Straight into my hard drive – Alt-J im Palladium

Die britische Gruppe Alt-J hat letzten Mittwoch im Palladium in Köln gespielt. Es war einer der letzten Stopps auf ihrer Europa-Tour. Franzi und ich waren dabei und können sagen: Falls sie wieder auf Tour gehen, geht hin! Denn es lohnt sich trotzdem.

Der Ruf eilt ihnen voraus

Trotzdem? Wieso denn das? Naja, sagen wir mal so: Alt-J sind bekannt dafür, etwas kauzig und verschroben zu sein. Sie gelten nicht als die großen Performer. Dementsprechend war meine Erwartungshaltung also eher verhalten. Nachdem wir mit der Menge ins gut besuchte Palladium geströmt sind und die Vorband Kytes loslegt, ist von Zurückhaltung aber erstmal nichts zu spüren. Die deutsche Band spielt animierenden 2010er-Dance-Indie. Bereits nach ein paar Minuten tanzen und wippen die Meisten mit.

Publikums-Interaktion wird hier klein geschrieben

Nach einer Umbaupause wird es dann dunkel und die drei Bandmitglieder von Alt-J betreten unter Jubel die Bühne. Ohne viel Umschweife starten sie in ihre Setlist. Das Publikum scheint sehr motiviert zu sein und kann die meisten Lieder mitsingen. Joe Newman, der Frontmann und Sänger der Band, trägt ein undefinierbares Outfit aus scheinbar wahllos übereinandergeworfenen Klamotten und wirkt in sich gekehrt. Schlagzeuger Thom Green ist ebenfalls wenig wahrnehmbar und verschwindet hinter seinen Hi-Hats. Nur der Keyboarder Gus-Unger Hamilton interagiert mit dem Publikum. Stellvertretend für die ganze Band übernimmt er die Begrüßung („Guten Abend Cologne!“) und sporadische kurze Einschübe („It’s great to be touring again.“), die alle sehr nett, knapp und etwas floskelhaft sind.

Live-Erleben ist so eine Sache bei Alt-J

Ich muss an ein Interview denken, das ich vor einiger Zeit in der Zeitschrift „Musikexpress“ gelesen hatte. Darin wird beschrieben, dass das Interview mit Alt-J schleppend verläuft und nur Gus-Unger Hamilton höflich und zugewandt gegenüber dem Interviewer ist. Die Rollenverteilung scheint sich nicht geändert zu haben. So wenig überraschend die unterkühlte Bühnenperformance ist; ein bisschen enttäuscht bin ich doch. Einerseits finde ich es erfrischend, dass Alt-J nicht den Hampelmann geben und sich für das Publikum verstellen. Andererseits frage ich mich, ob man es merken würde, wenn anstelle der drei Bandmitglieder irgendwelche Stellvertreter oder Projektionen spielten. Der Mehrwert des Live-Erlebnisses ist hier eher, dass wir gemeinsam mit dem Publikum mitwippen und die Lichtshow bewundern.

Musikalisch unfassbar gut

Aufgrund meiner großen Bewunderung für das künstlerische Schaffen der Band bin ich trotzdem froh, dass wir gekommen sind. Man hört den Songs an, dass viele wohlüberlegte Entscheidungen dahinterstecken. Die große Kunst von Alt-J ist es, dass sich die Stücke trotz aller Verkopftheit sehr organisch und stimmig anfühlen. Das gilt sowohl für die etwas älteren Songs wie „Matilda“ wie auch für Songs vom neueren Album („Hard Drive Gold“, „Philadelphia“, „U&ME“). Beeindruckend ist zudem, wie Alt-J verschiedene Instrumente, Ton-Ebenen und Gesang zu einer vielschichtigen Klangstruktur zusammenweben. So entsteht auch live eine einzigartige Musik, die ich ganz spezifisch dieser Band zuordnen kann. Während des Konzerts denke ich mehrfach: Ich hab‘ echt vergessen, wie verdammt gut diese Band ist!

Mein erster Song: „Fitzpleasure“

Für mich ist die Musik eng verbunden mit der Zeit zwischen Abitur und ersten Studiensemestern. Bis heute erinnere ich mich, wie ich zum ersten Mal ein Lied von Alt-J gehört habe. Nach dem Abitur war ich als Au-Pair einige Monate in Spanien. Bei einem Heimatbesuch holte mein Vater mich am Flughafen ab. Die etwas längere Fahrt überbrückten wir, indem wir gemeinsam die Promo-CD der bereits erwähnten Musikexpress-Zeitschrift durchhörten. Mein Vater meinte zu mir, dass ihm „Fitzpleasure“ von dieser neuen Gruppe Alt-J besonders aufgefallen sei. Ich wählte das Lied auf dem CD-Spieler aus und die Chorgesänge und scharf hämmernden Bass-Synthesizer schallen durchs Auto. Sofort bin ich begeistert.

Ehrlich gesagt hatte ich Alt-J in den letzten drei, vier Jahren etwas aus den Augen verloren. Nach dem Konzert bin ich aber regelrecht selig versöhnt mit der Band. Ich freue mich, dass ich die Gelegenheit hatte, die Ausnahme-Band nah und „in echt“ erleben zu können. Bei nächster Gelegenheit mache ich das sicher wieder.


Titelbild: Alike Schwarz

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