Rezension: „Rouge“ von Mona Awad

Schönheit, Skin Care, Selbstoptimierung – Das Ganze kann einem manchmal vorkommen wie ein großer Kult. Genau mit dieser Idee spielt Mona Awad in ihrem neuen Roman Rouge. Ähnlich wie in Bunny, folgen wir in Rouge einer unzuverlässigen Erzählerin, die immer tiefer in die Fänge eines Kults gerät und erfahren dabei mehr über ihre inneren Dämonen. Diesmal ist das Thema die unrealistischen Schönheitsideale unserer Gesellschaft. Wie schon bei Bunny konnte mich Mona Awad in ihrem neuen Buch auf mehreren Ebenen überzeugen.

Doch erstmal ein paar Worte zum Inhalt

Mirabelle ist besessen von der perfekten Haut. Sie cremt sich regelmäßig mit absurden Wirkstoffen ein und schaut jeden Abend zum Einschlafen Skin Care Videos. Auch Mirabelles Mutter Noelle war schon immer von ihrer eigenen Schönheit eingenommen. Doch würde sie auch für ihre Schönheit sterben? Nach Noelles mysteriösem Unfalltod häufen sich Fragen, was wirklich passiert ist, und auf der Suche nach Antworten, gerät Mirabelle in die Fänge des sektenartigen Spa, in dem ihre Mutter Stammkundin war. Dort findet sie nicht nur Antworten zu einer perfekten Haut, sondern weckt auch lange verdrängte Erinnerungen, die die Beziehung zwischen Mirabelle und ihrer Mutter in ein ganz neues Licht rücken.

Meine Meinung

Wie auch bei Bunny hat mich vor allem das Thema Kults angesprochen (das scheint Mona Awad zu beschäftigen). Schönheitswahn als übergreifendes Thema passt perfekt in das Kult-Setting, da – wie wir alle wissen – die Schönheitsindustrie einfach absurd, destruktiv und gefährlich ist und uns allen eine Gehirnwäsche verpasst, was normal und schön ist – und was eben nicht. Unter diesen absurden Schönheitsidealen leidet Protagonistin Mirabelle schon als Kind. Wegen ihres ägyptischen Vaters ist ihre Haut dunkler als die ihrer Mutter und der meisten anderen Menschen, die sie kennt. Deshalb schafft sie es nicht, sich selbst als schön zu betrachten, denn sie entspricht nicht dem gängigen Schönheitsideal. Ihr ganzes Leben lang ist sie besessen davon, möglichst makellos und aufgehellt auszusehen. Das macht sie besonders anfällig für das kultartige Luxusspa, das ihr kostenlose Behandlungen anbietet und ein strahlendes Gesicht verspricht. Je tiefer sie in den Kult abtaucht, desto unzuverlässiger wird Mirabelles erzählen und sie kann nicht mehr zwischen Wahn und Realität unterscheiden, was sehr unterhaltsam erzählt wurde.

Besonders die Dynamiken der Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Mirabelle und Noelle waren spannend und einfühlsam erzählt. Beide sind sehr interessant geschrieben, haben Ecken und Kanten und die Beziehung zwischen ihnen ist von gleichzeitig von Unverständnis, aber auch von Liebe geprägt. Das Buch erzählt immer wieder Rückblicke aus Mirabelles Kindheit und Jugend, die der Beziehung der beiden Figuren Tiefe verleiht. Beide sind definitiv eher unsympathisch und verhalten sich nicht immer unbedingt nachvollziehbar, was mich aber gar nicht gestört hat.

Das Hauptthema Schönheit und das wiederkehrende Motiv des Spiegels erinnern an das Märchen Schneewittchen. Generell lässt der etwas distanzierte, aber doch blumige Schreibstil den Roman wie eine Art düsteres Horror-Märchen wirken. Zwar würde ich Rouge nicht ins Fantasy-Genre einordnen, es kommen aber häufig Elemente des magischen Realismus vor. Das Ganze ist gemischt mit einer starken Prise Satire, was die Handlung unvorhersehbar macht und mich oft zum Schmunzeln brachte. Zum Beispiel handelt es sich bei einer Schlüsselfigur um einen Mann, der aussieht wie Tom Cruise und Mirabelle als Kind regelmäßig zuhause besucht, indem er durch den Spiegel zu ihr geht. Und auch die anderen Männerfiguren konnte ich nicht gerade ernst nehmen. Es gibt den Schönheits-Detektiv namens Hud Hudson und den Fensterputzer Tad, der aussieht wie ein Meerjungmann. Weirdness ist also in hohem Maße vorhanden und wird einigen Leser*innen sicherlich ein bisschen zu viel sein. Ich bin einfach mit dem Weirdness-Flow gegangen und konnte das Ganze definitiv genießen. Trotzdem hatte der Roman mit knapp 510 Seiten einige Längen, vor allem die Passagen, in denen Mirabelle nach ihren Behandlungen verwirrt herumirrt, waren mir zum Teil etwas zu lang.

Mein Fazit

Be prepared – you’re in for a weird ride. Wenn du magischen Realismus magst und gut mit etwas seltsamem Humor umgehen kannst, dann wird Rouge das Richtige für dich sein. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, vor allem auf Grund der Themen: Schönheitswahn, Kults und eine komplexe Mutter-Tochter-Beziehung. Wie schon bei Bunny habe ich mich den Figuren gegenüber eher distanziert gefühlt, was aber das entrückte und distanzierte Gefühl der Protagonistin unterstrichen hat. Bunny mochte ich zwar noch ein kleines bisschen lieber. Aber wenn dir Bunny gefallen hat, wird Rouge sicherlich auch das Richtige für dich sein.

Rouge wurde übersetzt von Cornelia Röser und ist im btb Verlag erschienen. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

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