Black Mirror – Meine Lieblingsfolgen

Wir schreiben Frühjahr des Jahres 2019. Frustriert von einer unterirdisch schlechten letzten Staffel Game of Thrones bin ich auf der Suche nach einer neuen Serie, die mein Bedürfnis nach guter Narration erfüllt. Und ich werde fündig. Ich widme mich (reichlich spät, ich weiß) der Science-Fiction-Serie Black Mirror, von der inzwischen fünf Staffeln und ein interaktiver Film auf Netflix zu finden sind. Ich gebe zu, es ist etwas widersprüchlich, denn eine Serie ist für mich normalerweise erst dann gut, wenn sie eine komplexe Geschichte stringent durcherzählt, ohne zu sehr zu hetzen oder zu langatmig zu sein. Black Mirror macht das nicht. Bei der Serie handelt es sich um eine Anthologie, das heißt jede Folge erzählt eine neue Geschichte. Das Einzige, was dabei alle Folgen gemeinsam haben ist, dass es sich thematisch um Technik und den Umgang von Menschen mit dieser dreht. Obwohl die Serie eigentlich nicht das ist, wonach ich gesucht habe, ist sie (meistens) wahnsinnig gut erzählt und hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten habe ich die Serie ziemlich schnell fertig geguckt. Ja, viele Folgen sind harter Tobak, aber ich konnte irgendwann einfach nicht mehr aufhören. Ich liebe es, dass Black Mirror es immer wieder schafft, zu schocken und zu überraschen, und dass man nicht weiß, was einen erwartet, weil alle Folgen so unterschiedlich sind. Zugegeben, die neuste Staffel kann (ähnlich wie Game of Thrones, aber doch nicht ganz so schlimm) mit den anderen Staffeln nicht mithalten. Obwohl sie gut gecastet und unterhaltsam war, hatten die drei Folgen nicht das erzählerische Niveau vieler anderer Folgen, aber das konnte meine Begeisterung für die Serie kaum schmälern. Um dieser Begeisterung Ausdruck zu verleihen, kommt hier ein Ranking meiner fünf liebsten Folgen. Vorsicht: Die Kurz-Rezensionen enthalten Spoiler!

5. Platz

Black Mirror / © Netflix

Staffel 3, Folge 3: Mach, was wir sagen

Da hat Black Mirror mich ganz schön hinters Licht geführt. Die Handlung von „Mach, was wir sagen“ folgt einem Teenager, einem typischen Underdog, der von seinen Kollegen gemobbt wird. Als Zuschauer*in sympathisiert man allein schon aus Mitleid von Anfang an mit ihm. Als ihn Unbekannte durch seine Webcam beim masturbieren filmen und ihn daraufhin versucht, per Handy dazu erpressen, ihren Befehlen Folge zu leisten, hofft man mit ihm, dass er heil aus der ganzen Sache rauskommt. Im Laufe der Folge wird der Protagonist gezwungen, ein Paket abzuliefern und eine Bank auszurauben. Der Teenager leidet sichtbar darunter, leistet aber allen Befehlen folge. Spätestens da kommt man als Zuschauer ins Grübeln: Klar ist es unangenehm, wenn alle seine Kontakte ein Video zugeschickt bekommen, das ihn beim masturbieren zeigt, aber würde es sein Leben wirklich so zerstören? Am Ende muss der Teenager mit einem anderen Mann, der ebenfalls von den Unbekannten erpresst wird, einen Kampf auf Leben und Tod austragen, den er gewinnt. Das belastende Material wird trotzdem hochgeladen und erst dann wird den Zuschauer*innen klar: Der Teenager, mit dem man die ganze Zeit sympathisiert hat, ist pädophil und auf dem belastenden Material sind Kinderpornos zu sehen. Das ist definitiv ein Plot Twist, mit dem man nicht gerechnet hat und ich kam auch nicht drum herum, mich dafür zu schämen, ihn nicht schon früher durchschaut zu haben. „Mach, was wir sagen“ spielt so gelungen mit den Sympathien der Zuschauer*innen. Etwas problematisch an dieser Folge: Die Motivation der Erpresser am Ende wird nicht enthüllt. Die Folge suggeriert, dass diese legitim gehandelt haben, ohne einen Anstoß zu geben, auch deren Verhalten zu hinterfragen, immerhin tragen sie mit Verantwortung am Tod eines Menschen. Das befeuert eine „Pädophile haben den Tod verdient“-Mentalität, die ich nicht unterstützen würde.

