Elisabetta Sirani, die Malerin von Melpomene, kam 1638 in Bologna zur Welt. Sie lernte Malerei in der Malerstube ihres Vaters Andrea Sirani, der ihrer professionellen Malerei kritisch gegenüberstand. Doch als er krank wurde, übernahm Elisabetta die finanzielle Versorgung der Familie (und konnte trotzdem Geld für sich selbst nur heimlich einstecken). Während Sofonisba (wir erinnern uns, vom Januar) nie großformatige Bilder meisterte, weil ihr die Ausbildung in der Anatomie des Menschen fehlte, malte Elisabetta auch großformatige Altarbilder für die Orden und Bruderschaften in und um Bologna. Besonders nennenswert sind ihre zahlreichen Darstellungen von starken Frauen, wo sie mit Artemisia Gentileschi gleichzieht, die für ihre brutalen Malereien starker Frauen noch heute ein Name ist.
Auch Elisabetta malte Judith und Holofernes und eben dieses Bild von Melpomene, der Muse der Tragödie. Die neun Musen waren die Töchter von Zeus und Mnemosyne. Melpomene ist mit ihrer Schwester Thalia das Sinnbild des dramatischen Theaters (Thalia die lachende und Melpomene die weinende Maske). Ihr wird nachgesagt, dass sie über die Zeitläufe sehr viel Unglück und Leid gesehen hat und durch ihren Gesang hilft, neue Kraft in den menschlichen Geist zu transportieren, damit er wieder triumphiert.

Das Bild von Sirani zeigt Melpomene nicht singend, wohl aber mit einer Maske und Büchern abgebildet. Ihr Gesicht ist neutral, in Gedanken verloren, ernst. Sie sieht dich an. Es ist eine nüchterne Darstellung, die einen leicht unbehaglich macht. Der Blick geht schnell weg vom Gesicht zu den Gewändern, dem Buch, der Maske. Die Dualität des Gesichts mit der hellen, unschuldigen Seite und der dunkleren, ernsteren Seite (so als wären es zwei Gesichter) lässt einen nichts wissen. Schauen wir oder werden wir angeschaut? Diese Frau hat schon alles gesehen, diese Frau erschreckt so leicht nichts mehr. Es wirkt fast so, als sähe sie die Tragödie aus dem Buch auch im echten Leben…
Elisabetta Sirani wurde nur 27 Jahre alt und starb an einem Magengeschwür. In ihrem kurzen Leben eröffnete sie jedoch eine Malerschule für Frauen. Ihr wird nachgesagt, der Grund zu sein, warum es in Bologna in den Jahrhunderten nach ihrem Tod so viele Malerinnen gab.
Dieser Artikel erscheint in unserem Kunstkalender für das Jahr 2025 zum Thema „Lesende Frauen“. Hier alle (bisherigen) Artikel in der Reihe:

10 Gedanken zu “Die lesende Frau hat alles gesehen (Februar)”