Rezension: Blue Sisters von Coco Mellors

Nach ihrem erfolgreichen Debut Cleopatra und Frankenstein veröffentlicht die britisch-amerikanische Autorin Coco Mellors mit Blue Sisters, übersetzt von Lisa Kögeböhn, ihren zweiten Roman. Das Buch dreht sich mehr um die Vibes als um den Plot, was Blue Sisters für mich zu einem tollen Leseerlebnis macht.

Erstmal ein paar Worte zum Inhalt

Ein Jahr nach dem Tod ihrer Schwester Nicky kämpfen die drei hinterbliebenen Schwestern Avery, Bonnie und Lucky Blue mit dem Verlust. Statt gemeinsam zu trauern, haben die drei sich an ganz unterschiedlichen Orten niedergelassen. Die älteste Schwester Avery lebt mit ihrer Frau Chiti ein scheinbar perfektes Leben als reiche Anwältin in London. Bonnie hat nach einer heftigen Niederlage ihre Karriere als Profiboxerin an den Nagel gehängt und ist nach L.A. gezogen und kommt dort als Türsteherin über die Runden. Die jüngste Schwester Lucky arbeitet als Model immer dort, wo ihr nächster Job es gerade von ihr verlangt. Um zu verhindern, dass ihre Mutter ihr Elternhaus verkauft, treffen die drei Schwestern sich in New York wieder und nicht aufgearbeitete Gefühle kochen hoch.

Meine Meinung

Ich liebe tiefgründige, interessante und nachvollziehbare Charaktere mit Ecken und Kanten. Davon hat Blue Sisters zum Glück gleich drei. In einer Art Prolog werden die vier Schwestern – inklusive der verstorbenen Schwester Nicky – vorgestellt. Ihre individuellen Lebensgeschichten werden zusammengefasst bis zu dem Punkt, an dem die Geschichte einsetzt. Das fand ich einen sehr gelungenen Einstieg, um schon mal einen Eindruck zu den Charakteren zu bekommen und neugierig zu werden. Danach wird die Geschichte aus Sicht der einzelnen Schwestern in der dritten Person erzählt. Alle drei Schwestern sind unglaublich gut erzählt und auch über Nicky erfahren die Leser*innen nach und nach einiges. Der Fokus liegt dabei nicht unbedingt darauf, die Schwestern sympathisch zu zeichnen, sondern echt, was mir ebenfalls gut gefällt.

Die Thematik von Schwesternschaft und Familie wird ebenfalls toll erzählt. Die Dynamik und Konflikte zwischen Avery, Bonnie und Lucky sind oft anstrengend, aber immer spannend. Natürlich ist Familie für alle Menschen unterschiedlich. Aber diese Art von Nähe und Hassliebe zwischen den Schwestern ist vermutlich für einige Leser*innen, die selbst Geschwister haben, nachvollziehbar.

„Eine Schwester ist keine Freundin. Woher kommt der Drang, eine Beziehung, die so ursprünglich und komplex ist wie die zwischen Geschwistern auf etwas Austauschbares und Banales wie Freundschaft zu reduzieren.“ S. 7

Ein sehr relevantes Thema in Blue Sisters sind Suchterkrankungen. Einige Charaktere haben mit Süchten zu kämpfen. Es zieht sich durch die Familiengeschichte. In meinen Augen beleuchtet der Roman sehr gut, wie unterschiedlich Suchterkrankungen aussehen können. Avery zum Beispiel war in ihren frühen Zwanzigern Heroinabhängig. Zum Zeitpunkt der Romanhandlung ist sie bereits seit zehn Jahren clean und hat ihre Abhängigkeit gut im Griff. Dass sie abhängig war, wird weder von ihr noch von anderen Mitgliedern ihrer Familie in Frage gestellt. Lucky hingegen bewegt sich als Model in einem Umfeld, in dem Alkohol und andere Drogen normalisiert sind. Deshalb fällt es ihr viel schwerer, ihre Sucht überhaupt einzusehen. Die Geschichte der verstorbenen Schwester Nicky ist von Medikamentenabhängigkeit geprägt. Hierzu möchte ich aber nicht zu viel verraten, um nicht zu spoilern. Auch wenn das Thema schwer verdaulich ist und eine Triggerwarnung angebracht gewesen wäre, hat mir der Umgang mit Suchterkrankungen in Blue Sisters gut gefallen.

Fazit

Blue Sisters lebt von interessanten Charakteren und behandelt Themen wie Trauer, Sucht, Schwesternschaft und Familienkonflikte sensibel und mit Tiefgang. Der Roman ist toll geschrieben und wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

Vielen Dank an den Eichborn Verlag für das Rezensionsexemplar und die schöne Buchbox.

Hinterlasse einen Kommentar