Heute schon geflugschämt?

Wären wir alle bessere Menschen, wenn wir nur noch Fahrradausflüge machen würden? Über diesen Satz bin ich neulich in einem Blog Post zum Thema Reisen gestolpert. Nun leben wir in einer Zeit, in der das Reisen für viele zum Statussymbol geworden ist. Für ein Wochenende nach Barcelona, Verona oder Santorini fliegen? Klingt cool, aber hat natürlich auch einen Haken: Ist nicht besonders gut für die Umwelt. Fliegen gilt als Klimakiller. Das führt dazu, dass es vor allem online immer häufiger angeprangert wird: „Flugscham“ (flygskam) nennt sich der ursprünglich aus Schweden kommende klimapolitische Trend. Er beschreibt die Scham darüber, die Umwelt zu belasten und auf Kosten aller die Kontrolle über seinen ökologischen Fußabdruck zu verlieren. Unter Hashtags wie #ambodenbleiben oder #zugstolz werden beispielsweise Bilder von Dienstreisen mit der Bahn gepostet – öfters mal die Öffentlichen nutzen, heißt hier die Devise. Und klar: Nicht jede kurze Strecke muss mit dem Flugzeug zurückgelegt werden, aber gleich jeden, der in ein Flugzeug steigt, verurteilen? Schwierig. Das mit dem sozialen Druck ist nämlich so eine Sache, denn Scham ist nicht unbedingt das effektivste Mittel, um Verhalten zu ändern. Flugshaming führt nicht zwangsläufig dazu, dass Menschen weniger fliegen – laut Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft nimmt die Nachfrage nach Luftverkehr eher immer weiter zu. Die meisten Menschen fliegen natürlich trotzdem wie gewohnt. Bei manchen Distanzen lässt es sich auch einfach nicht vermeiden. Zeitaufwand oder Geld sind sicherlich auch keine unerheblichen Faktoren und Gründe, weswegen viele das Flugzeug wählen.

Was kann man also tun, wenn man seine innere Greta Thunberg noch nicht gefunden hat? Um das Gewissen zu beruhigen, kann bei der Flugbuchung ein bestimmter Betrag gespendet werden, um die Emissionen, die beim Fliegen entstehen, auszugleichen: Klimakompensation boomt. Inzwischen gibt es auch nordeuropäische Airlines, die diese Kompensationen bereits einkalkulieren und ungefragt für alle abführen. Da stellt sich schnell die Frage, bringt das wirklich was und wie funktioniert das Ganze? Es gibt verschiedene Anbieter, auf deren Websites ausgerechnet werden kann, wie viel es kosten würde, ausgestoßene Treibhausgase der letzten Flugreise an anderer Stelle einzusparen. Empfehlenswerte Organisationen sind laut Testbericht von „Stiftung Warentest“ aus dem letzten Jahr Atmosfair, Klima-Kollekte und Primaklima, die jeweils mit „sehr gut“ abschnitten haben.1 Den Betrag kann man dann auf den Websites der Kompensationsanbieter spenden. Manchmal geht das auch direkt bei der Flugbuchung, weil einige Airlines mit einem Kompensationsanbieter zusammenarbeiten. Die Gelder finanzieren Klimaprojekte, mit denen Treibhausgase in der Atmosphäre gebunden oder Emissionen vermieden werden sollen. Aussehen kann das dann beispielsweise so: Initiativen bewässern in Deutschland heimische Moore, weil sie besonders effektiv Kohlenstoff speichern, es werden Windkraftanlagen in Taiwan aufgebaut oder Schülerinnen und Schülern wird beigebracht, wie sie sich umweltfreundlicher verhalten können.2

Die Qualität mancher Projekte wird allerdings kontrovers diskutiert, nicht alle sind auch sinnvoll und nachhaltig. Worauf man bei der Auswahl achten sollte, ist der Gold Standard, ein Qualitätsstandard für CO2-Kompensationsprojekte. Gute Kompensationsdienstleister weisen aber auch darauf hin, dass nicht nur das ausgestoßene CO2 dem Klima schadet und beziehen das in die Berechnung des Kompensationsbetrags mit ein.3 Beim Fliegen werden nämlich auch Feinstaub oder Stickoxide ausgestoßen, Veränderungen in der Wolkenbildung und die Kondensstreifen erhitzen die Atmosphäre zusätzlich. Ein Flug an sich wird durch die Klimakompensationen natürlich nicht weniger schädlich und wenn die Ausgleichzahlung als Freifahrtschein genutzt wird, um noch mehr zu fliegen, ist das nicht sonderlich umweltfreundlich. Aber die Spende kann bei nachhaltigen Projekten schon ein kleiner Beitrag zum Klimaschutz sein und das Fliegen ist und bleibt eine verdammt gute Erfindung, durch die wir die Möglichkeit haben, die Welt kennenzulernen. Die Notwendigkeit einer Flugreise muss wohl jeder versuchen für sich selbst einzuschätzen, denn es ist wie mit vielen Dingen, das Zauberwort heißt vor allem Bewusstsein. Für all diejenigen, denen der soziale Druck des Flugshamings doch zu groß wird, die Angst vor der totalen Ächtung ihres Umfelds haben und deswegen nur noch heimlich fliegen, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen, haben die Schweden übrigens auch schon ein passendes Wort parat: „Smygflyga“, ausgesprochen „Smüügflüüga“: Heimlich (smyg) fliegen (flyga). Nach „hygge“ vielleicht das nächste Trendwort?


[1] https://www.test.de/CO2-Kompensation-Diese-Anbieter-tun-am-meisten-fuer-den-Klimaschutz-5282502-5283299/ [Stand 16.09.19]

[2] https://www.zeit.de/die-antwort/2019-06/co2-kompensation-klimabilanz-fluege-faq#welche-projekte-zum-co2-ausgleich-gibt-es [Stand 16.09.19]

[3] https://www.travelbook.de/fliegen/airlines/airlines-flug-kompensieren [Stand 16.09.19]

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