch, ok. Dennoch ist es super angenehm, nicht ständig auf ihre Hintern und Brüste schauen zu müssen. Dabei wäre das bei den Kostümen leicht möglich gewesen.

Wenn ihr in Filmen oft auf diese Körperteile schaut, liegt es an der Regie. Denn die Kamera führt den Blick der Zuschauenden. Außerdem werden die Körper der Frauen nicht durch Nahaufnahmen „zerstückelt“. Mit der Zerstückelung des weiblichen Körpers werden Frauen laut Mulvey objektifiziert.

Der Blick im Film fällt auf Hände und vor allem fängt er Blicke ein. Bei „Stolz und Vorurteil“ geht es außerdem darum, was die Charaktere sagen. Es geht um ihr Verhalten und ihre Tugend. Der Film repräsentiert gut, was Jane Austen in ihren Büchern schreibt.

Der Female Gaze

Ist der Female Gaze demnach das Gegenteil von Male Gaze? Nein, das ist er nicht. Denn Männer werden beispielsweise nicht objektifiziert. Sie werden im Female Gaze nicht auf ihren Körper reduziert. Wenn Mr. Darcy beispielsweise im Nebel über die Felder läuft, ist er nicht nur die Belohnung für die Heldin, sondern hat seinen ganz eigenen Weg beschritten.

Dennoch ist auch die weibliche Lust, wie ich finde, im Female Gaze wichtig. Das war auch in der Filmgeschichte ein wichtiger Schritt, dass Frauen einen, ich sage mal, sexuellen Blick haben und nicht nur Männer.

Ob Male Gaze oder Female Gaze, der Blick ist nicht zwangsläufig abhängig vom Geschlecht des Kreierenden. Viele Frauen haben den Male Gaze ebenfalls internalisiert. Sie sind schließlich auch damit aufgewachsen. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und die Denkstrukturen zu reflektieren.

Das gelingt nur Frauen meistens besser. Was eventuell daran liegt, dass sie sehen, wie es im wahren Leben außerhalbe des Films aka im Patriarchat wirklich ist. Dennoch stecken wir mit den Begriffen in einem binären System (männlich und weiblich) fest. Natürlich ist es wichtig, die Lebensrealitäten von Frauen zu verdeutlichen. Zu zeigen, wie sie die Welt sehen und wie sie sich fühlen. Aber gibt es auch einen Neutral Gaze?

Aber gibt es auch einen Neutral Gaze?

Nach „Sex and the City“ habe ich „Girls“ geschaut. Die Serie von Lena Dunham lehnt an Serien wie „Sex and the City“ oder „Gossip Girl“ an. Es geht um vier Freundinnen, die in New York City leben. Der Plot ist ähnlich, doch die unterschiedliche Darstellung ist auffällig. Sogar die Stadt wirkt ganz anders.

Für mich wird bei „Girls“ deutlich, dass das Gegenteil vom Male Gaze gar nicht unbedingt der Female Gaze ist. Die Serie wurde von Lena Dunham kreiert, produziert und geschrieben. Außerdem spielt sie die Hauptrolle und hat in manchen Folgen die Regie geführt.

Trotzdem finde ich, dass der Blick sehr individuell ist. Generell ist es sehr schwierig, den Female Gaze zu analysieren, weil man dadurch generalisiert. Beispielsweise ist die Protagonistin Hannah sehr confident in ihrem Körper. Ihr Körper entspricht nicht der westlichen Vorstellung, wie ein Körper auszusehen hat. Trotzdem sieht man Hannah ständig nackt, obwohl die meisten Frauen ihren Körper eher versuchen zu verstecken und sich klein zu machen.

Das ist vermutlich der Grund, warum Dunham ihren Körper oft auch in schlechtesten Posen filmt, um diesen zu normalisieren. Die Protagonistin Hannah wird nicht nur in ihrem Aussehen schlechter dargestellt als sie ist. Auch ihr Charakter trifft viele fragwürdige Entscheidungen. Dunham will provozieren und zeigt einen individuellen Blickwinkel, mit dem sich viele Frauen vermutlich nicht identifizieren können oder wollen. Außerdem folgen wir in der Serie auch den Lebensrealitäten der Männer. So folgen wir auch dem Blick von Adam und Andrew.

Durch wenige Schnitte und unaufgeregte Kamerabewegungen wird man nicht komplett in die Geschichte reingezogen. Man schaut als Beobachter:in auf Distanz zu. Deswegen hatte ich eventuell ab und zu den Eindruck, dass die Serie einen neutraleren Blick hat.

Es kann jedoch auch zeigen, dass es nicht nur den einen Female Gaze gibt. Sondern Frauen logischerweise ganz verschiedene Blickwinkel haben. Vielleicht ist ein „Neutral Gaze“ auch gar nicht möglich, weil wir alle geprägt sind in dem was wir tun durch unseren Lebenslauf. Dennoch kann es einen individual Gaze geben, der nicht unbedingt vom Geschlecht abhängig ist.

Was bei den Beispielen natürlich auch auffällt, ist, wie weiß die Charaktere und somit auch ihre Lebensrealitäten sind. Der filmische Blick wird natürlich auch von anderen Eigenschaften gelenkt als dem Geschlecht. So schaffen es Daniel Kwan und Daniel Scheinert in „Everything Everywhere All at Once“, die Lebensrealität eines chinesischen Mutter-Tochter Duos darzustellen und den weißen, männlichen Blick vor der Kinotür zu lassen. Die Medienlandschaft entwickelt sich demnach stetig weiter, man muss nur nach den richtigen Filmen und Serien Ausschau halten. Dazu aber vielleicht in einem anderen Artikel mehr.

Bild: Populärkollektiv

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