New Music 2021

Ich muss erstmal etwas deprimierend einsteigen: Manche Jahre sind nicht prädestiniert für popkulturelle Highlights. Ich fürchte, genau wie 2020, wird auch dieses Jahr noch ganz im Zeichen der Corona-Pandemie stehen. Kulturschaffende, Künstler*innen und Musiker*innen werden noch lange mit den Einschränkungen zu kämpfen haben. Für die Eindämmung der Pandemie zahlen wir alle einen hohen Preis: langfristige Strukturen (ganz konkret: Veranstaltungsorte, bezahlte Arbeitskräfte, Förderprojekte und vieles mehr) gehen verloren und es wird lange dauern, dies wieder aufzubauen. Während uns „nur“ das Angebot fehlen wird, bedroht es in der Kulturszene Existenzen. Leider ist das alles auch nichts Neues. Aber ich wollte diesen Anlass nutzen, um noch mal ganz eindringlich auf diesen Bereich aufmerksam zu machen. Falls ihr die Kulturszene unterstützen wollt, könnt ihr zum Beispiel an die überregionale Corona-Künstler-Hilfe spenden oder das Positionspapier der Initiative Kulturschaffender in Deutschland unterzeichnen. Auf lokaler Ebene in Köln habe ich zum Beispiel schon mal an den Cologne Culture Stream von KlubKomm gespendet. Ähnliche regionale Initiativen gibt es in jedem Bundesland für fast jede größere Stadt oder Region.

Musik-Prognose-Listen: Wieso eigentlich?

So bedrückend die Situation im Moment erscheinen mag; nichts ist für immer. Und schon oft hat die Kulturszene sich gerade in Krisensituationen als besonders anpassungsfähig und produktiv erwiesen. Es wäre naiv, zu glauben, die Kultur brauche deshalb keine Stabilität oder Unterstützung. Aber ich bin optimistisch, dass 2021 auch und gerade für aufstrebende Künstler*innen eine Chance sein kann. Deshalb habe ich hier mal zusammengetragen, von welchen Künstler*innen ich 2021 noch einiges erwarte. Damit reihe ich mich unvermeidlich in eine etwas leidige Musikjournalismus-Tradition ein. Dass solche Prognosen natürlich auch daneben liegen können, ist eigentlich logisch. Aber es macht immer wieder Spaß, sich zu überlegen, welche Musik vielversprechend genug klingt, um die nächsten Sichtbarkeitshürden zu nehmen. Die „Platzhirsche“ unter diesen Musik-Prognose-Listen wirken dabei wie Katalysatoren. Wer zum Beispiel auf der „Sound of …“-Liste des BBC1 auftaucht, wird alleine schon dadurch deutlich mehr beachtet. Die verantwortlichen Musikjournalist*innen haben in diesem Bereich also nach wie vor eine klassische Gatekeeping-Funktion. Aber durch das Internet und Plattformen wie Spotify, Instagram, TikTok und private Musikblogs kommt hier längst einiges an Konkurrenz. Die Macht über den Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit verteilt sich auf mehr Akteure als früher. Und meine Liste? Tja, die spielt natürlich eine … extrem mächtige Rolle in diesem Gefüge! Versteht sich doch von selbst. Vor allem, da ich in guter Musikjourno-Manier so selbstbezogen bin, zu glauben, dass meine Meinung und Kenntnisse über die Musikszene jeden zu interessieren haben.

Meine Newcomer-Tipps für 2021

Jetzt aber genug um den heißen Brei herum geredet. Hier kommen meine fünf Hot Guesses für 2021, natürlich immer schön mit Musikvideo. Es ist mir wirklich richtig, richtig schwer gefallen, mich auf fünf Kandidat*innen zu beschränken. Deshalb findet ihr am Ende des Artikels noch einige weitere Tipps. Es gibt einfach viel zu viel spannende Musik da draußen! Obendrauf gibt’s noch alle Tracks gesammelt in einer Spotify-Playlist. Mal schauen, ob ich mit meinen Vorhersagen Recht behalten werde.