4. Platz

Black Mirror / © Netflix

Staffel 3, Folge 5: Männer aus Stahl

Es ist nicht schwer, zu durchschauen, was „Männer aus Stahl“ aussagen soll. Eine Militärorganisation macht Jagd auf menschenähnliche Wesen, die sie Kakerlaken nennen. Diese Kakerlaken haben fratzenhafte Gesichter, können nicht sprechen, sondern nur Tierlaute von sich geben und wirken alles in allem gefährlich und abstoßend. Protagonist Stripe findet allerdings im Laufe der Folge heraus, dass es sich bei den Kakerlaken eigentlich um ganz normale Menschen handelt und nur die Soldaten sie durch ihre Implantate als entstellte Wesen sehen, damit es leichter für sie ist, sie zu töten. Die Soldaten sollen diese Menschen töten, weil sie eine „schlechtere“ DNA haben, also zum Beispiel anfälliger für Krankheiten sind und die Regierung möchte, dass sie sich nicht weiter fortpflanzen. Das wirklich schockierende: Außer den Soldaten nehmen alle anderen Menschen die „Kakerlaken“ nicht als Monster, sondern als normale Menschen wahr. Trotzdem empfinden sie ihnen gegenüber Abscheu, schließen sie aus der Gesellschaft aus und liefern sie an das Militär aus. Die Regierung entscheidet darüber, welche Menschen unserer Gesellschaft weniger wert sind und diese Einstellung wird von den Bürgern so übernommen, ein Vergleich mit Völkermorden wie dem Holocaust liegt also nah. Doch auch das Thema, wie man das Gewissen von Menschen ausschaltet, deren Beruf es ist, zu töten, wird hier aufgegriffen. Denn als Stripe klar wird, dass es keine Monster, sondern Menschen waren, die er brutal abgeschlachtet hat, kann er mit dem Wissen nicht leben. Er entscheidet sich dafür, seine Erinnerungen von der Regierung löschen zu lassen und als Soldat weiter zu töten.

3. Platz

Black Mirror / © Netflix

Staffel 4, Folge 4: Hang the DJ

Obwohl mir eigentlich die düsteren, abgefahrenen Black Mirror Folgen besser gefallen, hat es trotzdem die einzige Folge mit einem richtigen Happy End in meine Top Five geschafft. Die Idee von „Hang the DJ“ finde ich einfach grandios: Eine Welt, in der „das System“ bestimmt, mit wem du wie lange zusammen sein darfst. Niemand hinterfragt dessen Entscheidungen und alle vertrauen darauf, dass das System am Ende den richtigen Partner auswählen wird. Mitten in dieser Welt lernen sich Frank und Amy kennen und verlieben sich ineinander, doch das System lässt sie nicht zusammen sein. Diese Folge basiert hauptsächlich auf der Chemie zwischen den beiden, sehr sympathischen Charakteren, denn hier stimmt wirklich alles. Die Folge ist toll erzählt und als die beiden gegen das System rebellieren, fiebert man als Zuschauer*in richtig mit. Am Ende wird offenbart, dass es sich bei der Geschichte um eine algorithmisch generierte Simulation einer Dating App handelt, die so herausfindet, welche Personen zusammenpassen. Das hat mich persönlich überrascht und zum lächeln gebracht. Die Folge endet damit, wie die beiden sich im echten Leben zum ersten Mal sehen – und man wünscht ihnen nur das Beste.

2. Platz

Black Mirror / © Netflix

Staffel 4, Folge 6: Black Museum

Eine Anthologie in einer Anthologie: „Black Museum“ gehört definitiv zu den heftigsten Black Mirror Folgen. Die Protagonistin Nish besucht ein Museum, das „kriminologische Artefakte“ ausstellt. Der Museumsleiter, der ihr die Geschichten hinter den Artefakten erzählt, entpuppt sich als ehemaliger Leiter eines Versuchslabors für neurotechnologische Experimente (ich liebe gruselige Experimente). Er berichtet Nish von drei sehr düsteren und abgefahrenen Vorfällen, die er in seiner Zeit in diesem Versuchslabor passiert sind. Der für mich gruseligste Vorfall war der aller erste: Der Leiter setzt einem Arzt ein Implantat ein, das ihn den Schmerz seiner Patienten spüren lässt, um sie besser behandeln zu können. Nachdem der Arzt durch das Implantat den Tod eines Patienten miterlebt, empfindet er den Schmerz allerdings als lustvoll und wird süchtig danach. Dass das nur ein düsteres und auch blutiges Ende nehmen kann, brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Auch die anderen beiden Episoden, von denen der Museumsleiter Nish erzählt, lassen einen als Zuschauer angewidert und schockiert zurück. Einerseits sind die Geschichten in „Black Museum“ so futuristisch, dass ich persönlich sie als sehr Sci-Fi lastig und weniger realistisch empfunden habe, trotzdem blicken sie in menschliche Abgründe, die doch interessant sind. Dadurch, dass der Leiter der Experimente die Geschichten aus seiner eigenen Perspektive erzählt, ist man als Zuschauer*in nah an dem Geschehen dran, kann sich aber nie ganz sicher sein, ob es sich nicht doch um einen unzuverlässigen Erzähler handelt. Bei der außergewöhnlichen und gut erzählten Geschichte hat es mich kaum gestört, dass das Ende wenig überraschend kam. Und dass in dem Museum auch Gegenstände ausgestellt sind, die in anderen Black Mirror Folgen vorkommen, ist außerdem ein schönes Easter-egg, solche Details mag ich immer sehr.

