echoes, Mord auf Ex und True Crime

Um die Abende nicht immer vor dem Bildschirm zu verbringen, sind meine Mitbewohnerin und ich vor einiger Zeit auf den Trichter gekommen, nach der Arbeit öfter Gesellschaftsspiele zu spielen. Und vor allem haben es uns Rätsel- und Mystery-Spiele angetan. Erst ein Abendessen, dann ein Glas Wein (oder auch nur Wasser) und auf geht es, unsere Gehirnzellen nochmal auf ganz andere Art anzustrengen. Nebenbei spielen wir außerdem gerade über mehrere Abende verteilt mit einer Freundin das große Deckbuilding-Spiel Harry Potter – Schlacht um Hogwarts, aber das sei nur am Rande als Beschäftigungsempfehlung erwähnt, heute geht es mir um die anderen Mysterien.

Die Exit-Spiele vom KOSMOS-Verlag dürften die meisten von euch kennen. Ein tolles Interview mit den beiden Erfinder:innen hat Theresa schon mal für diesen Blog geführt. Diese sind als Escape Rooms für zuhause konzipiert, beinhalten oft das Zerschneiden von allen Teilen bis hin zur Spielschachtel und können einen manchmal ganz schön zur Verzweiflung treiben, wenn man nicht weiterkommt mit einem Rätsel. Meine Mitbewohnerin und ich haben nun allerdings unsere detektivischen Fähigkeiten an einigen anderen Spielen ausprobiert. Dazu gehörten beispielsweise Cold Case – Eine todsichere Geschichte (was wir empfehlen können) oder Unsolved – Der Jagdunfall (was wir wegen fehlender Nachvollziehbarkeit der Lösungen durch die Gegend werfen wollten und daher nicht empfehlen). Insbesondere hat es uns aber die Reihe echoes aus dem Hause Ravensburger angetan.

Lausche den echoes

Bei echoes handelt es sich um sogenannte Audio-Mystery-Spiele. Neben den einzelnen Spielen (momentan sieben an der Zahl) braucht man die zugehörige kostenlose App auf dem Handy oder Tablet. Als Spielmaterial hat man verschiedene Bilderkarten, die man mit der App scannt und damit den zugeordneten Geräuschen und Dialogen lauschen kann. Ziel ist es, die ganzen Hinweise in die richtige Reihenfolge zu bringen und so das Rätsel zu lösen. Begleitet wird man dabei von einer Erzählstimme in der App, die insbesondere für Prolog und Epilog zur Geschichte zuständig ist. Konzipiert sind die einzelnen Spiele für etwa 60 Minuten und somit auch ganz gut nach einem längeren Arbeitstag noch machbar. Im Vergleich zu Exit-Games ist bei den echoes außerdem schön, dass sie zum mehrmaligen Gebrauch gedacht sind, wir geben unsere also gerne weiter.

Diesen ersten echoes-Fall (Die Tänzerin) haben wir auch gespielt und können ihn sehr empfehlen, möchten aber eine kleine Triggerwarnung aussprechen, dass der sehr traurig ist.

Muss es immer einen Podcast geben?

Leider sind nicht alle Spiele immer Volltreffer. Als Letztes haben wir die Version echoes-Mord auf Ex gespielt. Vielleicht kommt euch wie mir dieser Name vage bekannt vor. Tatsächlich handelt es sich um eine Kooperation mit dem gleichnamigen True-Crime-Podcast, dessen Hosts Linn und Leo die Sprecherinnen dieses Spiels dann sind. Und ganz ehrlich, das ist eine verdammt schlechte Wahl gewesen. Die beiden passen überhaupt nicht zur Atmosphäre und Art der Spielreihe und – kleiner Spoiler -, dass sie mittendrin Werbung dafür machen, man solle doch mal wieder ins Theater gehen und sich König der Löwen ansehen, weil das auch beim fünften Mal noch toll wäre, ist eine Frechheit! Und übrigens ist das ein Musical, kein Theaterstück. Medienkulturwissenschaftlerin out. Auch von der sonstigen Machart her kann echoes-Mord auf Ex nicht so überzeugen wie andere Teile der Reihe, zu viele Charaktere mit zu ähnlichen Stimmen, zu viele Einzelgeräusche ohne weiteren Kontext, auch wenn der Fall an sich nicht zu bemängeln ist. Außer dass mir etwas schleierhaft ist, warum es True Crime sein muss. Mir ist natürlich klar, dass hier das Marketing-Team die Kassen klingeln hörte, und ich gehe auch davon aus, dass es damit sehr richtig lag. Fans des Podcast werden vielleicht auch Fans des Spiels sein, aber mir (und meiner Mitbewohnerin) gingen die beiden Podcasterinnen auf den Keks. Und da ihre Hauptfunktion offenbar darin bestand, das gerade Gehörte nochmal zu erklären, fühlten wir uns außerdem ein bisschen in unserer Intelligenz beleidigt. Kurzum: Für uns hat das Konzept True-Crime-Podcast trifft auf Mystery-Spiel einfach nicht funktioniert.