Pa Salieu

Bei Pa Salieu sind sich fast alle Prognosen einig: Diesem Typ aus Coventry, UK, gehört 2021. Ich kann nur zustimmen, weil sein Debütalbum von Ende 2020 ist fokussiert, energiegeladen und wird einen Nerv treffen: Der gambisch-britische Rapper spricht in seinen Texten auch über Rassismus und Gewalt. 2020 haben die #blacklivesmatter-Proteste eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Obwohl Großbritannien mit Stormzy schon einen Shooting Star der sozialkritischen Grime-Szene hat, wird Pa Salieu sicher noch mal eine neue Perspektive einbringen. Das liegt vor allem auch an den deutlich hörbaren Einflüssen seiner gambischen Ursprünge in Flow und Melodie. Wenn es auch nur ein*e Künstler*in aus dieser Liste 2021 auf die großen Bühnen schafft (falls es sie denn geben wird), dann wird das Pa Salieu sein.

Ebow

Die Rapperin Ebow hat schon 2019 mit „K4L“ die Post-Migra-Hymne für Deutschland rausgehauen und war vor Corona langsam aber sicher auf dem Weg zu einer breiteren Öffentlichkeit. Ich hoffe, dass ihre musikalische Vision die Pandemie gut übersteht. Dafür gab es letzten Sommer mit der Single „Friends“ und jetzt kurz vor Jahresschluss mit einer Neuauflage von „K4L“ mit dem WDR Funkhausorcherster bei den Machiavelli Sessions gute Anzeichen. Als Tochter kurdischer Gastarbeiter ist ihr Erfolg nicht nur individuell, sondern auch für eine ganze Gruppenidentität wichtig. Ich drücke die Daumen, dass 2021 ihr Möglichkeiten und Plattformen en masse bietet!

Samm Henshaw

Bei diesem Menschen und seiner funkigen Good-Vibes-Only-Musik warte ich schon seit einiger Zeit auf mehr Aufmerksamkeit. Ich habe vor einigen Monaten damals den Tipp von einer Freundin aus dem Hochschulradio bekommen (Shoutout an Marie an dieser Stelle!). Seitdem mach ich immer Samm Henshaw an, wenn ich Bock auf Gute Laune hab. Ganz passend lautet der Titel seiner neuesten Single „All Good“. Und wenn wir in 2021 etwas gebrauchen können, dann jemand, der uns sagt: „But I guess in the end / It’s all good, baby“. Das Video zum Song ist eigentlich eine halbe Samsung-Werbung, aber wenn ich jemandem die Coins gönne, dann Samm Henshaw. Und für seine künstlerische Zukunft ist diese Markenpartnerschaft schließlich auch kein schlechtes Zeichen.

Roosevelt

Eigentlich ist Roosevelt kein Newcomer. Es gibt bereits zwei komplette Alben und eine neuere EP aus 2020 und mit über 10.000 Plays auf den bekannteren Songs bei Spotify ist auch schon einiges an Sichtbarkeit da. Warum also taucht das hier auf? Roosevelt ist das Projekt des Rheinländers Marius Lauber, der inzwischen in Köln wohnt. Ich gebe zu, damit hat er auch einen kleinen Heimvorteil bei mir als Wahlkölnerin. Aber ich freue mich nicht nur darüber, dass die Rheinmetropole anscheinend so fähige Hitmaschinen beherbergt. Sondern ich glaube auch fest daran, dass der eingängige Discopop von Roosevelt nur noch ein entscheidendes Feature mit einer Dua Lipa oder Angèle braucht, um richtig groß zu werden. Mark my words!

Audrey Nuna

Je älter ich werde, desto öfter muss ich schlucken, wenn ich in den Wikipedia-Einträgen neuer Künstler*innen lese, in welchem Alter diese Leute so verrückt gute Dinge machen. Die 20-jährige Audrey Chou, mit Bühnenname Audrey Nuna, war jetzt erst wieder so ein Fall. Die New Yorkerin rappt, singt und produziert Songs und ist dabei so unfassbar lässig und cool, wie ich das als Berufsjugendliche gerne wäre. Ihre bisher erschienenen Tracks haben auf Spotify und YouTube auch schon einiges an Klicks gesammelt. Laut einem Interview mit dem Online-Magazin Euphoria liegt ihr Debütalbum schon fertig in der Schublade und Audrey Nuna wartet nur noch auf den richtigen Zeitpunkt, es zu veröffentlichen. Ich finde, 2021 ist ein sehr guter Zeitpunkt dafür.

Weitere spannende Künstler*innen

Rikas

Yaeji

Ace Tee

Rejjie Snow

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Cleo Sol

Nathy Peluso

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Beitragsbild: Audrey Nuna / Collage: Alike Schwarz, Populärkollektiv

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