Honorable Mentions

Bevor ich euch *Trommelwirbel* meine Lieblingsfolge verrate, muss ich doch noch zwei Folgen erwähnen, die die Top 5 hier nur sehr knapp verpasst haben und die ich einfach nicht ganz unerwähnt lassen kann – Black Mirror hat einfach zu viele gute Folgen. Das transparente Ich (Staffel 1, Folge 3) konnte mich besonders dadurch überzeugen, dass ich während des Schauens mehrmals die Seiten gewechselt und mich am Ende selbst betrogen gefühlt habe, weil ich mir sicher war, dass der Mann sich den Betrug seiner Frau nur zusammenfantasiert. Die Folge erzählt auf tragische Weise, wie es sein könnte, in einer Welt zu leben, in der man all seine Erinnerungen jederzeit abrufen kann und die einen nichts vergessen lässt. Nicht unerwähnt lassen will ich auch San Junipero (Staffel 3, Folge 4), die Lieblingsfolge von so vielen. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen wird wirklich schön erzählt, die Chemie zwischen den Charakteren ist wundervoll, die Musik ist toll und als Zuschauer*in befindet man sich den meisten Teil der Folge in einem Stadium angenehmer Verwirrtheit. Die Idee von einer simulierten Realität, in der die im sterben liegenden und Toten weiterleben können, ist wirklich bittersweet. Einzig das Ende, das mir ein bisschen zu abrupt und einfach kam, konnte mich nicht komplett überzeugen, weshalb die Folge meine Top 5 knapp verpasst hat.

1. Platz

Black Mirror / © Netflix

Staffel 1, Folge 1: Der Wille des Volkes

Selten hat mich etwas, was ich im Fernsehen gesehen habe, so verstört, wie die erste Folge von Black Mirror. Wie ihr aus meinem bisherigen Artikel bestimmt schon herauslesen konntet, mag ich verstörend. Anders als die meisten anderen Folgen spielt „Der Wille des Volkes“ nicht mit futuristischen Ideen von Technik, sondern dreht sich um ein Medium, das wir alle täglich nutzen: Das Fernsehen. Ein Unbekannter entführt die Prinzessin von Großbritannien und erpresst daraufhin den Premierminister. Dieser soll, um die Prinzessin zu befreien, vor laufender Kamera Sex mit einem Schwein haben, ansonsten muss die Prinzessin sterben. Obwohl der Premierminister und seine Berater sich von Anfang an versichern, dass dieser der Forderung auf keinen Fall nachkommen wird, ist den Zuschauer*innen der Folge von Anfang an klar: es wird passieren. Besonders schockierend ist jedoch nicht der Akt selbst, sondern die Schaulust des Volks, welche die Folge auf perfide Weise darstellt. Während die Bürger zu Beginn der Folge aussagen, dass der Premierminister unter keinen Umständen zu so einer Tat gezwungen werden sollte, und sie sich die Live-Übertragung nicht anschauen werden, häufen sich gegen Ende die Aussagen, der Premierminister müssen dieses Opfer bringen, um ein Menschenleben zu retten. Und während der Premierminister letztendlich den Geschlechtsakt mit dem Schwein vollzieht, sieht man in einer langen Szene, wie die Menschen schaulustig vor ihren Fernsehgeräten sitzen und sich das „Spektakel“ anschauen. Die Prinzessin wurde schon freigelassen, bevor das Ganze begonnen hat, doch niemand hat es gemerkt, weil alle gebannt vor dem Fernseher saßen. Für mich war diese Folge ähnlich verstörend wie „Black Museum“, nur viel realistischer. Und gerade, weil diese Folge als eine der Einzigen nicht futuristisch angehaucht ist, ließ mich nach dem Schauen das Gefühl nicht los, die Folge ist ein zugespitzt dargestellter, unangenehmer Spiegel unserer schaulustigen Gesellschaft.

Natürlich gehen die Meinungen bei Black Mirror sehr weit auseinander, weil die Folgen so unterschiedlich sind. Deshalb verratet mir gerne, was eure liebste Folge ist!

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