Wie Millennial-Nostalgie die Popkultur erobert hat

Neue Adaptionen alter Disney Filme, Twilight Memes auf Instagram, ausverkaufte Anime-Opening-Konzerte, Breaking Free auf Partys mitgröhlen… Nostalgie ist ein großer Teil der Popkultur und wir Millennials scheinen die Hauptzielgruppe zu sein. Werden wir langsam so uncool wie unsere Eltern, die während unserer Jugend ständig von alten Filmen und Musiker*innen wie Shining und Queen (ich weiß inzwischen, dass beides überragend ist, no offense) erzählt haben? Und wieso sind wir eigentlich so nostalgisch?

Der Aufstieg und Fall und Aufstieg von Twilight

Eine kurze Zeitreise: Wir schreiben das Jahr 2008. Ich bin 14 Jahre alt, schaue mir den ersten Twilight Film im Kino an und wünsche mir nichts mehr als einen sexy Vampir-Boyfriend, der mich ebenfalls in einen Vampir verwandelt. Die Bücher kannte ich natürlich zu dem Zeitpunkt schon – ich war einfach hin und weg vom Twilight-Universum. Dass Twilight mein Bild von Beziehung und Romantik geprägt hat, ist kein Scherz. Ein mysteriöser Typ, ein bisschen verschlossen, ein bisschen gefährlich, wahnsinnig gutaussehend – das wollte ich auch. Jemand der alle anderen tollen Mädchen an der Schule abweist und nur Augen für mich hat. Es ist nicht romantisch und erstrebenswert, gestalked, gegaslighted und beim Schlafen beobachtet zu werden. Das ist mir aber erst Jahre später aufgefallen, als ich hinterfragt habe, was eigentlich meine Vorstellungen von Beziehungen in der Jugend geprägt hat. Und ich hatte das Gefühl, das war der allgemeine Tenor bei aufgeklärten Frauen meines Alters: Twilight? Das ist problematischer Teenager-Quatsch, den wir längst hinter uns gelassen haben. Und jetzt, nochmal Jahre später? Da ist mein ganzer Instagram-Feed voll von Hoa-Hoa-Memes, die den Herbstanfang feiern und Herbst als die perfekte Jahreszeit für einen Twilight-Rewatch preisen. Auch ich habe letztes Jahr mit einem guten Freund die gesamte Twilight-Reihe nochmal angeschaut und hatte großen Spaß. Mit etwas Abstand kann man über die cringe-Momente herzlich lachen. Ich weiß zwar, dass Twilight nicht unbedingt einen guten Einfluss auf mich hatte, aber ich erinnere mich inzwischen gern zurück an die prägende Teenager-Zeit, in der Edward Cullen mein romantisches Ideal war. Auf Instagram werden einzelne Szenen und Aspekte aus Twilight eher ironisch besprochen und hier sehe ich eine Verbindung zu meiner eigenen, nostalgischen Sicht: Wir wissen alle inzwischen, was schlecht an den Filmen ist. Aber wir mögen das Gefühl, das sie in uns hervorrufen.

„We’re soaring, flying“

Pitbull geht 2025 auf Welttournee. Ja, der Mr Worldwide von „On the Floor“, „Timber“ und „Give me Everyting“ – und die Konzerte sind ausverkauft. Ich war dieses Jahr auf vier Hochzeiten und auf jeder Party liefen diese Songs. Peter Fox hatte 2022 ein Comeback, nachdem er mit „Stadtaffe“ 2008 den Soundtrack einer deutschen Generation geschaffen hat. „Breaking Free“ von High School Musical wird auf jedem Karaoke Abend mindestens einmal performed. Und Konzerte, auf denen die Anime-Intros der 2000er gesungen werden, sind ausverkauft. Im musikalischen Bereich erlebt die Musik unserer Jugend ein wahres Comeback. Das ist kein Wunder, denn Studien konnten feststellen, dass vor allem die Musik unserer Jugendzeit prägend für uns ist und dass wir uns besonders gut an sie erinnern. Wenn ich Musik aus den späten 2000ern und frühen 2010ern höre (bevorzugt beim Laufen oder auf Hochzeiten), fühle ich das besonders.

Die Geld-Melkmaschine Disney

Disney versucht die Nostalgie-Geld-Maschine schon seit Jahren zu melken. Die Schöne und das Biest, König der Löwen, Aladdin… Die Liste an Disney-Filmen, die inzwischen eine Neuauflage in Form einer Realverfilmung bekommen haben, ist lang. Es scheint sich finanziell also zu lohnen. Und doch habe ich nicht das Gefühl, dass diese Filme von Menschen in meinem Umfeld besonders gut aufgenommen werden. Denn wir Millennials wollen keine neu aufgelegten Realverfilmungen von Filmen sehen, die wir früher als Zeichentrickfilme angeschaut haben. Da gucken wir uns doch lieber die Originale an (auch wenn viele von denen aus Gründen wie rassistischen Stereotypen vielleicht doch ein Remake gebrauchen können). Die meisten der Disney-Remakes, die ich mir angeschaut habe, fallen in die Sparte „Ganz nett, aber belanglos“. Wenn Simba um Mufasa weint, dann weine ich nur in der Zeichentrickversion mit. Die „echten“ Löwen in der Realverfilmung sind es einfach nicht. Vielleicht richten sich die neuen Disney-Filme einfach an eine jüngere Generation.

Bild: Disney

Nostalgisch, aber trotzdem neu

Disney reitet die Nostalgie-Welle in meinen Augen eher auf eine plumpe Art und Weise. Andere popkulturelle Phänomene der letzten Jahre haben das deutlich besser hinbekommen, zum Beispiel der Film Barbie (2023) und die Serie Wednesday (2022). Beide Adaptionen haben es geschafft, sich von ihren Originalen zu lösen und etwas Zeitgemäßes, originelles, aber trotzdem nostalgisches zu schaffen. Barbie und Wednesday basieren auf etwas, was wir schon kennen, und konnten uns trotzdem überraschen. That’s how it’s done!

Eskapismus at it‘s best

Trump ist erneut Präsident der USA, in der Ukraine und im nahen Osten herrscht Krieg, in Deutschland steigt frauenfeindliche Gewalt und Queerfeindlichkeit an… Die Liste der Gründe, wieso wir uns lieber in die Vergangenheit flüchten, als uns mit der Gegenwart zu beschäftigen, ist lang. Zwar erinnere ich mich an meine Teenager-Zeit auch als sehr anstrengende Zeit zurück. Alles war irgendwie verzerrt und dramatisch, Gefühle sind hochgekocht, es war so wichtig, was andere von einem denken. Und trotzdem scheint es mir manchmal, als wäre die Welt ein einfacherer, sichererer Ort gewesen. Gleichzeitig waren die Kindheit und Jugend eine prägende Zeit, in der viele wichtige Erinnerungen entstanden sind. Und deshalb ist es manchmal so entspannend und wohltuend, in Nostalgie zu schwelgen und sich an alte Zeiten zurückzuerinnern. Außerdem sind wir Millennials jetzt in unseren 30ern und haben das Geld, es für 2010er Partys, Anime-Konzerte und Netflix-Abos auszugeben, ohne dass wir Mama und Papa vorher fragen müssen.

Beitragsbild: Disney, Warner Bros., Summit Entertainment, Nintendo

Hinterlasse einen Kommentar