Um euch Musicals näher zu bringen, folgt hier eine kleine Songanalyse. Es geht um folgendes Lied:
Menschen, die behaupten, dass Musicals ja immer so glücklich sind, können sich gerne schonmal den Plot zu Dear Evan Hansen durchlesen und eines besseren belehrt werden. Der Kontext ist folgender: Evan hat heute seinen ersten Schultag nach den Ferien. Er hat keine Freund:innen und ist einsam. Er fühlt sich in sozialen Situation sehr unwohl und ist auch in psychischer Behandlung, weswegen er Briefe an sich selbst schreiben soll. Deswegen auch der Titel des Musicals „Dear Evan Hansen„. Das auserwählte Stück ist das erste Lied, das Evan singt. Es führt uns also in seine Gedanken und Gefühle ein. Es soll uns ein Gefühl für Evan vermitteln. Kommen wir also nun zur angekündigt Analyse und schauen, ob die Songwriter Benji Pasek und Justin Paul dieses Ziel erreichen.
Wie wir dem Text unschwer entnehmen können, fühlt Evan sich ausgeschlossen und nicht dazugehörig. Er steht draußen vorm Fenster, winkt und wartet auf eine Rückmeldung. So könnte man denken, dass der Sound des Lieds eher einer ruhigen Ballade gleicht. Das ist jedoch nicht der Fall.
Für mich hört es sich so an wie „Die Sonne scheint. Es ist ein neuer Tag. Mach etwas aus deinem Leben“. Und das ist ja eigentlich auch ein wenig die Situation, die wir hier haben: einen Neuanfang zu wagen. Die kurzen Akkorde des Klaviers hören sich für mich an wie Sonnenstrahlen. Prinzipiell ja etwas Gutes. Für Evan jedoch nicht, wie der Text uns sagt. „Step out, step out of the sun, if you keep getting burned.“ In den Zeilen wird deutlich, die Sonne steht für die Gesellschaft oder die Interaktion mit dieser. Der Bass ist für mich Evans Schritt. Er versucht einen Schritt nach dem anderen zu machen und der Sonne auszuweichen. Das gelingt jedoch nicht so ganz. Während das Klavier weiterspielt, hat der Bass immer wieder Pausen. Evan versteckt sich und beobachtet, was vor dem Fenster passiert. In den Geigen sehe ich Evans Gedanken, die immer wieder kommen und sich überschlagen. Der Beat ist auch sehr treibend. Man fühlt dadurch Evans Anxiety. Der Song pusht einen nach vorne, aber irgendwie stolpert man immer wieder über die eigenen Füße.
Generell fängt das Lied mit wenigen Instrumenten an und lädt sich langsam auf, um sich dann auf einen Schlag wieder zu entladen. So ist es auch am Höhepunkt des Lieds. Wir hören nur die Gitarre, dann kommt das Klavier dazu. Dann Bass und Streicher und finally ein Chor aus dem Background. Er ist zwar leise, aber da. Im Text wird immer wieder der gleiche Satz wiederholt. Für mich ja eigentlich ein No-Go, aber hier fühle ich es einfach nur. Das liegt an der Steigerung der Instrumente und der dadurch entstehenden Intensität, aber auch an dem brillanten Gesang von Ben Platt. Man hört richtig, wie der Gedanke erst klein ist und dann immer größer wird, bis er alles einnimmt. Evan kann an nichts anderes mehr denken. „Will I ever make sound?“ Zu der Frage hört alles auf, es wird still. Man kann kaum atmen, so krass ist die Spannung im Song und was brauchen wir dann? Worauf haben wir gewartet? Genau, einen Tonartwechsel. (Das bestätigen zumindest die Notenblätter, die ich auf Google gefunden haben.) Das Drama ist perfekt. Evans Verzweiflung und auch Hilferuf wird deutlich. Hallo? Ich winke doch? Sieht mich denn keiner?
Das Lied endet schließlich mit den Zeilen: „Is anybody waving, waving?“ Es hört sich etwas verzweifelt an, aber die Hoffnung ist noch da. Deswegen wirkt es auch ein wenig wie ein Mantra, was Evan sich selbst vorsagt, um sich zu ermutigen. Die Schere zwischen Text und Sound spiegelt auch die Problematik von psychischen Krankheiten wieder. Von außen ist es oft nicht erkennbar, was die Person im Inneren fühlt.
Das Lied gibt also nicht nur einen guten Einblick in Evans innere Gefühle. Nein, man fühlt die Anspannung richtig – mit dem ganzen Körper. Und das alles in nur vier Minuten.
Leider wird Dear Evan Hansen nicht mehr auf dem Broadway aufgeführt. Aber es gibt einen Film, der zurzeit sogar bei Amazon Prime mit dabei ist. Mindestens ein tolles Lied fehlt im Film, aber besser als nichts.
Beitragsbild: Autumn Smile Broadway Limited

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