True Crime und die Faszination für wahre Verbrechen…und reales Leid

Dazu möchte ich an dieser Stelle auch noch Folgendes sagen: Ich gehöre nicht zu den Menschen, die gerne True-Crime-Podcasts hören. Irgendwas daran ruft in mir ziemliches Unbehagen hervor. Dasselbe gilt übrigens auch für True-Crime-Dokus oder – für mich persönlich am unangenehmsten – teils fiktionalisierte, täter:innenfokussierte Nacherzählungen à la „Dahmer“ (ich mein, sogar der Wikipedia-Artikel dieser Netflix-Miniserie sagt, die Verfilmung hat zu Flashbacks bei den Angehörigen der Opfer geführt, ich will mir wirklich nicht ausmalen, wie es sein muss, wenn dein Leid und Trauma, der Verlust einer von dir geliebten Person, zur Unterhaltung anderer inszeniert werden und auch dir die grauenvolle Möglichkeit gegeben, das ganze live und in Farbe nachzuerleben). Es ist nicht so, dass ich die Faszination für Verbrechen und die Abgründe der menschlichen Psyche nicht durchaus auch nachvollziehen kann (das ist vielleicht nochmal ein Exkurs für eine andere Zeit), und ich bin immer dafür, Opfern eine Stimme zu geben. Was mich an diesen ganzen Formaten so abschreckt ist die teilweise Glorifizierung von Täter:innen und Ergötzung am realen Unglück anderer, während der Respekt für die Opfer dieser wirklichen Fälle und ihre Angehörigen oft zu wünschen übrig lässt. Insbesondere wenn die Fälle nicht allzu weit in der Vergangenheit liegen, schüttelt es mich. Vielleicht beschäftige ich mich beruflich einfach zu viel und zu lange mit den Schrecken der Welt und dem, was Menschen anderen Menschen antun können, um großen Gefallen daran zu finden, in meiner Freizeit ähnliche Geschichten zu meiner Unterhaltung oder gar Entspannung zu konsumieren. Ich lese allerdings gerne mal Krimis und Thriller und habe die letzten Monate fast sämtliche Folgen Castle als Comfort-Watching erneut geschaut, aber ich schweife vom Thema ab. Wichtig ist mir nur noch zu sagen, dass ich hiermit euch nicht verurteilen möchte, wenn ihr True-Crime-Fans seid, ich halte euch deswegen nicht für schlechtere Menschen.

Diesen Film von Nhi Le für ZAPP finde ich zum Beispiel gut zur Thematik True Crime.

Natürlich geht es bei Krimispielen auch oft um Mordfälle und Verbrechen, aber eben fiktionale. Und das Unangenehme an echoes-Mord auf Ex ist nicht das True-Crime, sondern das Podcast-Element. Also vielleicht muss man nun wirklich auch nicht immer Medienformen durchmischen und vielleicht bleiben manche Menschen auch lieber in ihrem Medium. Dennoch hat dieser kleine weniger vergnügliche Ausrutscher meine Mitbewohnerin und mich nicht von den Mystery-Spielen abgebracht. Vor allem wenn jetzt der Herbst Einzug erhält und es immer früher dunkel wird, werden wir sicher weiter versuchen uns nach der Arbeit mit Spieleabenden gegen die Müdigkeit zu wehren. Gerade liegt bei uns erstmal tatsächlich wieder ein Exit-Game bereit, aber wir werden sicher die anderen echoes noch durchspielen. Dank geht hiermit auch nochmal raus an meinen Bruder, der, als er mir zum letzten Geburtstag echoes-Der Cocktail schenkte, die ganze Spielfreude erst angestoßen hat. Habt ihr auch schon welche davon gelöst und welches war euer Favorit? Oder habt ihr andere Spieletipps? Wir freuen uns über Nachrichten!

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